„Ich bin überzeugt, Elsie", versetzte Miß West, „daß Madame Grignaud einen ausgezeichneten Tisch führte."
„In seiner Art, Tantchen; Du besitzest in hohem Grade das, was Monsieur Dubois die Kunst der Beschränkung der Rede zu nennen pflegte."
Miß West war a.n den Konversationston ihrer Nichte vollständig gewöhnt.
„Du wirst heute morgen ausfayren wie gewöhnlich, Evelyn, nicht wahr?" erkundigte sich Lord Mayne inzwischen.
Elsie blickte durchs Fenster auf die blühenden Blumen und grünen Bäume.
„Mama", sagte sie plötzlich dazwischen, „da wir erst so spät angekommen sind, ist noch keine Zeit gewesen, über meine Zimmer zu bestimmen. Ich mag das, was ich jetzt habe, nicht leiden."
„Warum nicht?" fragte Lady Wahne. „Mir gefällt Süden am besten; die Aussicht von den Fenstern ist viel hübscher als von den meinigen."
Aber Elsie hatte schon wieder einen anderen Gedanken. „Ich glaubte schon, heute wäre es mit dem Ausfahren nichts gewesen", sagte sie. „Ich bin die halbe Nacht von dem Regenplätschern wach gehalten worden; ich dachte die Welt halb überschwemmt zu finden."
„Was Regenplätschern", bemerkte Lord Wayne mit einem halben Blick über leine Zeitung. „Gestern haben die Gärtner noch alles begossen, und heute morgen war schon wieder alles trocken. Ich glaube, seit wenigstens zwei Wochen ist kein Tropfen mehr gefallen. Du hast geträumt."
„Nein, nein, Papa, wirklich nicht; ich hörte ganz deutlich, wie die Tropfen gegen das Fenster und auf die harten Steine der Terrasse schlugen?"
„Wo schläfst Du?" fragte der Lord, die Zeitung hinlegend und seinen Blick auf sie richtend.
„Im westlichen Flügel, in einem der großen Zimmer, die auf die Terrasse gehen."
„Dann, Elsie, hast Du den Geist von Kenninghall gehört."
„Wirklich, ja?" rief sie und klatschte in die Hände, „o wie reizend!"
Aber Lady Wayne wär sehr blaß geworden, und Miß West war e§ augenscheinlich unbehaglich.
„Bevor irgend ein Unglück, Kummer oder dergleichen den Waynes droht", sagte Lord Wayne, der eher Stolz als etwas anderes über die Familien-Sage empfand, „läßt sich dies Geräusch ähnlich wie fallende Regentropfen vernehmen."
„Ich mag nicht davon hören", sagte Lady Wayne abwehrend. „Lady Beverley erklärte vor Jahren, als ich hierherkam, sie Habe es gehört; es ist. über damals kein Unglück gefolgt, Mortimer."
„Keins, von dem wir wissen, allerdings; aber die Sage ist seit vielen Jahren in der Familie."
Da Lord Wayne bemerkte, daß es seiner Gattin augenscheinlich unangenehm war, das Thema weiter zu erörtern, änderte er das Gespräch.
„Wir werden einige unserer altmodischen Gewohnheiten wohl ausgeben müssen", lächelte er und blinzelte Elsie zu. „Unser Töchterchen wird Bälle, Partien und Föten haben wollen."
„Wir erwarten einige Besuche für heute", versetzte Lady Wayne. „Du wirst Dich erinnern, Mortimer, Lord St. Gilbert und sein Freund — der junge Herr Werner, der Dir so gut gefällt"
„Heute?" wiederholte er, sich entsinnend; — „richtig! Ich hatte jo, eine Ahnung, es wäre nächste Woche. Hast Du irgend jemanden mit ihnen eingeladen?"
, „Mrs. Gizzard hat versprochen, Alice und Claire atif eine Woche zu bringen."
„Gut, gut, sie werden Elsie gefallen."-
„Mir gefallen alle Leute, Papa; aber einige natürlich besser wie andere." —
o s. Frühstück wär vorüber; Lord Wayne entfernte sich. Lady Wayne erinnerte sich, daß sie noch einige Einladungs- Breschen zu schreiben hatte. Elsie eilte hinaus in den Ao Brenen und Schmetterlinge den Sonnenschein nach Kräften benutzten. Marian West blieb allein.
Es war ein Glück für sie, daß niemand in der Nähe tviar, der ihre Aufregung und ihre Blässe bemerkte.
murmelte Jie vor sich hin, „und piese gersterhafte Warnung wiederholt sich zum zweiten-
male. O, mein Gott, was bedeutet es? Was soll ich tun? soll ich es überleben, ihn hier im Hause seiner Mütter und die beiden sich als Fremde begegnen zu sehen? Ich wollte, ich wäre tot! Ich wollte, ich könnte sterben!"
Ein ungewöhnlicher Wunsch für eine so tapfere und mutige Natur wie Marian West!
„Es nutzt nichts, der Sache aus dem Wege zu gehen",- dachte sie dann; „ich muß mich stählen, allem Kommenden entgegenzusehen und alles zu ertragen. Großer Gott, was sollte daraus werden, wenn ich nachgäbe, unterläge? Wie viele Leben scheine ich in meiner Hand zu halten? Ach, wenn mir jemand nur sagen wollte, ob es Vorsehung oder Zufall ist, was ihn hierherführt!"
Sie versuchte sich ruhig und gefaßt zu benehmen, zu bewegen; sie hielt die Hand empor, um zu sehen, ob sie zitterte. Sie ging zum Spiegel und betrachtete ihr Gesicht,- ruhig, wie sie das eines anderen betrachtet haben würdet „Glücklicherweise", sagte sie sich, „wird nicht viel Zeit vorhanden sein, um von mir Notiz zu nehmen." Ihre Lippen zitterten sonderbar, als sie auf und ab zu gehen versuchte.
„Er kommt heuste; Mütter und Sohn Werden heute zusammen sein!" Diese Worte zuckten ihr immer und immer wieder durchs Gehirn. „Er gleicht ihr, hat ihr Haar und ihre schönen, dunkelblauen Augen. Ob jemand das bemerken wird? Ob sich wohl jemand wundern wird,- wie das kommt?"
So Lachte und dachte sie, während die wenigen! Stunden dahinrollten, die Vögel und Bienen im Sonnenschein sangen und summten, und der Blumendust wie eine weiche, süße Wolke durch die geöffneten Fenster hereindrang. Sie sah den Gärtner über den Rasen schreiten; einmal vernahm sie auch Elsies süße klare Stimme zwischen! den Blumen und Gebüschen im Parke. Die ganze Helle,- die ganze Musik, die ganze duftige Lieblichkeit des Spät^ sommer-Morgens umgab sie, und trotzdem fragte sie sich,- ob Wohl in der ganzen weiten Welt jemand so verlassen,- so elend sei, wie sie.
„Wenn mich doch nur ein Mensch tröstete, wie ich Eve tröste", dächte sie, und sie erinnerte sich, wie sie sie zuletzt getröstet Hatte. „Ich sagte ihr, ihr Geheimnis und die Vergangenheit seien tot und begraben. Warum kann ich' nicht dasselbe glauben? Nicht lernen, ihn wie jeden andern! Fremden zu betrachten? Wer lebt denn auf der ganzen weiten Welt, der zu mir sagen kann: „Es ist Eve's Sohn!"-
Dann fuhr sie jäh zusammen; ein liebender Arm nm- schlang sie, und Lady Waynes Stimme, so süß und weich wie immer, sagte:
„Du bist noch hier, Marian? Ich glaube, Du hast' dies Zimmer seit dem Frühstück nicht verlassen. Was hast Du nur getan?"
„Die Blumen angesehen und geträumt", erwiderte sitz und versuchte jede Spur von Sorge von ihrem Gesicht- zu bannen.
„Marian", sagte Lady Wayne sanft, „weißt Du auch, daß weder Mortimer noch ich ganz zufrieden Deinetwegen sind? Du siehst nicht gut ans; Du scheinst nicht glücklich: Ist Dir etwas Huer gegangen, liebe Schwester?"
Marian dachte einen Augenblick nach, bevor sie ant-. wortete. Sie sehnte sich, die Frage mit lachendem Munde abzutun, wie sie es so viele andere getan, doch ihre Lippen waren steif und wollten sich nicht zum Lächeln verziehen.- „Nichts, Eve", erwiderte sie endlich, „das Dich besorgt zu machen braucht. Ich bin nicht wohl — ich bin seit einiger Zeit gar nicht gut, nicht wie sonst gewesen; aber Du mußt Dich meinetwegen nicht sorgen — wenn Du das tust, wirst Du mich einfach schlimmer damit machen."
„Dann wollen wir unser Bestes tun. Dich auszuheitern",- sagte Lady Wayne. „Und jetzt komm mit mir, Marian, und hilf mir nette Zimmer aussuchen für die Jungens, die kommen." -
„Dre Jungens!" rief Miß West, und Lady Wahne lachte laut auf.
„Ich weine Lord St. Gilbert ünd Herrn Werner^ Marian. Ich nenne sie Jungens, weil ich, wie du weißte Lord St. Gilbert immer gut habe leiden können, und meist ganzes Herz erwärmt sich für diesen jungen Herrn Werner.- Was, Marian, Hist du schwindelig? Du streckst ja die Hand asts,- als PH Hü nicht sehen könnt,eU-
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