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Saison-Eröffnung.
Berliuer Plauderei.
Berlin, Ende September.
Schon seit einigen Wochen haben die vornehmen Häuser Berlins wieder Augen, die Jalousien sind aufgezogen und die Herbstsonne kann auf den Bezügen der damastnen Salou- möbel ihre .Lichter tanzen lassen. Nicht lange mehr und die Bezüge schwinden, die Kronleuchter flammen auf, die Traiteurwagen halten vor dem Tore und an blumengeschmückten Tafeln wird neuer Grund für die üblichen Marien- mtb Karlsbader Reisen gelegt.
Aber einstweilen schwelgt mau noch in der Erinnerung des verflossenen Sommers; im Zoologischen Garten, bei „Kroll" und irrt Lass Grünewald verbringt man — man ist noch so an Luft gewöhnt — die sonnenhellen Nachmittage und erzählt sich, was man erlebte. Wie man in St. Moritz für 10 Franks auf dem Billard schlafen mußte, weil man nicht im voraus Zimmer bestellt hatte, wie ment in Interlaken Zeuge des greulichen Attentats war, bei dem ein harmloser alter Herr Müller für einen russischen Staatsminister gehalten und ermordet wurde, wie mau auf einer Tour nach Riva beinahe vor Hitze gebraten wäre, daß man in Heringsdorf mindestens dreimal am Tag Toilette machen mußte, daß dort der kleine Siegfried immer die Kabinenschlüssel an seiner Schwimmhose befestigt mit ins Wasser nehmen mußte, damit niemand Mamas Brillanten stibitze, denn schließlich, was in Ostende passiert, kann auch in Heringsdorf vorkommen; wie der Seewind auf der Strand- promenade Fräulein Carlas falschen Zopf entführte, den der reiche Dahlberg so bewundert hatte, daß man schon auf eine Verlobung wettete, die natürlich infolge des tückischen Windstoßes ausblieb; daß Salzmanns, die immer so großartig täten, in Uhlbcck, ganz abseits, wo es schon billig ist, wohnten, daß sich Hillers, trotz ihrer Millionen, in Homburg den Nachmittagskaffee selbst auf einem Spirituskocher gemacht hätten — und so weiter.
Doch über diesen Sommerträumen vergißt man nicht, daß die neue Saison sich mit Riesenschritten Berlin nähert. Mm letzten Samstag, der nicht weniger als sechs Heater- Premieren auf einmal brachte, setzte sie endlich, ein. Und so jagt man nun zu Schneider und Schneiderin, zur Modistin und Friseurin. Denn gleich anfangs mit Glanz zu bestehen, ist nicht so leicht, man kennt noch nicht die neuesten Moden, man muß sich ganz darauf verlassen, was die Toilettenkünstler raten und Vorschlägen.
Ja, die erften' Premieren des Winters! Da ist man im Kreuzfeuer, da nimmt einer den andern tüchtig aufs Korn, ob er dünner oder dicker, jünger oder älter, heiterer oder ernsterer erscheint als vor der Sommerkampagne, und das strahlende Publikum, das das Parkett und die Logen füllt, hat an solchen Tagen selbst Theater zu spielen und ebenso starkes Lampenfieber, wie die Schauspieler auf der Bühne. Man findet zwar zwischendurch die Sorma „süß" und Schildkraut „herb" und die Inszenierung „glänzend", aber die Leute, die mit dem' Schauspieler dort auf der Szene im tiefsten Innern initjauchzen und weinen, die sitzen verborgen hinten im zweiten Rang, oder oben auf hohem Olymp, und das sind die, die „nicht mitzählen", in der Gesellschaft nicht und auch für die Theaterkasse.
Wenn man noch bis vor ganz wenigen Jahren immer wieder hören konnte, daß in keiner Großstadt uneleganteres Publikum zu finden sei als in Berlin, so ist dies jetzt zumal bei den Premieren nicht mehr im geringsten zutreffend. Zu den Premieren des Deutschen und Lessingtheaters, des Monopol- und Residenztheaters, wo Berlin W. stets vollzählig zur Stelle ist, rasseln Wagen und Wagen vor dem Portal vor und ein Aufgebot von Schutzleuten muß bet flackerndem Laternenlicht den starken Verkehr regeln. Und aus den Wagen schlüpfen in kostbare Abendmäntel und Spitzentücher gehüllte Frauengestalten, begleitet von Herren in tadellosen Fracks oder mindestens Smokings. Ueber die dicken Teppiche der Treppen huschen zierliche Halbschuhe, rascheln schwerseidene Unterkleider. Allerdings — die Garderobenverhältnisse in den Berliner Theatern, wo man vor einer ^Barriere in Reiht und Glied wartet, bis man seine Ueberkleider los wird und dafür eine dicke Pappmarke davonträgt, sind durchaus kleinstädtisch zu nennen. Es wirkt lächerlich, wenn man höchst elegante Menschen sich hier stoßen und schubsen sieht, wie die gewöhnlichen Märktleute. Kurz vor Beginn und gleich nach
Schluß der Vorstellung kann matt hier beobachten, wie von den so liebenswürdig nnd so konventionell lächelnden Gesichtern auf Minuten die Maske fällt, wenn über den Demantbroschen und Perlschnüren wütende Blitze nach der langsamen Garderobenfrau. schießen, wenn man sich rücksichtslos pufft und knufft, bis man in einem Ruck, wie ein Löwe die Beute, die Ueberkleider über die Barriere zieht und damit davonstürzt — schon wieder das harmlose, gesellschaftliche Lächeln auf den Zügen. IN anderen Weltstädten nimmt das elegante Publikum die Garderobe mit ins Theater hinein, die Plätze sind dazu eingerichtet. Darum kommt dort die Eleganz des Abendmantels mehr auf ihre Kosten, und der Theaterhut spielt eine weit größere Rolle als in Berlin, wo nur den Logeninsassinuen das Aufbehalten von Hüten gestattet ist. Dafür hat man kunstvolle Frisuren und schildpattene Nadeln, Kämme und Spangen. Schleifen und Blumen im Haar sieht man sehr wenig, während sie in Loudon und Paris unbedingt zur Theatertoilette gehören, wirken sie in Berlin auffallend. Ein so ganz kleiner Hauch von Kleinstadt geht eben immer noch durch alles Berlinische. In London, Paris, Newyork fällt nichts mehr auf, in Berlin dreht man sich noch nach vielem um. Daher kommt es auch, daß man sehr wenig individuelle Toiletten zu sehen bekommt, im großen und ganzen ist die Eleganz ebenso Schablone wie die aus den Warenhäusern geholte Einfachheit des Mittelstandes. Toiletten — Chiffon — Spitzen — Täffetkleider, alles nach demselben Leisten der „neuesten Mode" gearbeitet, gleichviel, ob die Trägerinnen zu stark, zu schlank, zu lang oder zu breit für diese neueste Mode sind. Sehr wenige, die mit der kostbaren Robe verwachsen zu sein scheinen, denen die Eleganz bis in die Fingerspitzen geht.
So wie die Brillanten nicht groß genug sein können, so kann der Operngucker wiederum nicht klein genug sein. Nur noch eine Miniaturausgabe seines Urahns, des Fern- guckers, muß er trotzdem scharf genug sein, nm die Be- kanttteu auf "den hintersten Logenplätzen und die Toiletten der Schauspielerinnen genau mustern zu lassen.
Man sieht und will gesehen sein, und man konstatiert mit Freude, daß, von Berlins dichtendem Bürgermeister angefangeu bis herab zur jüngsten, eben der Pension entschlüpften, üppigen Koutmerzieuratstochter wieder alles beisammen ist. Man nickt, verbeugt sich, grüßt, winkt, scherzt und plaudert, sobald der Vorhang herunter ist. Und wenn man itach Beendigung der Vorstellung und glücklichem Raub! der Garderobe durch die hellerleuchtete Friedrichstraße, in der stets Tagesgewühl herrscht, einem fashionablen Restaurant zueilt, sagt man sich zufrieden, daß man die Saison eröffnen hals, man fühlt sich wieder zu Hause in Berlin. Nun können sie alle kommen, die Schlager der Saison, die Diners und Soupers mit ihrem Gefolge und Sensatiönchen und Histörchen, man ist gerüstet — man hat die Probe bestanden. Alice Verend.
Vermachtes.
* Ans d cm Wirken der badischen Groß herz ogin wird der „Frcib. Zig." folgendes wahre Geschichtchen cr- zähli: Vom Frauenvereiit Karlsruhe war in der Volksküche ein neues Zimmer für Frauen und Mädchen eingerichtet worden. Bei deut besonderen Interesse der Großherzogin für die Entivicklung und Verbesserungeit ivar es nichts außergewöhnliches, daß ohne lange vorherige Ansage die G-oß- herzogin im Wagen vor der Anstalt erscheint und ihre S.. sie nach dem Speisezintmer lenkt, begleitet von der Erbgroßherzogin und den Hofdamen. Bei ihrem Eintritt in den Frauenspeiseraum bemerken die Herrschaften eine alte Frau, die, eine Kartoffel in der Haitd, am Fenster steht und den Rücken gegen die Eintretettden kehrend, nach der Hofchaise vor dem Hause schaut. Freundlich wird unsere alte einfache Frau angesprochen: „Was gibts denn draußen, wonach schauen Sie?" — „Ach, i hebb cb g'ehört, d'Großherzogin werd komme; die hätt i gern mal g'sehe, i kenn se noch nich." — „Nun, dann drehen Sie sich inal um: Ihre Großherzogin steht vor Ihnen." — „Ach, des freit mi aber, daß ich Sie kenne lerne," sagte unsere Alte treuherzig, der Großherzogin die Hand schüttelnd, „des freit mi wirklich." Nun stellte die Fürstin auch ihre Schwiegertochter vor und sagte, auf die Erbgroßherzogin Hilda deutend: „Und das, liebe Frau, ist


