Ausgabe 
22.6.1906
 
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Au alle Besucher des Waldes.

Viele tausende ziehen jetzt wieder an den Sonntagen hinaus den Wald, diese Stätte der Erfrischung und des Natur-- «enusses, die fidj. einer besonderen Pflege seitens der Forstverwalt- ung erfreut. Soll aber der Wald dauernd seine große Ausgabe erfüllen, so bedarf er des Schutzes, nicht allein des Schutzes durch besonders dafür bestellte Beamte, sondern. des Schutzes durch die Gesamtheit. Schutz der Heimat! Mächtig ist tue Be- wegnng, die endlich nach langer Gedankenlosigkeit das deutsche Volk erfaßt hat und durch alle Gaue des deutschen Vaterlandes zieht. Ist der Wald nicht auch ein Stiick unserer Heimat? Und er, der uns am nächsten liegt, der nns am meisten an das Herz gewachsen ist, entbehrt sehr des Schutzes!Gut guter Mensch beschädigt keinen Baum", so lasen war emmal ans >>iner am Stamui eiltet schönen Eiche angebrachten Tafel. Mahnt dieses zuversichtliche Wort nicht eindrucksvoller als em drohendes Verbot? Wer tnöchte nicht gern ein guter Mensch sein? Manche Handlungen mögen sie, von einzelnen Waldbesuchern vorgenommen, auch durchaus unschädlich und harmlos crscyemen können, wenn sie in großer Zahl ausgeübt werden, nicht allein störend, sondern auf die Dauer selbst zerstörend wirken. Wie oft wird das grünende Unterholz roh aller Zweige be­raubt. zerzaust und zerrissen stehen die Bäumchen da: mit knapper Not ist die Krone der Unvernunft der zerstüreilden Men­schenhand entgangen, und anllagend erhebt der verbliebene Baiinr- sturnpf den dürftigen Rest seiner Zweige in die Höhe. Nicht besser ist es oft dein Buchenjungwuchs ergangen, auch er tragt überall die Spuren des ihm zugefügten Leids. Möge daher jeder einzelne Waldbcsucher, um der Gesamtheit das schöne Waldbild, den ungestörten Naturgenuß zu erhalten, seinen eigenen Wün­schen und Gelüsten soweit sie störend wirken können Zugel (iTtlcncii.

Folgende Grundsätze sollte jeder Waldbesucher stets beachten: 1. Laßt den Gewächsen des Waldes ihre Zweige, Blätter und Blüten': sie sind der Schmuck des Waldes, sie sollen noch Viele erfreuen und neues Leben bilden. Abgerissen welketi sie rasch, dienen niemand mehr zur Freude, werden meist bald weggeworsen, das beschädigte Gewächs aber verkümmert. 2. Betritt keine jungen Anpflanzungen, locken dich auch die schönsten Beeren und Blumen, denn dn siehst die jungen Pflanzen nicht, die zu Bäumen heran­wachsen sotten. Die Zerstörung, die dein Fuß dort anrichtet, ist noch nach Jahren kenntlich, 3. Lasse Zeitungen, Fruhstncks- papicre und sonstige Abfälle nicht auf Wegen und Ruheplätzen Herumliegen; balle sie zusammen und wirf sie in Dickungen oder vergrabe sie in Moos und Laub; zerschlage auch keine ans- getrnnkeuen Flaschen, sondern lege sie beiseite in den Wald. Denn was ist häßlicher, als wenn einzelne Stellen int Waloc aussehen wie Sammelplätze für Abfälle. 4. Gehe mit Feuer und Zigarren recht vorsichtig um. Bei trockenem Wetter kann jede brennend weggeworfene Zigarre und jedes glimmende Stretchholz einen Waldbrand vertirsachen. 5. Störe die Tiere be§ Waldes nicht; alle fürchten den Menschen als ihren größten Feind. Die Be­rührung durch Menschenhand kann die Mutter veranlassen, ihr Junges oder ihre Eier zu verlassen und so dem Verderben zn weihen. Nimm deshalb auch deinen Hund an die Leine, wenn du nicht ganz sicher bist, daß er keinerlei Jagdlust hat. Nur wenn die waldbesuchende Bevölkerung diese Regeln beobachtet und sich so auf einen sich selbst beschränkenden höheren sittlichen Standpunkt stellt, kann der Wald auch bei dem Besuch von Tausenden diesen großen Menschenmassen wirklichen Naturgenutz, die in ihm gesuchten Fretiden, die Ablenkung vom Getriebe des Alltagslebens bieten. Der Waldeigentümer und die Forstverwalt- ung aber wird in dsiesem Falle gern daraus verzichten, in enteilt großen Teil der Waldbcsucher zugleich Waldzerstörer zu sehen. Strenge Maßregeln zum Schutze des Waldes, die dann schuldige wie Unschuldige treffen, werden unterbleiben. Das deutsche Volk sollte reif genug fein, feinen Wald selbst zu schützen.

Vermischtes.

* D ie jungen amerikanischen Million äre nnd ihre Schneider. Das Land der unbegrenzten Möglich- Teiteit leidet an einem Mangel: es produziert keine guten Herren­schneider. Das heißt, diese Ansicht lebt nur in den Kopsen der jungen Söhne der Millionäre _unb Milliardäre, deren Tot­lettenbudget sich jährlich auf fünf- und sechsstellige summen beläuft. In den Kreisen dieser beneidenswerten Jeunesse dorse gilt es als eine ausgemachte Sache, daß, wer etwas aus sich hält, mir einen der großen Londoner Modeschneider mit der ehren­vollen Mission betrauen darf, ihn zn bekleiden. Nun wäre es allerdings etwas unbequem, zu jeder Bestellung oder Anprobe erst über den großen Teich nach England gottbent zu mutten, i Und die Londoner Schneider nehmen daher den jungen Herren diese Mühe ab, sie reifen selbst nach Amerika. Erst jetzt wieder, da der Frühling und mit ihm allerhand neue Moden sicy an- kündigeu, haben etwa ein Dutzend der Eigentümer der erstell Lon­doner Schueidersirmen den Dampfer bestiegen, um ihre Kunden in Newhork zu besuchen. Und sie erklären, daß sie wahrend ihres kurzen Aufenthaltes dort drüben bessere Geschäfte machen, als

während des ganzen übrigen Jahres in ihrem Vaterlande. Da den Amerikanern nun einmal nichts anderes imponiert als Geld, so dürfen sie selbst dabei nicht sparen. Sie bewohnen in den ersten Hotels eine Flucht von Zimmern und treten in jeder Beziehung so nobel als möglich ans und ein großer, höchst ele­ganter Salon dient ihnen dazu, ihre Stoffe und Muster aus- zulegen. Es kommt bem' jungen Amerikaner nicht barauf an, sich Anzüge im Werte von vier bis fünftausend Mark auf einmal anfertigen zu lassen, und ist er zu bequem, um den Schneider selbst aufzusuchen, so gibt er seine Kommissionen wohl telegraphisch auf Einer der bekanntesten Londoner Schneider telephonierte am Morgen nach seiner Ankunft dem Sohne eines der Newhorker Krösusse, um ihm seine Anwesenheit mitznteileit. Die Antwort lautete aber sehr ungnädig, denn der Jnügliug war erst spät nach Haus gekommen, hatte einen ordentlichen Katzenjammer und erklärte, er brauche nichts. Höchstens, setzte er dann aber hinzu, drei Straßenanzüge, zwei TenniA-Kostüme, einen Smoking" und so siel ihm eins nach dem anderen ein, bt§ er schließlich für mehr als 10 000 Mark bestellt hatte, worauf er friedlich weiter schlummerte. Da der Zoll aus fertige Kleiderwaren in den Bereinigten Staaten sehr beträchtlich ist, so sind die Schneider­preise dort auch viel höher als in Europa. Unter 200 Mark bekommt man kaum einenanständigen" Alltagsanzug, und 400 Mark ist das mindeste, was man für einen passablen Frack au- legeii muß.

®ute Ausrede.. D i e Gnädige:Aber Jette, Sie tollten doch einen Aal ans der Markthalle initbringen !" I e t t e: Sötte doch, jnäd'ge Frau, bet jlitschrije Vieh is mich ganz aus bet JedächtniS jeschlüpst!"

Kunst.

Meister de r F a r b e. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig. 3. Jahrg. Lieferung 4 und ü. Das 4. Heft dieser Sammlung vermittelt die Bekanntschaft mit einigen in Deusich- land noch weniger gekannten ausländischen Künstlern, unter deneil man an erster Stelle Ilja Repin, den man den Contbet Rußlands genannt hat, mit einem in seiner malerischen Geschlossen­heit groß angelegten Bildnis notieren muß. Von Santiago Russinol, einem Spanier, der sich besonders der Malerei alter Gärten zugewandt hat, ist eine Probe dieses Genres reprodu­ziert, während der Böhme Wenzel Jansa als Landschafter des alten Prag und seiner malerischen Reize mit ememDämmer­stunde" genannten Bild hervortritt. Er ist tu gewisser Hinsicht un ernt Gotthard Kuehl verwandt, von dem das Heft ebenfalls eine wohlgelungene Reproduktion bringt. Endlich sind noch der Engländer Grosvenor Thomas und die liebenswürdige Wienerin Hilde Lot zn nennen. Von dem ersteren ist ein in seinen Tonwerten durchaus impressionistisch wiedergegebenes BildAbend tut Dorsi, von der letzteren ein charakteristisches Madchenbildnis mit ,,König Drosselbart" reproduziert. In der Textbeilage erzähl Karl Engen Schmidt eine köstliche Geschichte von deut Palettenputzer Contures Heft 5 erscheint als Sonderheft der Münchener Kunst mit Werken von Stadler, Kirchner, Geffcken, samberger. Schleich und Hengeler, während der literarische Teil zum erstenmal einen hochinteressanten Briefwechsel zwischen Spitzweg und feinem Freunde Pecht publiziert. Von Geffaen ttt einFruhlingssied genanntes Bild, von Stadler eine sehr charakteristische Landschaft, von Kirchner ein für ben_ Humor des Künstlers^ bczeichnenbes Stück, Serenissimus im Exil darstellend, von samberger ein malerisch feilt empfundenes Selbstportral, von Schleich eine in Originalgröße reproduzierteHeuernte und endlich von dem fröhlichen Hengeler ein Putto mit einem mächtigen Blumenstrauß alsGrattilant" publiziert.

Gitterrätsel.

Nachdruck verboten.

In die Felder vorstehen- ber Figur sind die Buch­staben aaaaaaa, ää, c c, d d d d, e e e e, ff, h h, 1 1, ni m m m, n n, r r r r, s s s s, t t t t, n tt derart einzutragen, daß die ------1--1 senkrechten und die ivage- rechteu Reihen gleichlautend

" Folgendes ergeben:

1. Schädliche Tiere.

2. Stadt in den Nieder­landen.

-------3. Russisches Gouverne- ___ ment.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Spargel (spar, gel, Geld).

Redaktion: Erntt Seh. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckeret. R. Lanae. GietzeNk