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nervös über die Tatsache; wir müssen indes hoffen, daß die I Sage, wenigstens einmal, sich nicht bewahrheitet I" I
War es der Schatten der Linden, der Myladys Gesicht plötzlich so blaß erscheinen ließ? — Sogar die Lippen verloren ihre Farbe.
„Vergangene Nacht", iviederholte sie, „die Nacht vor meiner Ankunft — ist es ein übles Vorzeichen? Ich fürchte mich, Mortimer." , . .
Lord Wayne blickte seine redegewandte, mlliell^me Verwandte finster an, bezivang sich aber.
„Es iväre rücksichtsvoller gewesen, wenn dn meiner Frau diese Geschichten nicht erzählt hättest, Isabel; em jeder ist nicht mit so starken Nerven ansgestattet, wie bu sie besitzt."
Ein kleiner Frendenblitz durchfuhr Mrs. Waynes Inneres trotz der Zurechtweisung —; mit erheuchelter BesorgniMickte sie auf die blasse, junge Frau.
„Ich bitte tausendmal um Vergebung, Lady Wayne. Es ist mit nicht entfernt eingefallen, Sie bange machen zu wollen. Warum sollten Sie sich denn nervös darüber fühlen? Es kann doch unmöglich eine Verbindung existieren zwischen der Warnung, die den Waynes immer zu teil wird, und Ihnen!"
„Ganz gewiß nicht", sagte Lord Wayne beschwichtigend. Er merkte die Bosheit nicht. „Ich kann dich leider nicht damit trösten, Liebling, daß ich sage: Glaub' es nicht — denn das Omen hat sich unglücklicherweise stets noch als wahr erwiesen; aber, liebste Evelyn, diese Warnung betrifft dich nicht!"
Sie sah ihir dankbar an; doch er bemerkte, daß ihr Antlitz noch immer blaß war.
„DeineAnkunft", fuhr er fort, „ist eine Ehre, ein Ruhm für die Waynes — es kann kein Unglück damit in Verbindung stehen. Der Himmel allein weiß, was die Zukunft in ihrem Schoße birgt; des einen aber bin ich sicher; sie birgt nichts, was nicht hell und schön für dich wäre, Evelyn."
„Es tut mir außerordentlich leid, den Zwischenfall überhaupt erwähnt zu haben", sagte Isabel jetzt ganz zerknirscht. „Es war sehr gedankenlos von mir, und ich werde mir nicht eher vergeben, bis ich Sie wieder strahlen und lächeln sehe, Lady Wayne."
Evelyn bestrebte sich sichtlich und außerordentlich, die Niedergeschlagenheit und Furcht abzuschütteln, die sie befallen.
„Ich werde es nicht zugeben, bog du noch mehr Kenning- Hall-Sagen hörst", begann ihr Gemahl mit leichtem Lächeln wieder. „Du bist doch nicht tapfer genug dafür."
„Sie sind aber auch so schrecklich", versetzte sie mit leichtem Schauer.
„Nicht doch", fuhr er fort, „welch sanfteren Laut gibt es wohl in der Natur, als das leise Tröpfeln des Regens. Ich höre es stets mit Vergnügen."
„Ausgenommen, wenn es Unglück bedeutet."
„Ich meinte die spukhaften Regentropfen nicht, — die habe ich überhaupt noch nie gehört; übrigens, Evelyn, es hat oft Kummer auf Kenninghall geherrscht, tiefster, bitterster Kummer; aber ich danke Gott hier und heute an diesem Sommer-Abende unter seinem Himmel, ich danke ihm, daß Unehre und Schmach sich uns niemals genaht haben — das Wort ist bei uns nicht bekannt. — Nun komm und sieh dir unsere Farne einmal an. Meine selige Mutter, Lady Clare Wayne, hatte eine wahre Leidenschaft für diese Pflanzen hast du sie gern?"
Sie bejahte und versuchte interessiert auszusehen; aber Isabel Wayne, die sie unverwandt beobachtete, sah, wie lange es dauerte, bis das liebliche Gesicht seine Farbe ivieder gewann, und daß das Interesse an den Farnen bloß eilt scheinbares war.
Später am Abende fand sie Lady Wayne im Gesellschaftszimmer ganz allein. Ganz plötzlich und unerwartet auf sie zutretend sah sie, wie das schöne Antlitz der jungen Frau von Tränen naß war.
4. Kapitel.
Mrs. Waynes Gedanken.
„Lach' nur, Algy; natürlich, du lachst ja immer über das, was du meine Entdeckungen zu nennen beliebst. Warte und sieh. Habe ich diesmal nicht Recht, so will ich nie wieder Anspruch daraus machen, Verstand und Klugheit zu besitzen." ,, Y ,„.r
„Ihr Weiber seid alle gleich," gab ihr Mann nachlasitg zurück; „könnt es nun einmal nicht lassen, Übel voneinander zu sprechen und zu denken: es scheint euch angeboren,
„Ich sage nicht, daß ich Uebles von ihr denke," versetzte seine Frau schnell; du gehst zu weit. Ich sage nur, daß ich überzeugt bin, sie hat irgend ein Geheimnis, oder etwas zu verbergen."
„Und wenn — was geht uns das an?" gähnte er.
„Vielleicht überhaupt nichts, vielleicht aber auch so ernst- hast, daß bn doch schließlich noch erbberechtigt wirst."
„Isabel, du schwatzest da Erzblödsinn," versetzte ihr Mann, nunmehr erzürnt. „Bitte, denk dir nur einmal die yo(gen, wenn Lord Wayne dich jetzt hörte!"
„Wenn Lord Wayne auch nur in meiner Nähe wäre, so würde ich das Thema mit keiner Silbe erwähnen," gab sie unbeirrt zurück. „Ich spreche mit dir, Algy, und ■ magst bn auch jetzt noch so viel lachen und höhnen, wie du willst — die Zeit ivird kommen, >vo du sagst: Mein Weib hatte doch ganz Recht."
Ihre Beharrlichkeit machte doch einen gewissem Eindruck auf ihn. Alles in allem genommen," sagte er sich, hatten einige der Prophezeiungen seiner Frau sich doch bereits als vollständig richtig erwiesen — warum also nicht diese?"
Er hatte denn auch so ein träges, gleichgiltiges Verlangen, zu wissen, was sie zu sagen hatte.
„Vielleicht hast du schließlich doch Recht, Bella. Meirichen schnell durchschauen ist meine starke Seite nicht gerade. Was also ist deine Meinung von dieser liebenswürdigen Lady?"
Ein Lächeln ruhigen Triumphes zuckte um Mr. Waynes Lippen. ,
„Ich stimme dir bei, sie ist sehr schön und liebenswürdig; aber ich sage auch „Es ist nicht alles Gold, ivas glänzt," und trotz all ihrer Jugend, Schönheit und Anziehungskraft glaube ich fest, daß ein Geheimnis in ihrem Leben vorhanden ist." ,
Er sah einigermaßen erleichtert aus. „Nichts schlimmeres, als ein Geheimnis? Nun gut, Bella, sag mir, was bringt dich auf diese Idee?"
„Du warst nicht bei uns, unter den Linden, als ich Mortimer erzählte, Lady Beverley habe die untrügliche Warnung gehört. Sie verstand es nicht, und ich erzählte ihr den Inhalt der Legende."
„Nun?" sagte ihr Mann, als sie eine große Kunstpause machte.
„Wenn mir jemand diese Geschichte so ganz unverhofft erzählt hätte, so wäre ich vielleicht etivas ungläubig, etwas beeinflußt, und ganz gewiß sehr interessiert gewesen; ganz sicher aber nicht ängstlich und erschrocken."
„So? Lady war erschrocken?" fragte er.
„Das war sie ganz ohne Frage; ihr Gesicht wurde ganz blaß vor Furcht, und obschon sie sich große Mühe gab, konnte sie ihre Fassung nicht ivieder gewinnen. Nun — teilnahmsvoll ivie ich mir zu sein schmeichle — stellte ich mir diese Frage: Weshalb sollte Lady Wayne sich fürchten? Wenn ihr Leben so klar ist wie ein Bächlein int Morgensonnenstrahl — wenn sie nichts zu verbergen, nichts zu befürchten hat — warum sollte sie sich fürchten, wenn so etivas erzählt wird?"
„Es kann ganz einfach Nervosität und Ueberreizung gewesen sein," sagte er nachdenklich.
„Unsinn, Algy. Ich weiß, was Furcht ist, und ich sah es in ihrem Gesichte. Ich irre mich nicht, es war blasse Furcht, Todesaiigst und keine Nervosität ‘ oder dergleichen. Ich sage dir, Lady Wayne hat eilt gewisses Etivas in ihrem Leben." (Fortsetzung folgt.)


