Ausgabe 
22.12.1906
 
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abend nut den Unterboten stieg, unt mal nach den Weih- nachtsäpfeln zu sehen, habe ich ihn reden hören oben unterm Lach wie mit einem kranken Menschen."

Sie schauderte zusammen und umklammerte seinen Arm mit beiden Händen. Die Einwendung, zu der Jochen Stabe- row tief Atem holte, erstickte sie mit einem leisen:

Ssssst! Ich hab' es ganz genau gehört.Mein Nucke- chen", hat er gesagt,tu mir alten Mann den Gefallen und stirb mir nicht. Es tst ja nichts mit der Stadt für dich, das seh' ich ivohl ein unb für mich auch nicht. Aber du bist doch das einzige, Nuckechen, was mir noch geblieben ist von meinem lieben Pardubitz. So ist's recht leg' dich aus die andere Seite aber halt' aus, mein Nuckechen! Menn du stirbst, dann hab' ich nichts mehr von aÄem, was ich gehabt habe!" Dann hat er geschluchzt, Herr Stabe- row, daß es mir heiß und kalt geworden ist. Und da bin ich 'runtergelaufeii, was mich die Beine tragen wollten."

Jochen Staberow hatte sich abgewandt und in sein Sack­tuch geschneuzt.

Da müssen Sie sich nichts bei denken, Sophia, das sind alles die Polypen."

Achott, das ist mir zu unheimlich, Herr Staberow. Nu sitzt er, seit der Justizrat Abel aus Neubrandenburg dagewesen ist, wieder oben. Und das sind schon Stunden!"

Ter Justizrat war da?"

,^Jawohl, und es muß was Wichtiges gewesen sein. Ter olle Baron hat getobt wie ein wütender Waldesel und ist dann 'raufgestampft; der Justizrat aber hat noch lange mit der Baroneß gesprochen. Die arme Baroneß hat hinter­her schrecklich geweint, wo ihr doch so schon die Augen weh­tun von dem vielen Sticken und Häkeln für Leyser'n sein Weihnachtsausverkauf!"

Tas hätten Sie mir man gleich sagen sollen. Fielen, und nicht erst so'n dummen Schnack machen von wegen Schweine und Gespensters."

Jochen Staberow verließ die Küche und ging schräg über die Tiele zur Wohnstube. Ehe er aber die Tür öffnete, wischte er mit beiden Zeigefingern in den Augenwinkeln herum _ und legte sich unter verschiedentlichen Grimassen ein Gesicht zurecht ein möglichst harmloses und unbe­wußtes sozusagen.

'Tag, kleine Baroneß! Immer noch im Betrieb? Und bei dem schlechten Licht? O, und was'« seinen Long- shawl!"

_Das wird ein Tischläufer, Onkel Staberow", ertoiberte Josefa von Knieper mit müdem Lächeln, ohne das Gesicht von der Stickerei zu erheben.

Ei der Flix! So was gibt's auch? Aber fein ist das, pukfein. Der Leyser hat gesagt, daß ihm so eine schöne Arbeit, wie du sie machst, überhaupt noch gar nicht vorgekommen wäre. Jedes Stuck geht ab wie warme Semmel. Du sollst gesund bleiben, hat er gesagt, und er würd' dir zulegen. Ja. Was ich noch sagen wollte, Baro- neßchen oder wolltest du was sagen?"

Ein leises Kopfschütteln.

Eigentlich wollt' ich auch nichts sagen. Das heißt, die Geschichte mit dem Ferkel hat Fieken nu doch bald spitz. Sie hat schon was gerochen davon und auch schon was gehört. Es kann nicht mehr lange dauern, dann wird sie was sehen

Unb bas wäre Wohl das beste, Onkel Staberow. Das Versteckenspiel verzeih! dünkt mich Eurer nicht ganz würdig. Außerdem ist Papa geradezu beuilruhigend in der letzten Zeit, seit das Tier krank ist. Er ist völlig zer­fahren und unzugänglich. Selbst nachts höre ich ihn im Nebenzimmer von dem Ferkel sprechen."

DaS tut er am Tage auch, wie ich vorhin gehört habe. Aber du hast ganz recht, es ist im Grunde eine Schaube für so ein paar alte Knöppe, sich vor Fielen untern Dach­first zu verkriechen. Schließlich bin ich doch Herr im Hause, Donnerlichting! Und toeuit ich mir in meiner guten Stube eine ganze Zucht von Yorkshire anlegen wollte, bann hält' mir auch keiner was reinzureden. Gleich werde ich das nachher in Ordnung bringen, wenn Fielen erst in etwas besserer Stimmung ist. Solch ein Ferkel ist doch leine Fledermaus, die unter den Dachsparren auskommt. Da muß es sich ja verkühlen und krank werden. Ich werd' es auch lieber gleich besorgen"

Nein, bleib', Onkel Staberow, einen Augenblick."

Die Baroneß ließ die Arbeit sinken und legte die Rechte für einen Au gen lick über die schmerzenden Augen.

Als sie bann aufblickte, erschrak Jochen Staberow ordentlich über das blasse Leidensgesichl.

Es wird so nicht gehen", sagte sie einfach.Ich habe eine Stelle angeboten bekommen, die ich annehmen werde."

Eine Stelle? Du bist wohl, mit Verlaub, ein bißchen rappelig?"

Ich kann nicht anders, Onkel Staberow. Abgesehen davon, daß ich dir trotz aller Mühe immer noch aus der Tasche liegen muß mit Papa"

Baroneßchen, der Hochmut ist das schlimmste, was du kriegen kannst!"

Nein, nein, es geht so nicht mehr, auch wenn ich deine Opferwilligkeit weiter mißbrauchen wollte. Es ist übergenug, wenn du dich noch Papas annimmst, bis ich allein für ihn sorgen kann. So lange will ich fort, weit fort!"

Aber weshalb denn, Kindchen?"

Weil ich mich sammeln und etwas in mir klaren muß, Onkel Staberow. Weil ich sonst irre werde! Ich fühle es!"

Das klang wie ein Aufschrei eines gepeinigten Herzens. Sie schlug beide Hände vor das Gesicht. Dann reckte sie die Arme über den Tisch und ergriff die rauhe Hand des väterlichen Freundes in krampfhaftem Druck.

Kannst du ihm nicht sagen, daß er mir meinen Frie­den lassen soll!" rief sie verzweifelt.Den Frieden, den ich brauche in all dieser Angst und diesem Elend!"

Ich! Wem! Belästigt dich etwa jemand, Baroneß? Den frikassiert der Teufel bei lebendigem Leibe!"

Herr von Meck belästigt mich nicht. So nicht! Er ist öfters in der Stadt, und bann sehe ich ihn wohl ge­legentlich. Er ist persönlich so zurückhaltend, wie ich es nur wünschen kann. Aber sonst! Ich weiß, daß alle Ar­beiten, die ich abliefere, von ihm gekauft werden. Ich weiß"

Stop mal! Weshalb soll der Wann nicht auch Long- shawls kaufen?"

Gewiß. Dabei ist an sich nichts. Auch weiß ich, daß ich wider seinen ausdrücklichen Willen davon erfahren habe. Aber verstehst du denn nicht? Ich kann und mag auch nicht indirekt für diesen Mann arbeiten, den mein Vater haßt, wie er nie zuvor einen Menschen gehaßt hat! Der, toeun Vater im Recht war heute, uns belogen und be­stohlen hat! Der"

Du mußt nicht so fix aufzählen, Baroneß. Ich kann nicht folgen. Handelt es sich um Pardubitz?"

,,xS a.

Dann ist Vater nicht im Recht. Erzähl' weiter."

Justizrat Abel war hier und teilte uns im Auftrag des Herrn von Meck mit, daß uns ans der Verrechnung noch ein Kapital von zehntausend Mark zustehen würde"

Was hat er gesagt?"

Es ständen uns noch zehntausend Mark zu, die er auf Wunsch in eine Reute von zweitausend Mark umwan- deln wolle aber was hasst du?"

Wie sich Jochen Staberow anstellte, das nahm sich aller­dings verwunderlich aus. Er hüpfte in der Stube umher wie ein wahnsinnig gewordener Schuhplattler. Erst nach völliger Erschöpfung ließ er sich in den Stuhl fallen unb fragte außer Atem:

Also deshalb Schwindler und Gauner?"

Vater vertrat den Standpunkt, daß Herr von Meck das Geld uns bisher unrechtmäßig vorenthalten habe und daß er jetzt nur deshalb etwas herausgebe, um uns wieder die Abhängigkeit von ihm fühlen zu lassen."

Jochen Staberow wurde ernst. Feierlich ernst. Viel­leicht klang es nur deshalb so hart, weil er noch etwas knapp an Luft war, als er sagte:

Das ist der gräulichste Unsinn, den ein krankes Hirn je ausgebrütet hat, mein Kind, und zugleich auch die blu­tigste Ungerechtigkeit! Wenn ich da weiter schweigen wollte, würde ich eine Hundsfötterei begehen an einem Menschen, der unter Glas und Rahmen gesetzt und mit der Unter­schrift:Eine Seele von Kerl" öffentlich ausgestellt werden müßte. Baroneß! Ich, Joachim Johannes Staberow, sage dir folgendes, unb wenn auch nur eine Silbe davon nicht stimmt, dann will ich mein Lebelang keinen Portwein mehr, sondern bloß noch verdünnte Schwefelsäure mit Glas­scherben trinken: Als Pardubitz unter Sequester kam, war das Gut dermaßen verschuldet, daß Vatern nicht mehr ein Ziegel, nicht ein Strohhalm gehörte. Wer das Gut zu den Schulden übernimmt, wie das Herr Von Meck getan hat,