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Die Schwestern stimmten in ihrer Zimmer-Auswahl nicht ganz überein. Mr Lord St. Gilbert wählten sie eines der alten Prunk-Schlafgemächer — ein großartiges, prächtiges Zimmer; aber für Herrn Werner wünschte Marian ein hübsches freundliches modernes Zimmer nahe bei dem ihrigen.
,/Ob er nicht lieber nahe bei seinem Freunde ist?" fragte Lady Wayne zweifelhaft.
„Ich bin überzeugt, dies Zimmer wird ihm am besten gefallen", sagte Miß West; und tote üblich gab die jüngere Schwester dem Wunsche der älteren nach.
„Sein Zimmer ist nahe bei meutern, und wenn er aus ist", dachte Marian West, „so kann ich, die grünseidene Börse wegnehmen." -
21. Kapitel.
B esuch aus Keuninghall.
Ein herrlicher Spätsommer-Nachmittag, sö boll Blüte, Duft, Glanz und Schönheit, daß kein Verweilen in den Mauern möglich. Elsie Wayne hat es tatsächlich versucht, „ordentlich" zu sein. Sie weiß, es kommt Besuch; und dem Besuch zu Ehren trägt sie eure blaßrosa seidene Toilette, mit einer Perlen-Broche und Perlen-Armbändern. Dem Besuch zu Ehren trägt sie zierliche Roseuknöspchen in dem flutenden goldbraunen Haar, und hat sich bemüht, im Staat im Gesellschaftszimmer ruhig und gesittet sitzen zu bleiben Und den Besuch zu erwarten. Was kann sie tun — der Gesang der Vögel lenkt die Gedanken so ab!
„Sind sie alle in einander verliebt, daß sie so süß fingen?" denkt sie heimlich bei sich.
Dann sieht Elfte, die eine ganz künstlerische Liebe für Farben hat, einen Falter mit purpurnen Flügeln in den Kelch einer Lilie schlüpfen; sie sieht die geschäftigen Bienen emsig an den dunkelroten Nelken an der Arbeit — wie sie die Nektarien ihres süßen Inhalts berauben. Wie kann sie nur steif da im Gesellschaftszimmer sitzen: wie soll es sie nicht verlangen, im Sonnenschein zu sein? Sie Macht sich also sachte aus und davon ins Meie.
„Ich werde es schon hören, wenn zum Diner geläutet wird", sagte sie sich und dann voll Dank, daß sie wieder draußen mitten im Duft und Blütenschimmer ist, eilt sie hinunter ,tn den Garten, wo die schönsten und dustendsten Rosen wachsen.
Inzwischen macht Lady Wayne Toilette, fast etwas erstaunt darüber, daß ihr der Gedanke, jene jungen Memden wiederzusehen, so angenehm ist. Zu Ehren ihrer Gäste trägt sie eine jener prächtigen Toiletten, die ihr so gut stehen — schillernde pfirsichfarbene Seide, und dazu einige der weltberühmten Kenninghall-Dtamanten.
Sie betrachtet sich; der große Trumeau spiegelt ein königlich schönes Weib wieder, von Diamanten gekrönt.
„Werde ich wohl je alt werden?" denkt sie und lächelt. „Mein Gesicht hat sich, soweit ich sehen kann, während der letzten zwanzig Jahre nicht im mindesten zu meinem Nachteil verändert."
Sie schwebt hinunter ins Gesellschaftszimmer, so bezaubernd, liebreizend, majestätisch wie immer. Die beiden Herren von Downham haben versprochen, rechtzeitig zum Diner auf Kennmghall einzutreffen, und sie wundert sich, wo Elsie ist — Elsie, die ebenfalls in großem Staat dort sein sollte.
Dann zogen der Sonnenschein und die blühende Macht draußen sie gleichfalls unwiderstehlich an; sie ging zum Fenster, und wie sie so dastand, umhüllt von der Weißen Spitzen-Draperie des Bogenfensters, sah sie schön genug aus, um sich in ihr eines jener idealen Wesen zu denken, die die Menschen huldigend verehren.
Mrs. Gizzard und ihre beiden Töchter wären kurz vorher angekommen und hatten ihre Ankleidezimmer noch nicht verlassen. Miß West wär, — wie es nun einmal die Gewohnheit älterer Schwestern ist, sich um alles und jedes zu kümmern — eifrig damit beschäftigt, überall nach dem Rechten zu sehen und darauf zu achten, daß alle Wünsche Nnd Anordnungen Lord Waynes auch zur Ausführung gelangten. —
„Rosen, Rosen, blühende Rosen, könntet ihr sprechen. Was würdet ihr sagen?" sang Miß Wayne mit leiser Stimme vor sich hin. Sie hatte sich über einen Moosrosenstrauch gebeugt und hielt ein liebliches Knöspchen zwischen den schlanken Mngern.
„Ich dächte, Knöspchen würde sagen: „pflück mich sticht.
sonst muß ich klagen", lachte eine ftemde Stimme ganz ist ihrer Nähe. Elsie wandte sich hastig um und sah zwei junge Männer, die sich verbeugten und sie mit bewundernden Blicken betrachteten.
„Miß Wayne, Sie haben mich doch sicher nicht vergessen? Ich erinnere mich Ihrer so gut, als ob wir erst gestern von einander Abschied genommen."
Die offenen, lieben Augen erhoben sich zu den {einigen. (Fortsetzung folgt.)
Krauß.
. Dem kürzlich in Berlin verstorbenen Schriftsteller Hans Krauß, dem Redakteur der feuilletonistischen Beilage des „B o r w ä r t s", widmet Clara V i e b t g im „Literarischen E ch o" folgenden Nachruf:
„Noch nicht fünfundvierzig Jahre alt, ist hoch oben im Norden Berlins in seiner JunggeseNenwohnung der Dichter Hans Nikolaus Krauß gestorben. Er, der wie kaum ein anderer vor -ihm in und mit dem Walde lebte — im Steinmeer Berlins! Er, der ein Frauenschicksal und einen Frauencharakter zu schaffen wußte, wie sie kaum ein anderer Mann je geschaffen hat — als Junggeselle! Ich empsinde tiefen Schmerz über seinen Tod, über diesen Tod. Zwar habe ich ihn nicht gekannt, niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen, aber seit Beginn meiner literarischen Tätigkeit verband mich eine ganz seltsame Freund- schaft mit ihm, eine Freundschaft, in der er immer der Gebende, ich die dankbar Empfangende war. Er las eine Novelle von mir in irgend einer Zeitschrift, damit fing es an. „Sag'ns bloß", mit diesen Worten kam er zu einem mir Nahestehenden, „Ivie hät die .Viebig die zwei Schlußzeilen schreiben können?! Ich laß schön grüßen und sitz sollt' sie wegstreichen!" Er war damals ganz unbekannt/ außer einigen Skizzen war nichts von ihm erschienen. Seins Botschaft kam mir erst komisch vor, denn gerade in den' Schlußzeilen, die er rügte, glaubte ich die notwendige Pointtz meiner Novelle gegeben zu haben. Nach kurzer Ueberlegung aber ging mir plötzlich das Licht seiner Erkenntnis aufl Ich strich die Zeilen, und habe durch die künstlerische Anschauung. die aus seinem Rar sprach, unendlich viel gelernt. Seitdem verfolgte er alles,' was von mir in Zeitschriften gedruckt wurde, mit Liebe und Strenge, und ost, namentlich wenn es sich um Bäume und Felder, um Vögel und anderes Getier handelte, sandte er mir Botschaft, daß ich mich da und dort geirrt. Er kontrollierte meine Natur- schilderungen mit dem Auge des Försters und des Land- manus, — und immer mit denen des Dichters. Denn das war er, — der Lene-Krauß, wie ich ihn immer nannte/ nachdem er seine prächtige „Lene" zum erstenmal uns verlebendigt hatte. Diese Lene ist mir seit Jahren ans Herz gewachsen, wie sie ihm, dem Toten, ans Herz gewachsen war, da er sie durch Freud und Leid eines einfachen und doch innerlich so bewegten Lebens führte. Ich habe immer die Empfindung gehabt, daß er diese Lene von frühester Kindheit an unendlich geliebt, daß diese lebenslange, nie getrübte Liebe dem Männe die Dichterkraft verlieben, wie sie wohl einst dem Kinde und dem Knaben mit nimmermüder Arbeit und Sorge den schweren Lebensweg bereitet hat. Denn diese Lene — es- war seine Mutter! Ich habe es nie gehört, aber ich weiß es, ich fühle es! Sein Roman von der Lene ist das Werk dankbarer Sohnesliebe! Darum ist es so rein, so keusch, so wahr! Und darum' ist es so ganz erfüllt von Heimatliebe und Jugendsehnen; und darum konnte der alternde Junggeselle int Häusermeer von Berlins Norden es schaffen, als säße er noch im Försterhaus, von gutem kraftvollen Mauenhänden geführt und gepflegt, daheim im! Böhmerwald. — Ich traure dem Verewigten nach von ganzem Herzen, und mit mir werden alle die um ihn trauern, die feinen Heimatromäu gelesen haben und lesen. Denn sie alle werden dankbaren Herzens das Andenken bewahren an den — Lene-Krauß.
Vermischte».
* Zeitungslesen als vorbeugendes Mittel gegen geistige Erschöpfung empfahl der Vorsitzende der Vereinigung der engt. Sanitätsinspektoren, Sir James Erich- ton Bromne, in einer Ansprache, die er in einer Versammlung der Vereinigung in Blackpool hielt. Bor allen Dingen soll das Zeitungslestn gegen die typische moderne Krankheit, die nervöse Müdigkeit, helfen. Sir James sagte darüber: „Ich sage eS


