Ausgabe 
22.8.1906
 
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Stichwort aügeeilt. nicht gewirkt.

Kulisse den heftig seines Versprechens Jean" mit einem

Der Dichter ist voller Zuversicht.

Natürlich geht nichts.

Die Schwiegermutter ist auf ihr altes Sogar besonders rasch, denn die Szene hat

Der verwirrte Bonvivant sieht in der gestikulierenden Dichter stehen und ruft, sich erinnernd, dem verblüfften Blümke, der als

Tablett kommt, entgegen:

Ich werde in Ihnen immer die Frau meiner Mutter achten, die die Frau meiner Kinder ist!"

Das Stück ist nicht mehr zu retten.

Der Dichter aber wurde von einem Theaterarbeiter, der ihm zufällig nahe stand, als der unglückliche Bonvivant dem zu früh erschienenen Jean mit Pathos seine unklaren Familienverhalt- nssse vorwarf- später wegen Körperverletzung verklagt.

Trauriger hat einer meiner Freunde sich vor Jahren ein Trauerspiel selbstgeschmissen". Durch seine Nervosität.

' Heute ist er nicht mehr nervös und schreibt keine Trauer- piele mehr. Das erste ist für ihn, das zweite für das Publikum thr angenehm.

Es spielte, glaub' ich, zur Zeit des Königs Alboin, da aber die ' kleine Stadttheatcrbühne, an der es zurüberhaupt allerersten" Aufführung gelangte, keine Kostüme hatte, wie sie die Longobarden im sechsten Jahrhundert etwa getragen, so spielte man das Stück . im Kostüm des Don Carlos, was den fünffüßigen Jamben nichts von ihrer Länge nahnr.

Es war ein Dreiakter.

In den ersten beiden Akten passierte nichts. _ Ober es passierten nur fünffüßige Jamben, in die der Verfasser etwas lehrhaft seine nicht außergewöhnlichen Gedanken über die Not­wendigkeit der Liebe und die Ueberflüssigkeit der Eifersucht nieder­gelegt hatte. Im dritten Akte aber wurde die Sache tragisch, äußerst tragisch. Die Heldin verteidigt im Zelt des Vasallen, dem sie der König als Dank für geleistete Dienste geschickt, ihre Mädchenehre. Sie verteidigt dieses kostbare Gut sehr wirksam mit einem Dolch, den im zweiten Akt ihr Vater mit vielen fünffüßigen Jamben neben das fellüberdeckte Ruhebett nieder­gelegt hat. ,

Die Sache erinnert ein bißchen an das Schicksal der ij-amme Galotti auf dem Lustschloß Dosalo. Aber was tut das. Und dann: der Ausgang brachte eine überraschende Wendung. Die Heldin ersticht nämlich den verhaßten Longobarden mit dem bewußten Dolch und spricht noch einige gute Worte über das Recht der Unschuld, auch durch eine Bluttat die Tugend zn be- wahren.^ zweiten Akt hatte ein Herr im Parkett geLatscht.

Der Dichter, mit dem ich in der Pause auf der leeren Bühne stand die Darsteller mieden ihn wie einen Leprakranken sah darin ein günstiges Zeichen. c

Du wirst sehen", sagte er,der letzte Akt schlägt em. Und der Endeindruck ist bestimmend. Es ist ich gebe das zu zuviel schwere Gedankenfracht in den beiden ersten Akten. Das Publikum will das nicht. Aber das erhöht gerade die dra- matische Wucht dieses Schlusses. Es waltet eine eigenartige Oekonomie in meinen Werken. Aber du wirst sehen, ich habe recht: ich zwinge auch noch die Kühlen. Sie luerbeu alle klatschen, wie der dicke Herr hast du ihn gesehen? Es muß ein hoch­gebildeter Mann sein. Ich sah, welchen Eindrnck gerade die besten Verse auf ihn machten!" . . .

Und während er so sprach, hatte der Dichter, einer nervisten Gewohnheit folgend, den Dolch ergriffen, der seine Hoffnung war, und zog ihn spielend immer wieder aus der Scheide, ihn mit den Augen liebkosend.

Der Inspizient gab das Klingelzeichen.

Aus der Garderobe rauschte die Longobardenjungfrau im Eboli- kostüm. Auch der Held, der sterben sollte, war schon da.

Bühne frei!" .

Der Dichter zog mich erregt in die Seitenkunsie, wo wir auf der Pappüankvon Stein", auf der Teil gestern den Geßler in' der hohlen Gasse erwartete, dem Verlauf des letzten Aktes folgtert.^ |m AMsftngang der andern Selie der

Intrigant. Er war bereits vor fünfzehn Minuteii als Opfer der eigenen Verruchtheit vergiftet worden und sah nun wieder als ganz gewöhnlicher Mitteleuropäer unserer Tage mit seinem grämlichen alten Komödiantengesicht voller Runen und Falten dem letzten Akt zu, den er nicht kannte. Dabei stützte er sich auf seinen schlechtgewickelten Regenschirm.

Die Vorgänge auf der Bühne belebten sich.

Es wurden immer heftigere Jamben gesprochen. Lier Mond viel außerordentlich grün durch die Zeltwand. Das" Lagergctose in der Entfernung, an dem sich auch die zur Abrechnung erschienene Kassiererin lebhaft beteiligte, war sehr stimmungsvoll. .

Jetzt kam der große Moment. Der Longobarde reckte sich:

Der König hat dich mir geschenkt, o Weib! lind sie darauf: Der König kann dir Ring unb Krone schenken

Und Reich und Land doch meine Ehre nicht!

Sehr gut! lobte der Dichter, dem seine Verse fast immer ge- fielen

Aber was war das denn nur?,. . . Diese Pause_ . .. Dieses angstvolle Suchen der Augen . . . Dieses Bucken, Umhnnaufen . . . Das verdarb ja die ganze Szene! Und es kamen keine $ant$Um(ät'te§ willen, was ist das?" fragte ich den Dichter leise,was sucht sie denn nur?"

Den Dolch den Dolch st . ,

Himmel, den Dolch den hast du;a in der Hand

Der nervöse Dichter hatte den ganzen letzten Akt in der Seiteniülisse mit dem Requisit gespielt, das sein stuck retten sollte. . .! r

Das Stück war verloren. Es fiel durch h

Sogar der dicke Herr im Parkett verließ mürrisch fernen sch.

Er hatte sich das anders gedacht. . .

Wie und mit was die Longobardenjungfrau eigentlich den Verhaßten umgebracht hrtz das ahüen wer heute "och Nicht. M ber Stadt gingen allerlei sonderbare Gerüchte darüber. Die

raten, ein paar Geschichtchen erzählen, die charakteristisch sind für das gestörte Seelenleben solcher dramatischer Wöchner.

So hat mir die Gattin eines bekannten, namentlich in beit achtziger Jahren viel gespielten Dramatikers seufzend erzählt, daß ihr Mann am Premiereabend eine Droschke nehme und fort­gesetzt zwischen dem Hotel, in dem er abgestiegen, und dem Theater, in dem sein Werk gespielt werde, hin und her fahre. Ganz zwecklos natürlich. , t ,

Zn Beginn ist er im Theater, wirft noch einen Blick durch das Guckloch, ob auch alle da sind, die ihn nicht leiden können, drückt innig die Hände einiger geschminkter Menschen, die ganz unwesentliche Rollen spielen, stürzt an seiner Heldin, von der das Schicksal des Abends abhüngt, vorbei, ohne sie zu erkennen, stellt sich neben den Feuerwehrmann in die rechte Seiten­kulisse, sieht von hier aus den Vorhang hochgehen und flieht in die Droschke.

Er fährt ins Hotel, stürzt aus den Portier zu, als erwarte er die Nachricht, daß er in den zwanzig Minuten seiner Abwesen­heit einen Vanderbilt beerbt habe oder zum Kaiser von Abessinien ausgerufen sei.

Briefe da?"

Ein Telegramm, bitt' schön."

Er erbricht's mit zitternden Händen und liest:Alles Gute!

Fritz, Susanne, Hans. . ."

Ja, wer ist das? Woher kommt das? Er ahnt's im Augen­blick nicht. Vielleicht seine Kinder, vielleicht unbekannte Gönner.

Er ist schon wieder in der Droschke:Kutscher, Stadt- Iheater!" ,

Er kommt gerade zurecht zur großen, wichtigsten Exposi­tionsszene des ersten Aktes. Das Publikum muß sich jetzt klar werden über die verwickelten Familienverhältnisse.

Ein Mann steht neben ihm in der Seitenkulisse, die Hand auf einen überaus schmutzigen Vogelkäsig gestützt, in dem ein unglaublich ausgestopfter Vogel sitzt, der späterStimmung" in den dritten Akt bringen soll. Der Mann sagt etwas zu ihm.

Der Dichter hört nicht, er ahnt nicht. Er hört nur, daß

Fräulein Wanda da vorn auf der Bühne einen ganzen Satz

hat fallen lassen. Den wichtigsten! Gerade den einzigen Satz,

aus dem hervorgeht, daß der alte Herr, die sie in unedler

Absicht verfolgt, der Vormund des jungen Menschen ist, mit dem ihre Schwester später durchgeht. Nun versteht das kein Mensch mehr! ...

Der Dichter ist schon wieder draußen, schon bei der Droschke. Kutscher, zum Hotel!" _

So geht das hin und her. Wenn er in ber Seitenkultsse steht, hat ber Arme glühende Sehnsucht nach ber Portierloge, unb wenn er in einer hastigen Unterredung von 30 Sekunden den Portier nervös macht, möchte er schon wieder im Theater sein.

Einmal, ist's ihm passiert, baß er mitten im vorletzten Akt rasch unb leise aus dem eisernen Türchen kam, das vom Garde­robenraume ber Zuschauer birekt nach ber Bühne führt. Ein gemütlicher alter Herr zieht sich gerade Pelz unb Gummischuhe an unb läßt beit Dichter, den er natürlich nicht kennt, vorbei mit den drastischen Worten:

Na, Sie geh'n wohl auch? S'is auch zu dumm!"

Der Dichter ist dann gleich im Hotel geblieben. .

*

Unbequemer für die Darsteller, die an solchem Abend ihre ganze Ruhe und Selbstbeherrschung brauchen, ist berDichter mit bem Tätigkeitstrieb". Ihm ist immer noch etwas eingefallen. Sogar heute nacht noch etwas. ,

Könnten Sie nicht", sagt er zum Bonvivant,in ber Szene mit Ihrer Schwiegermutter noch etwas einschieben?. Wissen Sie nach den Worten: .Gehen ,Sie, Mabame'. Da müssen Sie noch sagen: Lch werde in Ihnen immer die Mutter der Frau achten, die die Mutter meiner Kinder ist, aber' und dann bezeichnende Handbewegung. Das ganze,aber' muß in dieser Handbewegung liegen."

Hören Sie, lieber Meister, das ist aber surchtbar schwer jetzt noch Wie war's: Die Mutter ber Frau, bie bie Mutter meiner Kinder ist . . .?" Wenn ich mich da nur nicht verheddere. Und dann ändert sich das Stichwort für Blümke, der den Jean spielt. Der hat doch "sofort mit dem Tablett zu kommen: .Herr Baron, eine Dame" . . .

Das geht alles noch. Ich spreche mit dem Souffleur. Es geht noch."