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nettes Stübchen hab' für dich und auch eins für die Baroneß. Ich hab' nur nicht daran gedacht, daß du gleich mitkommen würdest, und da wird Fielen mit der Einrichtung noch nicht fertig sein — du kitzelst mich schon wieder mit dei'm .Borstenbart an der Nase, Baron---"
„Staberow! Freund! Nur 'raus hier — ob eingerichtet oder nicht!"
„Das sagst du so. Wenn's dir auch egal ist, Fieken denkt darüber anders. Sie ist 'n bißchen eigen. Wer wenn du durchaus willst, können wir es drauf ankommen lassen."
Es dauerte noch an drei Stunden, bis alles zur W-- fahrt bereit war. Jochen Staberow hatte unbändig lange auf sich warten lassen, so, daß der Baron bereits mißtrauisch geworden war. Als er daun endlich mit feinem' Kälberwagen heranstuckerte, knurrte ihn der Alte an.
„Ist dir wohl schon wieder leib geworden, he?"
„Dieses weniger. Wer ich weiß es nu ganz genau, daß du eine große Verrücktigkei't begehst, Baron", erwiderte Jochen Staberow, in dem er sich angelegentlich bemühte, das Verdeck hochzuschlagen. „Steig' man ein, unsere Baroneß kommt hier hinten, wo es überwindig ist. Schon mächtig kühl, was? Hoppla, tritt nicht auf deine Tul- penzwiebels, Baron! Das Ferkel müssen wir denn vorn zwischen die Beine nehmen---"
,,©ta—be—row! Du hast das Schwein von
„dem"---?"
„Natürlich von „dem"! Weshalb soll ich von „dem" kein Ferkel kaufen? Geschäft ist Geschäft."
„Und du hast es richtig bezahlt? Kanwst du das beschwören, Staberow?"
„Ich will dir mau sagen, Baron, daß ich. heut nu genug hab' von der Schwörerei! Erst, daß ich dir nichts snlmpen soll, dann wegen des Portweins, und jetzt soll ich das Ferkel auch noch beeidigen! Das wird mir zuviel auf einen Tag."
„Aber wieso hast du es« denn gekauft?" fragte der Alte hartnäckig.
„Zum Donnerlichting, weil du dir eins gewünscht hast, um in der Stadt ein bißchen Betrieb zu haben. Fieken wird zwar schöne Augen machen, a-m besten ist, wir zeigend vorläufig gar nicht — und ich weiß auch noch nicht recht, wo wir das Vieh einlogieren. Einen Stall hab' ich keinen. Aber es wird schon Rat werden."
Der Baron drückte gerührt die Hand des Freundes und ließ sich nunmehr auf dem Wagen verstauen.
„Dann danke ich dir auch vielmals, Staberow^, sagte er leise und mit einem letzten Blick auf das Pardubitzer Herrenhaus. „Und sobald ich Geld geborgt bekomme, kriegst du das ausgelegte wieder. Komm', mein Nuckechen!" — Damit erhob er den angstvoll quiekenden Vierfüßler auf den Schoß und tätschelte beschwichtigend die rosige Schwarte. „Ser still, mein Kleines, du wirst es bei deinem alten Herrn besser haben, als bei diesem Määäää —"
„Halt den Mund, Baron!" raunte Jochen Staberow unwillig, „das ist Kinderkram!" Dann nahm er die Lerne, wib das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung.
„. Obwohl Theobald von Knieper eben noch wie ein -/Zickenbow' gemacht hatte — laut und herausfordernd, ein Kniest und ein Kampfruf zugleich, — war er sich der Schwere dieses Augenblicks Wohl bewußt. Das Ferkel, als das letzte, was ihm von Pardubitz geblieben, fest im Arm, saß der Alte von nun an regungslos und schwieg. Nur als man rechts vor dem Dorfe an dem.Friedhöfe vorbeikam, wo das weiße Kreuz des Kuieperschen Erbbegräbnisses die bäuerlichen Grabstätten hoch überragte, winkte er mit der Hand und murmelte: „Laß man, Mutting — ich komme bald und werd' mich verantlvorten — bald — spätestens am Weihnachtsheiligabend."
Der Herbstwind, welcher kalt und schneidend die dunkle Chaussee hinauffegte, nahm das Wort und wehte es hinüber. Dann trieb er: mächtig die Backen auf und blies wie der Fön durch den Wald, damit das Rauschen der Buchen die Wehklage eines jungen Herzens übertöne, ob emes allzu raschen zorngeborenen Wortes. , .
(Fortsetzung folgt.).
Keke» Krller: „Optimismus".
Wer es unternimmt, seine Gedanken einem größeren Kreise Nittzuterlen, trägt eine weit ernstere Verantwortung, als man
int allgemeinen glaubt. Mag ein Buch durch die durchsichtige Klarheit seines Stils, die Schönheit der Sprache und die Kühnheit der Gedanken in ästhetisch fein empfindenden Menschen noch so großes Entzücken wachrufen, einen wirtlichen Wert hat es mir, wenn es dazu beitragen kann, die Menschen glücklicher, mutiger und besser zu machen.
Solch ein segensreiches Buch liegt heute vor mir, Helen Kellers „Optimismus" (Verlag von Robert Lutz in Stuttgart). Helen Keller ist „eine unglückliche taubstumme Blinde". Nein, sie ist eine glückliche Blinde! Davon zeugt ihre kleine Schrift über den Optimismus. — Ihr Zeugnis für den Glauben an den Optimismus ist, wie sie mit Recht annimmt, „wohl wert, gehört zu werden". In lebenslänglicher Nacht und lautlosem Schweigen eingeschlossen, nur durch das Gefühl und eine mühsame Sprache, die sie selbst nicht vernimmt (worin mag wohl für sie die Schönheit eines Wortes bestehen?), mit Menschen und Umwelt in Verbindung stehend, ist sie in ihrem Innenleben bewußt glücklich. Der Gedanke liegt nahe, daß sie von ihrer Umgebung so völlig vor der Berührung mit Schlechtem und Traurigem bewahrt worden ist, daß sie vom Dasein der Schuld und des namenlosen Elends auf Erden keine Vorstellung hat und nur glücklich ist, weil kein Schütten das heitere Bild ihrer Anschauung trübt, kein Mißklang die Harnronie ihrer Vorstellungen stört. Gegen diese Annahme verwahrt sie sich jedoch inr ersten Abschnitt „Innerer Optimismus" mit klaren Worten. Sie nennt es einen gefährlichen Fehler, das Dasein des Bösen zu ignorieren. Ein Optimist, der vor Leid und Sünde die Augen schließt, wird keine Neigung spüren. Strauchelnden und Unglücklichen beizustehen; er glaubt ja nicht an Versuchung und Herzeleid. Aber beide sind nur zu ivahr, doch müssen sie sein. Kein! Lebender kann sich entwickeln, ohne von Leid und Kampf berührt zu werden, ohne Schuld kann er sich nicht läutern, ohne tiefen Schmerz nicht zum Optimisten erstarken. Wo kein Widerstand ist, ist keine Uebung der Kräfte, — nur leidend lernen wir Geduld.
Helen Keller hat erkannt, daß auf Erden jede Möglichkeik des Glücks nur auf Arbeit beruht. Nur weil sie Arbeit gesunden hat, ist sie selbst glückliche Sie beruft sich auf den „Evangelisten der Arbeit", Carlyle, der uns aufruft, schaffend Ordnung in das Chaos zu bringen. „Und Ordnung", fügt sie hinzu, „ist Optimismus." — Wie oft hört man die Klage, daß die kleine, alltägliche, peinigende Mühe des Daseins uns müde und hoffnungslos macht, weit mehr als großes Leid und schwere Lasten. Helen Keller gesteht: „Ich möchte gern eine große und edle Aufgabe erfüllen", und fahrt dann heiter fort: „Aber meine vornehmste Pflicht und Freude ist es, auch niedrige Aufgaben so zu behandeln, als ob sie groß und edel wären," Dariw liegt das Geheimnis der Zusiiedenheit. Eine tiefe Rührung erfaßt uns, wenn am Schluß dieses Abschnittes die aller Schönheit des Lichts und Klanges Beraubte, deren Optimismus freilich nicht auf der „Negation des Bösen" beruhen kami, ihre Anschauung in den Worten zusammenfaßt: „Ich bin vollkoinmcn bereit, froh und tapfer jedes Los zu ertragen, das mir der Himmel auferlegen mag." Trägt sie nicht schsn schwer und tapfer genug, um uns allen ein Vorbild zu sein?
Helen Keller bringt ihren inneren Optimismus im zweiten Abschnitt „Aeußerer Optimismus" mit den Erscheinungen des Lebens in Einklang und begründet jenen durch diese. Sie nimmt „die starken Zeugen ihres Glaubens" aus Literatur,' Philosophie, Religion und Geschichte. Die Lehre Pl'atos von der nicht wahrzunehmenden Idee und ihrem unvollkommenen Abbild auf Erden ist ihr ein großer Trost, auch Berkeleys Lehre- daß das von den Augen umgekehrt aufgenommene Bild bei Gegenstände vom Gehirn korrigiert wird. Sie füUt sich dadurch mit den Sehenden und Hörenden auf einer Stufe, „weil in Gottes ewiger Welt Gemüt und Geist die Hauptrolle spielen". Aber auch im allgemeinen stützt sich ihr Optimismus auf die Lehren der Philosophie von der Ordnung und Gesetzmäßigkeit im Universum und der Allgegenwart Gottes, des Alldurchdringenden, Allumfassenden.
Die Geschichte der Menschheit erkennt Helen Keller als ein» Geschichte des Fortschritts. Griechenland, Rom und die nordischen Nationen liefern ihr die Beweise.
Die Blinde sieht über ihr Vaterland hinaus auf die ganze Menschheit, und überall gelvahrt sie Zeichen des Fortschritts, die sie namhaft macht. Schulen, Krankenhäuser, städtische Volksgärten, Bibliotheken. .Doch „der höchste Erfolg der Bildung ist die Toleranz". Die Zeit der Brüderlichkeit wird konimen, sie glaubt es sicher, „wenn die Kornfelder keine Schlachtfelder mehr sein werden".
Ich gestehe es, so weit kann ich der Hofstrnngsfrohen nicht folgen. Ich glaube nicht, daß der „Friede auf Erden" sich jemals ganz verwirklicht. Die Last des Elends ist zu groß. Wohl aber glaube ich, daß jeder einzelne von uns sich in seinem Herzen Frieden erringen kann, wenn er neben dem Vertrauen auf einen endlichen Sieg alles Guten, wenn auch erst jenseits der Erde, die Kraft der Entsagung und Selbstentäußerung besitzt.
Helen Kellers Darstellung gipfelt int dritten Teil „Praktischer Optimismus" in dem merkwürdigen Ausspruch, daß es die Pflicht eines jeden gegen sich selbst und seine Mitmenschen ist, glücklich zu fein. Aber wie viele werden dieser Forderung nicht entsprechen Wunen! Kein Tag vergeht, der nicht Opfer


