mit Voller Ueberlegnng, daß die Zeitung mit allen ihren Fehlern eines der Bollwerke zur Erhaltung unserer Gesundheit in der gegenwärtigen Zeit ist. Es bildet das Gegenmittel gegen die nervenaufreibende Arbeit zu selbstsüchtigen Zwecken; es gibt den Blödsichtigen einen weltweiten Horizont ... Es ist in seiner Tragik und in seiner Komik wahr und wirklich, während der Roman nur Vortäuschung ist. Es bringt uns kurze Abrisse des Lebens in Form von Plaudereien. Es liefert Helden dutzendweise. Es gibt uns leicht verdauliche geistige Nahrung... So mancher Mann ist vor Schwermut und Trübsinn nur durch seine Zeitung gerettet worden. Wollte man die Zeitungen abschaffen, so müßte man gleichzeitig die Irrenhäuser vergrößern." Die englische Presse stellt sich natürlich spröde und tut so, als ob sie dieses Lob . . . nicht in seinem vollen Umfang, annehmen könnte, verbreitet sich dann aber tiefgründlich in Einzelheiten, um zu beweisen, daß Sir James doch Recht hat. Beispielsweise, so wird ausgcführt, wenn der ermüdete Städter, der sonst in seiner Beschäftigung aufgeht, und sich dabei aufreibt, in den Ferien an die See reist, nimmt er aus Langeweile ein Zeitungsblatt zur Hand, das er dann sorgfältig durchzustudieren Zeit hat, und dabei erhält er so viel Anregungen, daß er von sich und seinen kleinen Sorgen völlig abgelenkt wird. Jeden Tag entrollt seine Zeitung ein neues, und manchmal sogar ein interessantes Weltbild vor ihm und vertritt auf diese Weise an ihm die Stelle des Geistes- und Seelenarztes, der den müden, gehetzten, modernen Menschen Schritt um Schritt der Gesundung entgegenführt.
* Die Eisen st ange und die Tiger. Im „Türmet (Herausgeber Jeannot Einil Freiherr v. Grotthuß, Verlag von Greiner und Pfeiffer in Stuttgart) veröffentlicht Hermann Löns folgende nachdenkliche Parabel: „Bor dem Tigerkäfig des Zoologischen Gartens stand ein Mann. Es war Fnttcrungszeit. Die beiden Tiger wanden sich in geschmeidigen Achterfignren aneinander vorbei, und jedesmal, wenn sie sich begegneten, schnaubten sie und schlugen mit den Pranken nach einander. Der Wärter kam mit einem eisernen Kasten voller Fleischstücke auf der Schulter. Er warf jedem Tiger einen riesigen Brocken zu, und jeder von ihnen riß sein Stück im Sprunge an sich, fauchte und prustete und stürzte sich mit offenem Rachen und hervorgestreckten Krallen auf den andern, um ihm sein Stück zu entreißen. Längere Zeit schlugen sie auf einander los, zerrissen sich die Nasen und Lefzen, daß ihr rotes Blut den Boden des Käfigs färbte. Zuletzt nahm der Wärter eine Eisenstange und stieß sie durch das Gitter zwischen die Tiger. Da sprang jeder in seine Ecke und fraß seinen Fleischbrocken, ohne sich um den andern zu kümmern. Der Mann lachte und sagte zu dem Wärter: „Es ist unglaublich, wie dumm doch im Grunds diese Bestien sind. Sie benehmen sich, als wäre die Eisenstange ein unübersteigliches Hindernis." Als er nach Hause ging, begnete ihm ein Mann, mit dem er lange Jahre eng befreundet gewesen war. Beiden zuckte die Hand nach dem Hute, aber sie bezwangen sich und sahen mit kalten Augen an einander vorbei. Denn der Freund des Mannes war vor kurzem zu einem anderen politischen Glauben übergetreten."
— Das Lied der Studentinnen. Der Internationale Studentinnenverein in Zürich, in dem sich vor mehr als einein Dezennium deutsche Studentinnen znsaininenschlosse», um durch zahlreiche Petitionen das akaden>ische Bürgerrecht zu erhalten, hat nun, nachdem der Sieg errungen, ruhigere Bahnen eingeschlagen. Traten die Studentinnen damals zusammen, um Feldzugspläne zu besprechen, so vereinigten sie sich jetzt zu fröhlicher Zusammenkunft, und in dicsein irohcn Kreise sang Fräulein cand. med. Josefine Hob er das „Lied der Studentinnen", dem wir folgende Strophen entnehmen:
Keine Männer woll'n wir sein, Sonder» freie Frauen;
Hoch sei uns das Ziel gc steckt, Nun, da uns das Ich geiveckt, :/: Woll'n wir auf uns bauen. :/:
Die Theologie studiert Wohl sobald noch keine; „Muller“ — noch Bedeutung hat „In ecelesia taceat'1, :/: Doch man drum nicht weine. :/: Jus studieret manche Frau, Stellt der Ford'rung viele: Kinderschutz und Vormundschaft, Wahrspruch und die Mutterschaft. :/: Vivant diese Ziele. :/:
Auch in Philosophicis Manche sich erquicken, In Psych- und Philologie, Mathematik und Chemie, :/: Mög' es ihnen glücken. :/: Schülerinnen Aeskulaps Soll es viele geben,
Das, was sie der Menschheit leisten, Schätzen alle doch am meisten;
:/; Hoch soll'» sie drum leben. :/:
Wer die Allgemeinheit liebt, Liebt das Einzelwesen, Und ein großes Freudigsein Kehrt in uns're Reihen ein: :/: Vivat alma water. :/:
— MariezurMegede: UnterMasken. Romarfl — Verlag von F. Fontane u. Co., Berlin. Preis Mk. 5.—■.< Das Milien dieses Romans bildet hauptsächlich das Hofy und Gesellschaftsleben einer kleinen Residenz. Es ist eigent°i lich die Lebens- und Liebesgeschichte des schönen, aber armen Fräulein von Wessenhoven. Carla von Wessenhvvech findet den Mann, den sie in ihrer ersten Jugend geliebt, und durch den sie die erste herbe Enttäuschung erlitt, nach: sechs Jahren als Adjutanten am Hofe der Erbprinzessin. Marie Renate von Weilburg wieder, bei welcher sie selbst die Stelle einer Hofdame bekleidet. Die beiden M'enschen,- die in den verborgensten Tiefen ihrer Herzen einander; lieben, kommen sich nicht näher, da Carla in ihrem nach' Rache dürstenden gekränkten Mädchenstolze den Mann zu.' hassen glaubt, den sie liebt und der andere bei seiner Schmetterlingsnatur über seine eigenen innersten Empfindungen im Unklaren bleibt. Durch tausend Mißverständnisse reizen sie sich auf und bringen sich auseinander, ohne: daß das erlösende Wort gesprochen wird. Carla, verfolgt von Kränkungen und Nadelstichen der launischen Prinzessin,^ die sich lebhaft für Zweistetten, den schönen jungen Kavalier, interessiert, wirft sich in die Arme eines väterlichen: Freundes, dem sie eine pflichttreue Gattin, seinem Kinde eine liebevolle Mutter wird. Noch einmal steigt wie eine: Fata Morgana das Glück, das sie verloren, vor ihr auf. In einer einzigen kurzen Begegnung mit dem Geliebten,- der inzwischen gleichfalls Gatte und Vater geworden ifi> kommt es zu einer Aussprache. Die beiden, die nie aufgehört haben sich zu lieben, planen über alle Hemmnisse hinweg eine endliche Vereinigung. Aber was in ihren leidenschaftlichen Träumen ein leicht Ueberwindliches war, in der lebendigen Wirklichkeit wird es zu einem Unaus^- führbaren. Niemals wird Carla ihrem Gatten, dem liebevollen, vornehm henkenden Mann, die Geschichte ihrer ersten einzigen Neigung beichten können. Sie wird an seiner Seite weiterleben in freiwilligem Verzicht auf das Glück einer: leidenschaftlichen Liebe, wird einen Ersatz dafür suchen und vielleicht auch finden in hingebender treuer Pflichterfüllung. Die spannende Handlung, die flüssige Schreibweise, die fein durchgeführte Charakterzeichnung, all' die scharf beobachteten, teilweise humoristischen Typen der Kleinstadt gestalten die Lektüre des Buches hochinteressant und sichern' ihm einen weiten Leserkreis.
— Von Hendels Bibliothek der Gesamtliteratur, die bekanntlich den Zweck verfolgt, das Beste aller Literaturen in billigen Ausgaben dem Volke zngängig zu machen, ist wieder eine neue Serie erschienen. Sie beginnt mit einer. Uebersetzung von George Sands „T e u f e l s s u m p f" (brosch. 0.25 Mk.) in einer B a u e r n g e s ch i ch t e. — Als nächstes Bändchen folgt Gustav Raeders „Flick und Flock", Zauberposse mit Gesang und Tanz in 4 Akten (brosch. 0,25 Mk.), in einer Neuausgabe, die ebenso wie desselben Verfassers vielgcgebene Posse „Robert und Bertram" willkommen sein wird. — Das Polnische Novellenbuch, Band 5 (brosch. 0,75 Mk.), bildet den nächsten Band, der Serie und enthält 14 Novellen polnischer Autoren, in deutschem Gewände von Albert Weiß. —■ Bon Schwabs deutschen Volksbüchern erschienen ferner die Bündchen 6—9. — Die Schlußnummer der Serie bildet das 12. Bändchen von Roderich Bcne- dix' Haustheater (brosch. 0,25 Mk.).
Rätsel.
Nachdruck verboten'.
Herrliche Töne vermag der Künstler mir zu entlocken;
Aenderst ba meinen Kopf, wird ans mir eine Frucht, m. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer: Entbehre gern, was du nicht hast.
Redaküon: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen«


