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„Das habe ich nicht!" erwiderte sie heftig, indem das glühende Gesichtchen sich noch um eine Nuance tiefer färbte. „Ich habe nur unterschieden zwischen beit Pflichten, welche die eigenartige Stellung des Herrn von Meck möglicherweise bedingte, und zwischen tatsächlichen lieber griffen, wie sie hier vorliegen!"
Damit wandte sie sich ab. Es hatte sie ein Blick ge- trosfen, in welchem sich jähe Ueberraschung, ein freudiges Aufleuchten malte, gleich darauf aber wieder jene stille Resignation, welche sich ihr gegenüber in seinem ganzen Mesen ausgeprägt und auch aus seiner Erwiderung klang.
„Es ist müßig, zu untersuchen, gnädiges Fräulein, ob dieser Uebergriff nicht ebenfalls jenen Mißverständnissen zuzählt, denen ich hier seit der ersten Stunde meines unglückseligen Mandats in fast allen meinen Handlungen ausgesetzt gewesen bin. .Jedenfalls danke ich Ihnen, 'daß Sie wenigstens Unterscheidungen versuchen. Und wenn Sie darin nicht immer das Rechte treffen, so will ich gern mir selbst einen Teil der Schuld beimessen. Ich bin gewiß nicht ohne Fehl, und ich habe wohl noch nicht jene Ruhe und innere Abklärung, welche die prekäre Stellung zwischen Ihrem Herrn Vater und dessen Gläubigern, beziehungsweise der Vormundschaftsbehörde erheischt. Umso glücklicher bin ich, daß diese Stellung nunmehr ein Ende' bat. Ich habe Ihnen die Mitteilung zu machen, Herr Baron, oaß Pardubitz verkauft ist."
Durch die gedrungene Gestalt des Alten, welcher der Abkanzelung seines Todfeindes bisher mit kaum gebändigter Freude gefolgt war, ging ein Zittern wie von einem stark gespannten elektrischen Schlage. Seine Augen öffneten sich weit und der Unterkiefer klappte herunter. Die fliegenden Hände tasteten nach den Armlehnen des Sessels. Mit einem entsetzten Aufschrei eilte Josefa ihrem Vater zu Hilfe, auch Jochen Staberow faßte zu, und sie ließen den schweren Körper langsam in den Lehnstuhl sinken.
Malter von Meck stand völlig konsterniert. Diesen Eindruck seiner Mitteilung hatte er nicht voraussehen können. Der Baron mußte wissen, daß der Verkauf des Gutes nur eine Frage der Zeit war.
Nach einigen Sekunden erholte sich der Alte. Tas Gesicht verzerrte sich zu einem kindischen Lächeln, und der mächtige, gelbweiße Schnauzbart zitterte, als er sagte:
„Verkauft? Hab' ich richtig gehört, Staberow? Oder bin ich dumm von dem Portwein, den du getrunken hast? Nee, es ist schon wahr! Richtig verkauft! Ich habe es ganz genau verstanden. Man faßt das bloß nicht gleich so schnell, wenn einem das Stückchen Heimat verkauft wird und man kein „zu Hause" mehr hat. Tas ist gerade so, als wenn einer daherkäme und sagte: Herr Baron, ich habe Ihnen die Mitteilung zu machen, daß Ihr Holzbein verkauft ist und das gesunde auch! Na laß, da ist ja nun nicht weiter Zu reden. Pack' denn man unsere paar Klamotten ein, Seffi, und mach' dich fertig. Staberow führt mich inzwischen noch mal 'runter auf den Friedhof — zu Muttern — daß ich der was ins Ohr sage. Ich muß mich doch verantworten, weshalb wir nu Weggehen — wie das alles gekommen ist — und — —"
Der Rest ging in einem heiseren Ausschluchzen verloren. Ter Alte hatte seine Tochter an sich gerissen und ihr Köpfchen fest an seine Brust gepreßt. Jochen Staberow schnaubte furchtbar in sein buntes Sacktuch.
Malter von Meck trat näher und sagte bewegt:
„Es kann nicht Ihr Ernst sein, Herr Baron, den Abschied derart zu übereilen. Ich versichere Sie, nichts steht dem im Megc, daß Sie auf Pardubitz bleiben, solange es Ihnen beliebt, abgesehen davon, daß noch verschiedene Abrechnungen Ihre Anwesenheit notwendig machen. Der neue Besitzer hofft, sich mit Ihnen auf einen besseren Fuß stellen zu können, als es dem Sequester beschieden war; und er hofft auch, von Ihrem Rat zu profitieren."
„Von mir? Sag' ihm man ruhige mein Sohu, daß ich unter Kuratel stehe —"
„Das hat doch mit Ihren landwirtschaftlichen Erfahrungen nichts zu tun, Herr Baron!" versicherte der andere eifrig und eindringlich. Daß der Alte sich hierzu überhaupt geäußert, erschien ihm schon ein Erfolg, „Und dann bitte ich Sie, zu erwägen, daß wir dem Minter entgegen» gehen. Sie würden sich da besonders schwer in neue Verhältnisse finden. Es ist mein lebhaftester Wunsch —"
„Hörst du, Staberow? Er hat immer noch lebhafte Wünsche, wo er doch jetzt hier nicht mehr zu sagen hack,
wie du oder ich. Aber so war es immer. Alleweil mit der verflüchtigen Grünschnabelei vorweg! Wenn es etwas geben könnte, Staberow, was mir ein Trost ist in der Trennung von der alten Scholle, so ist es der Gedanke, daß der Herr Sequester nu auch auf die Rüben gejagt wird. Es soll ihm gut gehen und er soll sich achter mit blanken Messingnägeln verzieren lassen. Nee, nee, junger Mann", wandte er sich dann trocken an Herrn von Meck, „bestellen Sie dem Neuen mein Kompliment, und es wäre mir schon genug, wenn ich noch zwei ober drei Tage bleiben könnte. Will er noch ein übriges tun, so soll er mir dann meine Tulpenzwiebeln mitgeBen und ein Pardubitzer Ferkel von dem Porkshire-Schlag, den ich hier eingeführt habe, damit ich in der Stadt doch ein bißchen Betrieb habe. Und wenn ich meine Frau auf ein Stündchen besuchen dürste am Meihnachtsheiligabend---"
„Verkehren Sie nicht Selbstverständlichkeiten in Wünsche, Herr Baron", unterbrach der junge Landwirt ernst. Dann lockerte er seinen Hemdkragen und preßte die Hände ineinander, als wenn er noch etwas auf dem Herzen hätte, wofür er nicht gleich den rechten Ausdruck fand. Das war jedoch nur ein Augenblick, dann sagte er so weich und bittend, daß Josefa von Knieper das tränenüberströmte Gesicht erhob und ausschaute.
„Von der ersten Stunde an, Herr Baron, haben Sie eine tiefe Abneigung gegen mich bekundet und ich verstehe das. Sie sahen in mir die Verkörperung des Unglücks, das Sie betroffen, und den Büttel derjenigen, die Sie in Ihrer persönlichen und wirtschaftlichen Freiheit behinderten. Aber so wahr mir Gott helfe, nicht eine der Maßnahmen, welche Sie gekränkt und erbittert, war etwas anderes als die notwendige Konsequenz der ganzen Situation. Und diese habe ich nicht geschasfen. Wenn ich mich aber wirklich einmal vergriffen haben sollte — gereizt, trotz aller Mühe, es nicht zu sein — so erbitte ich in aller Form Ihre Verzeihung. Ich erbitte Ihre Hand, Herr Baron, die ich in Ehrerbietung halten werde, mit der Versicherung, daß nun nichts mehr Sie erinnern soll an das, was bisher gewesen. Ich — ich kann Ihnen das garantieren, denn ich selbst bin der neue Besitzer von Pardubitz."
Der Alte hatte halb ungeduldig, halb verständnislos zugehört. Auch bei der letzten Eröffnung verzog er zunächst keine Miene. Sein trüber Blick wanderte von der Tochter zu Jochen Staberow, die sich ihrerseits beklommen ansahen.
Plötzlich lachte der Baron dröhnend auf und schlug sich klatschend auf die Schenkel. Es war ein Lachen, welches das Blut in den Adern erstarren machte. Das Gesicht färbte sich blaurot und der Atem ging keuchend, bis er sür einen Moment ganz aussetzte. Das junge Mädchen umklammerte ihn verzweifelt und preßte das Händchen gegen die gedunsenen Wangen und die feuchtkalte Stirn.
„Nichts mehr!" schrie sie gellend. „Gehen Sie! Sie töten mir den Vater! Oh, wie ich Sie hasse!"
Walter von Meck wurde aschfahl. Die Lippen bewegten sich, .aber brachten keinen Laut hervor. Dann wandte er sich und ging.
Der Baron hatte sich bald erholt. Es war nicht der erste Anfall dieser Art, welchen er zu Üb erstehen gehabt. Er löste sanft die Arme der Tochter und erhob sich, elasti-i scher fast als sonst.
„Wo hast du deinen Wagen, Staberow?"
„Beim Krugwirt unten im Dorf. Willst ’n Stückchen spazierensahreu, Baron?"
„Ja, und zwar bis nach der Stadt. Wieviel Leute wohnen eigentlich dort, Staberow?"
„Stückener achttausend."
,/Oha! Was ’n Berg Menschen! Ich mein', daß es da doch einen Winkel geben müßte, wo noch zwei Menschen mehr leben könnten, ungestört von hinterlistigen Hnnds- fötters, meinst nicht?"
„Das schon", erwiderte Jochen Staberow und schüttelte den Kopf. Dann zog er fein buntes Sacktuch, aber nicht um zu schnauben, sondern um seinen Schädel blank zu reiben, wie er das immer tat, wenn er besonders scharf nachzudenken hatte. „Ich will dir man sagen, daß das eine große Verrücktheit ist, was du da vorhast. Wo man sechzig Jahr gelebt hat, da geht man nicht von Mittwoch auf Donnerstag weg, sozusagen. Aber das ist ja nu deine Sache, und ich will dir da nicht reinreden, Baron. Als ich gestern gehört hab', wie es um dich steht, bin ich rans- gekommen, um dir zu sagen, daß ich in meinem Haus ein'


