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sitzt mit mindestens dreißigtausend Mart in den Nesseln. Mädchens haben ja im allgemeinen keinen Rechenverstand, aber wenn du dir nu das Exempel nicht selbst zusammen- kalmüserst —"
„Barmherziger Gott! Dann hat er —"
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„Aber weshalb?" schrie sie auf. „Ich beschwere dich, weshalb?"
Jochen Staberow machte runde Augen und hob die Schultern fast bis zu den Ohren.
(Schluß folgt.)'
Are WeihnaÄlspaüete.
Von Josela Vogt.
Nachdruck verboten.
Die Auswahl der Weihnachtsgeschenke ist an sich schon eine Sache, die Kopfzerbrechen niacht. Für die eigenen Fainilieninitglieder ist ja schließlich eher noch was Passendes gefunden; aber für die auswärts wohnenden Verwandten das Richtige zu treffen, dazu gehört schon eine Gabe, die nicht jedermann besitzt. In den früheren Jahren hatte ich noch immerhin Glück gehabt derart, daß ich mir wenigstens keine abfällige Kritik zngezogen hatte, aber in diesem Jahre wollte mir gar nichts Passendes einfallen. Ich grübelte und sann und sann und grübelte, — aber all das half nichts. Ich streifte Nachinittag für Nachmittag die Schaufenster ab, es war absolut nichts aufzutreiben. Da beschloß ich einen Appell an die allerletzte Instanz, an meinen Mann.
«Hör' mal, Männchen," wandte ich mich eines Abends an ihn, „was meinst du denn, was wir diesmal Onkel Adolf zum Feste schenken sollen?"
„Das dürfte mir so ziemlich Wurscht wie Schale sein," antwortete er ebenso grob wie brummig, denn er konnte den alten, guten, lieben, braven Onkel Adolf ganz und gar nicht leiden, „Der alte Geizkragen lässt das ganze geschlagene Jahr nichts von sich hören. Selbst das Datum deines Geburtstages vergißt er mit konstanter Bosheit, nur um den Portogroschen zu sparen."
„Das ist nicht wahr," gab ich gereizt zurück. „Ich muß mir ausbitten, daß du von meinen Leuten nicht so despektierlich sprichst. Aber solche ■ alten Junggesellen sind nun einmal wunderlich und Onkel Adolf hat die Marotte, die Post nicht reich machen zu wollen."
„'ne schöne Marotte das," höhnte mein Mann, „da kannst du dich ja ohne weiteres revanchieren. Schicke ihm doch das Weihnachtskistchen unfrankiert. Wir wollen die Ueberschüsse der Postverwaltung erst recht nicht ins Ungeheuerliche steigern helfen."
Ich verzichtete auf eine Erwiderung, die doch nur noch mehr Oel ins Feuer gegossen haben würde, hielt es vielmehr für angezeigt, ein anderes Thema anzuschneiden und zwar ein solches, das die Familie meines Mannes betraf: „Und auch für deine Tante Jette habe ich noch keine Ausivahl treffen können," lenkte ich ein „und die ist doch für kleine Aufmerksamkeiten sehr empfänglich."
„Auch für große", unterbrach mich mein Mann so eifrig, daß ich merkte, ich hatte das Nichtige getroffen, „und da es sich in diesem Falle um unsere Erbtante handelt, wäre jede Knauserei vom Uebel. Da muß ich wohl oder übel den „Schentlehmann" herausbeißen. Zu welchem Krims-Krams du den schönen Mammon anlegen wirst, darüber gedenke ich mir meinen Kopf nicht zu zerbrechen." Und damit ging er zur Jamilienkassette und entnahm derselben den erwünschten blauen Schein.
Nun, — ich hatte zwar den Zweck meines Anliegens nicht erreicht, aber ich war doch mit diesem Ausgange ganz zufrieden. Für das Geld konnte ich Tante Jette ganz anständig bedenken, und daß mein alter, lieber, guter, braver, Onkel Adolf nicht zu kurz kommen sollte, dafür würde ich schon Sorge tragen.
Ich begann also meine Weihnachtswanderungen von neuem. Und merkwürdig: früher, als die Preise für mich ausschlaggebend gewesen waren, erschien mir gar nichts des Kaufens wert, — jetzt aber, wo ich nicht mehr zu knavpsen
und zu knausern brauchte, hätte ich am liebsten ein Schaufenster um das andere ausgekauft. Und als ich des Abends nach Hause kam, war schon alles komplett. Für Onfet Avals hatte ich erstanden: eine Biberpelzmiitze, eine in Schildpatt ausgelegte große Schnupftabaksdose, einen Stammtischhumpen mit der Inschrift: Hopsen und Malz, der Himmel erhalts, zwei Flaschen Getreidekümmel und einige Pakete Pastorentabak, weil ich wußte, daß der Onkel aus der guten allen Zeit sich seine lange Pfeife in das Jahrhundert der Zigarren und Zigarretten hinübergerettet hatte. Für Tante Jette >var bestimmt: eine große Küchenschürze mit Latz, ein Paradehandtuch, auf welches ich sticken mußte: Was bess'res gibts auf Erden nicht als Friede«: nnb ein gut Gericht, eine Düte Pralinees, ein paar Tafeln Schokolade und zwei Fläschchen Eau de Cologne.
Diese Ausivahl fand ich allerliebst und den praktischen Verhältnissen sehr angemessen. Jetzt handelte cs sich nur noch darum, die Sachen in zwei Kistchen zu verstauen und diese so rechtzeitig der Post zur Beförderung zu übergeben, daß sie von den: großen Weihnachtspaket-Trubel nicht berührt wurden. Ich hatte nämlich schon einmal die traurige Erfahrung gemacht, daß die Kisten erst nach den Festtagen an- gekommen waren und deshalb nicht mehr den richtigen Weihnachts-Effekt erzielt hatten. Deshalb beschloß ich jetzt, die Kistchen schon in der ersten Hälfte des Dezember aufzugeben. Die Verpackung ging denn auch tadellos von statten. Ich füllte selbst die gelben Begleitformulare aus und war eben dabei, die Kistchen zu adressieren, da wurde unerwarteter Besuch gemeldet: Frau Hauptzollamtskasscnkontrolleurin Biedermann sprach bei mir vor, um mit mir die letzten Anordnungen für die Bescherung armer Waisenkinder zu treffen. Rasch stellte ich die Kistchen beiseite: rechts das für den Onkel, links das für die Tante bestimmte.
„Also es bleibt dabei, liebste Fran Josefa", erklärte die Frau Kontrolleurin, „daß die Sache am 13. nachmittags vor sich geht."
„Ganz meine Ansicht", pflichtete ich bei.
„Und ivas ich noch sagen ivollte. Liebste, Beste", die Dame schien noch allerlei auf dem Herzen zu haben. „Wissen sie's denn schon, daß . . . Was, das wissen Sie nicht? Na hören Sie mal . . . Nein, da müssen Sje schon gestatten, daß ich noch ein Weilchen mich verplausche. . . . Wie, cm Täßchen Kaffee offerieren Sie mir? Ach, wie gütig. Und diesen Streußelkuchen esse ich so gern. Na, dann lassen Sie schon den Kaffeetisch decken. O, bitte, bitte, nur keine Umstände. Also, ivas ich sagen wollte . . . Ach, wenn ich nur mehr Zeit hätte, daß ich ihnen auch die Vorgeschichte erzählen könnte, — aber Sie glauben nicht, wie ich beschäftigt bin. Bei mir könnte der Tag achtundvierzig Stunden haben und da wäre er mir immer noch zu kurz. Ach bitte noch ein Tröpfchen Sahne, — oh, oh, delikat. Beziehen Sie die aus einer Molkerei? Und der Streußelkuchen — vorzüglich. Wohl selbstgebacken? Also was ich sagen ivollte . . ."
Und nun ging das Erzählen los! Zuerst das arme Lieschen. Philipp! Dieser gemeine Mensch von Prokurist hatte das bedauernswerte Geschäft gerade vor Weihnachten sitzen lassen. Dann die anonymen Briefe. Nee, wenn man das Scheusal raus kriegte, das die geschrieben hat. Aufhängen, verkehrt aufhängen. Weiter der Aufwand, den dieser Richter treibt. Na, wenn den das Weihnachtsgeschäft nicht herausreißt, damr ist die pleiteste Pleite fertig. Und dann dieser Obertertianer von Beckers. Einmal ist er schon sitzen geblieben. Nun hat er schon wieder ein schlechtes Zeugnis nebst einer Sittennote. O, das konnte noch mal ein sauberes Früchtel werden! Schließlich der Unterzollamtsbeamte Loewel In einer Nacht hatte er im Schafkopsspiel 24 Pfennig verloren und drei Schnitt Löwenbräu ankreiden lassen. Avancieren konnte und durfte solch' eine Spielratte und solch' ein Saufaus nicht, gar nicht, nun und nimmer . . .
Zwei Stunden lang mußte ich mir diese instruktiven Vorträge anhören. Es schien mir, als ob einige dunkle Wolken durch meinen Kopf zögxn, der mir ganz benommen vorkam. Wie durch einen dichten Nebel hörte ich endlich:


