Mittwoch den 22. August
1906 — Ur. 123
■ E
DM
BMW
lL!
Der Stern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Hans sann lange vor sich her. Er war zu gewissenhaft, um den liebenswürdigen Eindruck, den dieser Brief auf ihn machte, sofort bestimmend auf sich wirken zn lassen. Was ihm als Mensch Wohltat, mußte er als Arzt trotzdem bedenken und reiflich überlegen.
War sie wirklich so weit, ivie sie wähnte? Durfte er ihrem Wunsche entsprechen? Jetzt schon entsprechen?
Alles in ihm rief jauchzend: „Ja!" Wie hatte er das zurückweisen können?
Sic zurückweiscn? Das wäre ja unmöglich! Das wäre grausam! Uno doch!
Er durfte sie solcher Anstrengung noch nicht aussetzen. Geistig und körperlich nicht. Es war unmöglich, daß sie in den wenigen Wochen sich schon so weit erholt haben sollte.
Am liebsten wäre er hingeslogen, um sich selbst davon zu überzeugen. Aber er fühlte, das durfte nicht sein! Das am allerwenigsten!
Eine heiße Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. Es war ihm, als erröte er vor sich selbst und seinen rebellierenden Gedanken, die des Mannes heißes Begehren und die Pflicht des Arztes gegeneinander abwogen.
Della! Die lachende, jubilierende Freude seiner Knabenzeit! Der Traum seiner Jünglingsjahre l Ter Schmerz seines Mannesalters — und dieser/Brief kam von ihr!
Und dann hatte er ihn nochmals gelesen, schob die Lampe näher heran und schrieb mit fester Hand die Antwort:
„Meine liebe Patientin und Freundin!
Du darfst mir nicht zürnen, wenn ich heute noch die Patientin vor die Freundin stelle, und mißverstehen darfst Du es schon garnicht. Tätest Du cs, dann wäre es das sicherste Zeichen, daß ich recht habe und Du unrecht. Denn Empfindlichkeit ist einer jener seelischen Schwächezustände, über die wirklich gesunde Naturen hinauskommen müssen, und zu einer solchen will ich Dich machen, eine solche sollst Du werden. Wenn Du es also ohne jede Kränkung und jede Verstimmung aufnimmst, daß ich mich mit Deiner Absicht nicht einverstanden erklären kann, Deine Erinnerungen aufzuschreiben, dann werde ich die Ueberzcugung gewinnen, daß Du wirklich auf dem Wege der Besserung Dich befindest. Vorläufig aber halte ich es noch nicht für so weit, um Dir schon eine Tätigkeit gestatten zu können, die größere Anforderungen an Dich stellen würde, als Du vermeinst. Ich muß auch heute noch streng daran festhalten, daß Du in völligem Nichtstun die Zeit verbringst und jenem allmählichen Er
wachen, jenem Hineindämmern des neuen Tages nicht sofort mit allen sich regenden Kräften zueilst. Du mußt noch ausruhen, liebe Della, und erst nach und nach darfst Du wieder Deine Kräfte erproben. Zunächst aber noch nicht, indem Du eine bestimmte Arbeit Dir vornimmst. Aendcre nichts in Deiner Lebenshaltung, beobachte die Vorschriften, die ich gab, und fache solche Stimmungen zu beherrschen, wie sie in Deinem Briefe sich kundgeben. Herrschaft über sich zu gewinnen, ist ebenfalls eine der Phasen, die Du durchmachen mußt, um Dein seelisches Gleichgewicht ganz wieder zu gewinnen, sodaß Du es niemals wieder verlierst. Der Weg ist lang, aber ich kann es Dir nicht ersparen, daß Du ihn gehst. Nur langsam und vorsichtig sollst Du ihn zurücklegen.
Wäre ich nicht sehr beschäftigt, dann hätte ich es nicht unterlassen, mich persönlich davon zu überzeugen, wie es Dir ergeht und ob die Fortschritte, von denen Du mir berichtest, wirklich so große sind. Ich hoffe es — und darum wollen wir ihnen Zeit geben, diese nachhaltig zu befestigen.
Mit vielen Grüßen an Dich, Deine Eltern und das liebe Heimatsnest Dein Hans Hübner/'
Der ruhige, allzu sachliche Ton des Briefes war ihm sehr schwer geworden. Aber über sein persönliches Empfinden stellte er seine wissenschaftlichen Ueberzeugungen. Und er sagte sich, daß er, um keinerlei neue Unruhe in ihre Seele zu tragen, auch nicht einmal den leisesten Laut anklingen lassen dürfe von dem, was ihn in dieser Zeit bestürmt mit tausend süßen und bangen Fragen. Nicht ihrer Schwäche und Hilflosigkeit hätte er einmal eine Entscheidung danken wollen, wenn er sie fragen würde ... In diesem Augenblick überfiel es ihn, den Starken, selbst in zager Furcht. Und dennoch, ganz gesund, stark, groß, fähig, ihre ruhmreiche, künstlerische Laufbahn wieder fortzusetzen, sollte sie sein, mußte er sie machen. Dann! —
Nach einigen Tagen erhielt er einen Brief, der nur wenige Worte enthielt:
„Ich danke Dir, lieber Arzt und Freund, Du hast recht, wie immer! Della!"
*
„Draußen ruht die Welt im tiefen Winterschlaf. Eine große, unendliche Ruhe ist in mir. Ich weiß nicht, ob diese Blätter je in Deine Hände kommen werden. Aber ich fühle, daß ich stark und mutig genug bin, um vor meinem geistigen Auge die Vergangenheit auferstchen zu lassen. Ehe ich es versuchen will, weiter auszuschreiten, muß ich mir Rechenschaft geben über das, was hinter mir liegt.
Weihnachten ist nun auch vorüber. Still und traulich war das selige Fest in innerster Fröhlichkeit. Die lieben, gütigen Eltern waren so glücklich, mich wieder bet sich zu


