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Wittkllose Mädchen.
Roman von H. E h r h a r d t.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
4.
„Arme Ruth!" Das Wort verfolgt sie die ganzen nächsten Tage hindurch mit marternder Pein. So oft sie sich über ihr heroisches Opfer hinaus zu neuem Lebensmut aufraffen will, tlingt's wie dre Devise ihrer ganzen Zn- kunft in ihre Ohren uni) sie fühlt sich dann wirklich arm, bettelarm und unsäglich elend.
Sie zittert vor einer Begegnung mit Hans Hansen, sie fürchtet, ihre Kraft könne zu einem zweiten Kampfe nicht mehr ausreichen. Und doch muß sie Vorbereitungen treffen für den Abend, der ihr das gefürchtete Wiedersehen bringen inuß. Sie näht und putzt an ihren Ballsachen herum, während ihr .Herz wund und zerrissen ist und die Tatsache, daß sie zu dem nicht mehr ganz frischen vor- jährigen Kleide eine neue Blurneugarnitur haben muß, verbittert nur noch mehr ihre Stimmung.
Am Nachmittag des Balltages packt die Rätin eine Garnitur tiefroter Mohnblumen vor ihr aus und spricht aufgeregt davon, wie prächtig die leuchtende Farbe zu dem gelben Seidenkleids und dem blassen Gesicht der Tochter passen wird. _
„Du siehst ein bißchen matt aus!" setzt ftc zum Schlug ängstlich hinzu, „leg' Dich mir zu Gefallen ein Stündchen hin und versuche zu schlafen. Ich will doch abends stolz jein können auf meine Tochter."
Ruch sträubte sich heute nicht wie sonst gegen die Zu-- utUiung, am Hellen Tage kostbare Arbeitszeit zu verschlafen, sondern rafft hastig die Blumenzweige zusammen uni) verschwindet damit in das kleine Stübchen, das an dem Korridor zwischen dem Berliner Zimmer und der Küche liegt und dessen einziges Fenster auf das Hinterhaus und einen schmalen .Hofraum hinausblickt. Auf der weißen Decke des Bettes ist ihr Ballstaat ausgebreitet, das mit so vieler Mühe aufgearbeitete „Gelbseidene", einfache, blendend weiße Wäsche, die auflackierten Tanzschuhe, der kleine Helle Gazefächer — vor der offenen Röhre des weißen Kachelofens baumeln die gewaschenen weißledernen Handschuhe, damit sie in der Wärme den häßlichen Benzingeruch verlieren, der in der Luft noch immer bemerkbar war.
Ruth heftet erst mechanisch die Mohnblüten um den runden Ausschnitt der Kleidertaille. Dann wird sie plötzlich müde und nickt ein.
Als sie erwacht, ist ihr freier zu Mute. Dichte Finsternis umgibt sie nun, und gerade, als sie sich erhebt, stürmt Suse tote ein Irrwisch ins Zimmer, um die Schwester ans Toilette machen zu mahnen.
„Du wirst la nicht fertig, Ruth — hier schickt Mutter
Dir eilt paar Wurstschnitten, damit Du nicht schwach ton'ff,: iß nur schnell. .Hast Tu denn kein Ballfieber?"
Und beim Schein der rasch entzündeten Kerze jteQt sie staunend tu das vom Schlaf gerötete, ruhige Gestcht der Schivester. Tie verneint, obgleich sie heute eigentlich dre Unwahrheit damit sagt. Biel ruhiger rst sie ja geworden und sie verzehrt mit wirklichem Appetit die sparlrch belegten Brote, während Suse in quecksilberner Unruhe weiter schwatzt: „ . „
„Du brauchst ja auch keine Airgst zu haben, daß Du Mauerblümchen spielst — so schön wie Du bist, gerade heute, nein, wirklich, Du siehst tadellos ans und wenn rch ein Mann wäre, ich verliebte mich Hals über Kopf in Dich"
„Bei Deinem Temperament gäbst Du einen gefährlichen Liebhaber!" fcherzt Ruth amüsiert.
„Ach ja." Suse reckt die beiden runden Arme und die blauen Augen sprühen. „Ich könnte jemanden auffressen vor Liebe, glaube ich, ganz tolt möcht' ich sein und meinen Bräutigam werd' ich mindestens mal tot küssen, das ist bombensicher —"
„Aber Suse!"
„Das sckickt sich wieder nicht, ich weiß schon!" die Klein« hält sich die rosigen Ohren zu, „schilt nur nicht, Ruth, komm, laß mich Dein Haar aufmachen."
Und die Aeltere schweigt still und duldet mit geschlossenen Augen, daß Suse ihr das reiche, schwarze Haar löst und durchkämmt. Nur mit halbem Ohr hört sre, was der roiige Plappermund ihr dabei vorschwärmt, jedenfalls ist viel von Musik und Tanz, schönen Kleidern und netten Herren die Rede, Zukunftsbilder, an denen die Sprecherin sich vorahnend berauscht und über deueir sie ihren Kummer, noch nicht ausgehen zu dürfen, vergißt.
Kaum eine halbe Stunde später steht Ruth fertig an- gekteidet vor dem schmalen Trumeauspiegel im Wohnzimmer. Ihre Erscheinung ist von königlicher Schönheit. Weich, mit goldenen Lichtern, schmiegt die gelbe Seide sich um ihre vollendet ebenmäßige Gestalt, die Mohnblüten heben sich glühend rot von dem schneeigen Weiß des Nackens ab und werfen einen zartrofigen Schimmer über ihr edles, ein wenig strenges Gesicht, ans dem die dnnckeN Augen in feuchtem Schnrelz leuchten. An den üppigen, tiefschwarzen Haarknpten schmiegt sich eine einzelne groß« Mohnblume. ,
Eine Weile starrt sie geistesabtvejend ihr eigenes berückendes Spiegelbild an. Sie ist allein im Zimmer. Sus« ist zur Mutter gelanfeti, um die „zweite Balldame", tot« sre sich ausdrückt, „schön zu machen". Leise kocht die offen« Gasflamme in der flachen mattgeschliffenen Glasschale über Ruths Haupt, wirft zuckende Lichter über den blottden Scheitel des schönen Weibes an der Wand, das tvieder, wie in schicksalsschwerer Stunde, in lächelndem Staunen auf die Tochter niederzublicken scheint.
Ueber diese kommt die Erinnerung an jene Stund« und di.e alte, heiße Angst vor der kommenden. Sie sieht


