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Am Manne des Heßeimmsses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten., (Fortsetzung.)
Dann, nach und nach, als ein gewisser Grad von ruhiger Ucberlcgung zurückkehrte, begann sie zu denken, daß noch nicht alles verloren sei. Gewiß, sie waren einander wieder begegnet, diese Mutter, dies Kind, die so lange getrennt gewesen, doch ihr Geheimnis war gesichert, als ob sie sich nie gesehen. Ter junge Mann konnte niemals, auf keine Art und Weise, entdecken, daß die glänzende und schöne Herrin von Kenninghall seine Mnttcr war, ebensowenig konnte Lady Wayne jemals erfahren, daß der Held, den sie so sehr bewunderte, ihr eigener Sohn war. Wer sollte es ihnen sagen?
Selbst wenn Kate Jefferies und Lady Wayne sich je treffen sollten, so konnten sie sich nicht wieder erkennen. Kate hatte ihre Schwester nur ein einziges Mal gesehen, und damals war obendrein das schöne Gesicht durch die Krankheit und den Kummer entstellt und verändert gewesen. Lady Wayne ihrerseits hatte die Witwe überhaupt niemals gesehen, noch ihren Rainen gehört. Sie brauchte also noch gar nicht verzweifeln. Es war ein furchtbarer Schrecken für sie gewesen; aber sie begann jetzt klarer zu sehen — das Geheimnis war so sicher wie je. Keine Furcht vor irgend welcher fatalen Enthüllung, keine Furcht vor Entdeckung; und Marian West stieß einen langen tiefen Seufzer der Erleichterung ans, als sic in ihrem Gcdankcngange so weit gekommen.
P" y schoß ihr durch den Sinn, was ihre Schwester von _ grünseidenen Börse gesagt, und dieser Gedanke ließ ihr wie vorhin das Herz fast stillstehen.
Evelyn selbst hatte diese Börse angefertigt und sie ihr vor langen Jahren einmal geschenkt, und sie hatte sie stets sehr geschätzt. Wie hatte sie nur so blind sein und diese Börse schicken können? Was für ein verhängnisvoller Mißgriff — welch äußerst unglückseliger Irrtum! Und, um sie noch mehr zu erschrecken, kam ihr die Erinnerung an ein altes Sprüch- wort: „Wen Gott verderben will, den schlägt er zuvor mit B.ndheit."
War. sie denn mtt Blindheit geschlagen gewesen, als sie diese Börse geschickt hatte? Evelyn brauchte sie nur einmal zu sehen, um sie sofort wieder zu kennen.
„Ich muß sie also wiederbekommen", sagte sie sich, „einerlei, wie. Ich muß sie haben, und dann ist mein Liebling wieder einmal sicher."
20. Kapitel.
Regentropfen auf der Terrasse.
Eine heitere Familicngruppe ist im Frühstückszimmer auf Kenninghall versammelt; Lady Wayne, die sehr schön und anmutig in ihrer Morgentoilette von blaß hcliotropfarbener Seide aussicht; Miß West, nicht ganz so zufrieden und ruhig blickend wie gewöhnlich; Lord Wayne, in seinen Stuhl zurück- gelchnt und in die „Times" vertieft. Dann und wann unterbricht er seine Lektüre, um über die tollen Einfälle seiner Tochter mitzulachcn und ein heiteres Wort dazwischen zu werfen.
Elsie Wayne ist in bester Stimmung; sie ist beinahe sechzehn, und das schreckliche Pensionat liegt endlich hinter ihr. Wirklich, Lady Wayne hat vorhin gerade gesagt, daß sie Musik- und Zeichen-Unterricht so lange haben kann, wie sie will, daß sie aber nicht mehr zur Schule zurückbraucht.
„Ist meine Erziehung beendet, Mama?" fragte Elsie.
Und Lady Wayne lächelte ihr betrübtes Lächeln.
„Mein Liebling", sagte sie, „im eigentlichen Sinne des Wortes hat sie kauin erst begonnen."
„Was, Mama?" rief Elsie überrascht; „ich will nicht prahlen, aber ich kann deutsch, französisch rind italienisch gut sprechen — flüssig, sagten meine Lehrer — und ich bin mit meiner Musik und nieinem Zeichnen auch nicht zurückgeblieben."
Lady Wayne lächelte wieder über das beküunncrtc Gesicht ihrer Tochter.
„Das sind Talente und Fertigkeiten, Elsie", versetzte sie; „Erziehung liegt viel, viel tiefer."
Doch Elsie hat bald shre Munterkeit wiedcrgewonnen und sitzt schäkernd, lachend, voll tausenderlei bunter Einfälle am Frühstücksiisch, das schönste Bild jugendlicher Schönheit und jugendlichen Liebreizes.
Sic erbt ihrer Mutter strahlende Schönheit, dasselbe reiche goldigbraunc Haar, lachende dunkelblaue Augen, süße, volle Lippen und die schlanke graziöse Gestalt. Lord Wayne liebt seine Tochter sehr iind ist anßcrordentlich stolz auf sie. Sie ist keineswegs übermäßig reserviert iind achtungsvoll in ihrem Benehmen gegen die Eltern, sondern plaiidcrt mit ihnen, als ob sie ihnen vollständig gleich stände.
„Wenn Du gerade aus einem Pariser Pensionats nach Hanse zurückgekehrt wärest, Papa", sagte sie, „würdest Dir Dein Frühstück höher schätzen als Deine Zeitung/<
„Warum, Elsie?" fragt Lord Wayne.
Stelle Dir bloß den Unterschied vor zwischen einer Tasse schwarzen Kaffee mit einer trockenen kleinen Semmel und diesem üppigen Frühstück; wie Dee schmeckte, hatte ich überhaupt ganz vergessend


