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durch die Zeitungen die lügnerische Selbstmordnachricht verbreitet würde, daß ich sofort nach meiner Ankunft in Livorno über die ganze Sache ausführlich an die deutschen Zeitmigen schreiben würde, was wahrscheinlich den Behörden verraten würde; man mußte also den Unbequemen, koste es, was es koste, feschalten. Schließlich erklärte ich dem Untersuchungsrichter ganz kurz, daß mir die Sache zu langweilig wurde und ich auch wegen der Unsicherheit nicht allein größere Ausflüge machen mochte, daß ich am Freitag, dem 9. Januar 1904, über Bizzavona nach Bastia abreisen ivollte. In Bizzavona wollte ich bis Sonntag früh mit dem italienischen Dampfer nach Livorno fahren. Gern würde ich ihm jedesmal meinen veränderten Aufenthaltsort mit» teilen, für den Fall, daß er auf irgettb eine Frage Antwort wünschte. Dies hätte ich ihm am 7. Januar gegen 6 Uhr am Schlüsse eines Verhörs gesagt, um 8 Uhr nach dem Abendessen wurde ich herausgerufen und ittir mein Verhaftbefehl überreicht. Er mußte schon längst nngefertigt bereit gelegen haben. Ich hätte ihn in meiner Wut nm liebsten zerrissen imb so quittiert, da ich nie einen Revolver besessen habe und meinem Charakter nach vollständig unfähig für die furchtbare Tat bin.
Ja, ich nahm sogar an, man wollte mich durch die Aufregung und Hetzjagd wahnsinnig machen, um eine willenlose, knetbare Masse zu gewinnen. Vielleicht schmeichelte man sich, daß meine Gesundheit bald ruiniert wäre, ich also nie Ivieder heimkehren würde, um als Ankläger gegen sie aufzutreteu. — „Je l'ai attendue" wär meine einzige Antwort, nämlich cette bstise, wie ich in der Schwnr- gerichtssitzung erläuternd zufügte, diesmal auch mit dem Beifall des Rechtsanwalts Decori, welcher mich wiederholt vor dem Gebrauch dieses Wortes gewarnt hatte, das sonst meine Rechtsanwälte ständig im Munde führten. Von den Beamten auf mein Zimmer begleitet, schrieb ich rasch ein Telegramm au nteilte Brüder: „Lächerlicherweise des Raubmordes angeklagt, bitte ich Euch, sofort Auswärtiges Amt Berlin lvegen Schutz zu depeschieren!" und hoffte, daß nun endlich die Mine in Berlin explodieren würde, da inan einen unbescholtenen Deutschen, der seinem Charakter und seinen Verhältnissen nach für jene fürchterliche Tat gar nicht in Frage kommen konnte, nicht ganz nach Belieben einstecken und festhalten durfte. Nun, ich habe es in den 157 Tagen verstehen gelernt. Als meine Brüder mir später schrieben, ob sie meine Sache nicht dem Präsidenten Lonbet unterbreiten sollte, bat ich sie dringend, hiervon abzusehen, da ich dann sicher erwarten konnte daß aus ihr eine Dreyfusiade machen wurde.
Bemerken will ich hier nochmals ausdrücklich, daß der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter mehrere Tage vor meiner Verhaftung meine Papiere, darunter auch meinen, auf meinen Namen lautenden Kreditbrief, in den Händen gehabt und mit aller Müße und Ruhe geprüft haben. Sie hatten Zeit genug, sich vor jenem Schritte nach mir, der in den besten Magdeburger Kreisen bekannt ist, erschöpfend zu erkundigen. Wenn sie dies nicht taten, machten fie sich einer unverzeihlichen Nachlässigkeit schuldig — eines Seitenstückes zu dein unglaublichen Verfahren nach Entdeckung des Mordes.
Der Einzug ins Gefängnis war fürchterlich. (Fortsetzung folgt.)
Are Krönung des norwegischen Königspaares.
Nachdruck verboten.
D r o n t h e i m, Mitte Juni.
Die große Woche ist da — die Woche der Feierlichkeiten, mit denen Norwegen feine vor Jahresfrist errungene Selbständigkeit besiegelt. Dank des norwegischen Grundgesetzes wird der alte, kleine Bischofssitz noch einmal Zeuge der Salbung eines norwegischen Königs. Seit der letzten Krönung in Drontheims tausendjährigem Dom ist ein drittel Jahrhundert verstossen; eine Spanne Zeit, länger als die Regierungszeit der meisten Herrscher und doch nicht lange genug, um zu verhindern, daß der damals Dort „Gottes Gnaden" gekrönte König die Salbung seines Nachfolgers miterleben muß. Aber vielleicht wird die Krönung des jungen Dänenprinzen zum König von Norwegen auch die letzte Zeremonie dieser Art in der Geschichte Norwegens — waren doch die Stimmen, die sich einer modernen Zeitanschau- nttg folgend gegen sie erhoben, weit zahlreicher als die, welche für eine freiere Staatssorm abgegeben wurden.
Diesen Eindruck wirb man nicht los, wenn man den Vorbereitungen zur Krönuugsfeierlichkeit an Ort und Stelle bei
nahe zu briugen. ,
Das letzte Stück Weges wird über die See gehen. Und der Empfang des Kvnigspaares in der Krönungsstadt mit seinen pompösen Zcrcinonicn, die natürlich in altherkömmlicher Weise ausgeführt werden, tvird im großen Gegensatz zu den schlichten Huldigungen in den Bauernhütten, mit ihrer anspruchslosen naiven Ausschmückung, stehen. Hier in Drontheim bereiten seit mehr als einem Monat tausend Hände den würdigen Empfang und die kirchliche Feier vor. Schon der Hafen ist sich nicht mehr ähnlich, neue Ankunftsstegc reihen sich bis in den Fluß hinauf, und am Strande erheben sich die Tribüne» in farbenreichem Schmuck und alles- überragend der große Empfangs- pavillon. über dessen grüner Zeltwand mit dem reichhaltigen Schmuck der Nationalfarben sich die Königskrone zwischen vier Ecktürmen- erhebt. Nach dem feierlichen Empfange geht die Fahrt vom Hafen aus durch die Stadt, unter Guirlanden und Ehrenpforten, durch dichte Meen von Fahnenstangen mit bunten Flaggen und Wimpeln hindurch an den dekorierten Häusern vorbei, der Kirche entgegen. Wie reichlich bunt diese Ausschmückung wirkt, wird man verstehen, wenn man erfährt, daß überall die norwegischen, dänischen und englischen — aber auch nur diese — Farben vertreten sind. Am ehrwürdigen Dom, >vv der Zug Halt macht, ist die Wirkung des Festprunkes eine nicht allzu harmonische. Die für Tausende von Menschen berechnete Tribüne und der große, rote Königspavtllon mit ihrem modernen Anstrich passen nicht recht zu den grauen würdigen Mauern des Ehrfurcht heischenden Domes. Hier wird das Königs- paar durch das, zum ersten Male seit hunderten von Jähren geöfsnetc Hauptportal die Kirche betreten. Mut «tannen wird jeder, dem dieses architektonische Meisterwerk eilte Quelle des stets erneuten Kunstgenusses geworden ist, den unerwarteten Fortschritt der Wiederherstellung, aber auch die fremd anmuteude Festtracht bemerken. Nicht nur die unvollendeten Teilender Kirche, sondern auch die Tribünen sind mit einem gelben «toff der von dem grauen Ton des Sandsteins eigentum-
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Js^E' der Rahmen glänzend und farbenprächtig, so wird das Schauspiel, das sich hier abspielen wird, nicht weniger leuchtend und prächtig sein. Der feierlichen Handlung werden Repräsentanten sämtlicher europäischer Staaten beiwohnen, nut Ausnahme der Schweiz, der Türkei und Schwedens. Aber Niemand wird sich darüber wundern, da,; König Oskar bei der Krönung seines Nachfolgers sich nicht repräsentieren laßt. Als Vertreter des- deutschen Reiches erscheint Prinz Heinrich,. Außerdein wird Herzog Karl Eduard von Sach, en Kvburg-Gotha der Feierlichkeit beiwohuen. Das Vaterland der Konigtti lntzt sich durch das Prinzenpaar von Wales vertreten. Danenlarr sendet den Bruder des Königs, Kronprinz Christian und Gemahlin, während Rußland durch den Bruder des Zaren, Großfürst Michael repräsentiert wird. O. C.
wohnt. Hier am historischen Platz der traditionellen Feier merkt man nichts von dem Fieber, das sich des Volkes in den großen Augenblicken seiner Geschichte bemächtigt. Wohl ist man auf die nahen bevorstehenden Begebenheiten gespannt, aber die Neugier, sowie tausend Nebeuiuteresseu spielen dabei mit und von einem wirklichen Pathos ist absolut nichts zu spüren. Der große Ton findet sich nur in einigen loyalen Hauptstadtblättern. Man bemüht sich, eine künstliche Feststimmung heraufzubeschwören, indem mau die natürlichen Alltäglichkeiten aus dem Leben des Königspaares mit geschichtlicher Glorie zu umgeben versucht und in den Festberichten, ivie bei der Einrichtung der neuen Krönungsschlösser mehr die Stimmung des 12. als die des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck dringt. Man treibt diesen Kultus sogar so weit, daß nicht mal die Namen verschont werden. Die Hauptstadt Norwegens heißt seit vierzehn Tagen nicht mehr Christiania sonderii „Oslo", die Kröntingsstadt kann sich nicht mehr mit dem Namen Drontheim begnügen, sondern schmückt sich mit der pompösen Bezeichnung Nidaros. Doch die Gemüter des Volkes sind von all diesem Gefühlsschwall unberührt; einfach, ja sogar schroff, wie diese Menschen alltags sind, treten sie ihrem neuen Herrscherpaare natürlich und ungeschminkt entgegen. Das erfährt König Haakon ganz besonders in diesen Tagen, wo er mit der Königin und dem populären kleinen Kronprinzen feine „Eriksstraße" durch Norwegen macht. Von Ort zu Ort geht es in altertümlicher Fahrt, mit Pferden vor dem Wagen, von Gasthof zu Gasthof. Ost wird in einem der geschmückten Bauernhöfe Aufenthalt genommen; man improvisiert ein Frühstück in der Tiefe eines ftühliugsgrünen Waldes, oder man ruht itt brennender Sonnenglut am Fuße eines schmee- bcdcckten Berges. Das sonnenverbrannte Königspaar und der kleine Kronprinz, der braun wie ein Indianer aussieht und so gut gediehen ist, daß fein Vater scherzhaft meint, er müsse wohl drei Pferde, statt eines vor sein Kariol bekommen, werden von der Bauernbevölkerung mit einfachen, aber herzlichen Worten und kräftigen Händedruck begrüßt. Was das Fürstenpaar aber auf dieser Fahrt gesehen hat, nicht allem von der Herzlichkeit der Bevölkerung, sondern auch von der Schönheit der großzügigen Landschaft in ihrer bezaubernden Frühlingspracht, das ist wohl geeignet, ihm Land und Leute


