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Lord Wayne beugte sich nieder und betrachtete das starre Antlitz, dann rief er laut:
„Den Mann kenne ich".
„Sie kennen ihn, Mylord?"
.Jawohl", fuhr der Lord hastig fort; es ist der Bruder eines Herrn, der uns hier neulich besucht hat. Sein Name ist Janies Jefferies. Was mag ihn nur hierher gebracht, und wer mag ihn erschossen haben?"
.Das ist's, was wir herauszukriegen haben", sagte der Sergeant. „Jawohl, es ist kein Irrtum möglich, Mylord; er muh hier bereits seit Stunden gelegen haben; der Körper ist vollständig steif und starr. Was nun?"
Einer der Männer schlug vor, die Leiche solle in das nahe Försterhaus gebracht werden und dort so lange bleiben, bis die gerichtliche Untersuchung gehalten sei.
Eine Tragbahre war bald zur Stelle, und darauf hoben sie die stumme Gestalt. Grosze Blutflecken waren im Grase, auf den Blättern und den wilden Waldblumen umher.
„Ein fürchterlicher Schuß", bemerkte der Sergeant.
Lord Wayne stand sehr ruhig und gefaßt da, doch sah er blaß und ernst aus; dieser Mord, so nahe vor den Toren seines Hauses, gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Glauben Sie, es sei vielleicht ein Raubanfall?" fragte er, „ich kann mir eine so schreckliche Tat gar nicht erklären".
Sergeant Elliot untersuchte gerade die Taschen der Leiche.
„Ein Raubmord kanns wohl nicht gewesen sein", sagte er bann, „hier fehlts wirklich nicht an Geld".
Wirklich, es fehlte nicht an Geld. Eine große Börse war mit Goldstücken gefüllt; außerdem fand sich ein Taschen- buch mit Banknoten; die goldene Uhr und Kette waren ebenfalls unberührt; wertvolle Ringe funkelten an den starren Fingern.
„Nein", wiederholte der Sergeant, „ein Raubanfall ists nicht gewesen, Mylord. Es ist ein Mord!"
„Wer könnte es getan haben? Und weshalb? Ich glaube nicht, daß dieser arme Kerl auch nur einen einzigen Feind in der ganzen Welt hatte."
„Wir werden das herausbringen, Mylord", erwiderte der Sergeant. Dann wandte er sich an einen seiner Leute. „Sie bleiben hier", befahl er, „Und durchsuchen das Gras und die Umgebung genau. Vielleicht finden Sie die Waffe, oder sonst etwas, das uns auf die Spur des Täters bringt".
Dann bildete sich der Trauerzug, und die Leiche wurde zur Behausung des Försters gebracht.
Lord Wayne stand dabei, als man die Leiche in einem Zimmer zu ebener Erde ausbahrte.
„Es ist sehr traurig", sagte er, „ganz schrecklich. Der Bruder dieses unglücklichen jungen Mannes ist Lord Romsey's Sekretär. Er ist der Solln einet Witwe, die seinen Vertust äußerst schmerzlich empfinden wird. Ich kann immer noch nicht umhin, zu glauben, Elliot, daß er von einem der Forst- Hüter irrtümlich für einen Wilddieb gehalten und erschossen worden ist."
„Das mag sein", war die vorsichtige Erwiderung. „Das wäre ein Unglück, höchst beklagenswert nach wie vor — aber nicht so schlimm wie Mord. Wir können hier vorläufig nichts mehr tun, Mylord. Ich werde für den Rest des Tages einen meiner Leute hier lassen".
Inzwischen hatte sich der Polizist, dem anbefohlen worden, den Boden am Tatorte genau zu durchsuchen, mit größtem Eifer dieser Beschäftigung hingegeben. Er hatte erwartet, eine Pistole, einen Revolver ober ein ähnliches Morbwerkzeug zu finben, boch nichts bet Art belohnte seinen Forschungseifer. Kein Wisch Papier, kein halb zerrissenes Kuvert, kein Taschenmesser — nichts, gar nichts.
Der Mann war enttäuscht; sein Vorgesetzter würde jeben- falls nicht angenehm berührt sein, wenn er nichts aufzuweisen hatte, wogegen, wenn er das Glück hatte, eine Entdeckung zu machen, ihm eine Gratifikation, vielleicht sogar Beförderung in Aussicht stand.
Da, gerade, als er sein Suchen aufgeben wollte, ward sein Blick durch etwas SellimmerndeZ auf der anderen Seite
des Törchens gefesselt; er eilte hin, bog das Gras auseinander und sah ein Armband am Boden liegen. Mit einem Ausruf der Ueberraschung hob er es auf.
Wirklich — ein wunderschönes Armband ans mattem, reinen Gold, mit kostbaren Smaragden besetzt; das prächtigste Schmuckstück, das ihm je vor Augen gekommen. Das Schloß war offen, als ob es jemandem unbemerkt entfallen sei.
Er betrachtete es genau. Unter dem Schloß war eine Feder; er berührte sie, und ein Miniaturporträt ward sichtbar. Es war ausgesucht schön und vorzüglich getroffen; er erkannte das Bild sofort — es stellte Lord Wayne vor.
Er eilte mit feinem Fund zu feinem Vorgesetzten, der große Augen machte, als er sah, was es war.
„Die Sache gefallt mir nicht", murmelte auch Elliot. „Da steckt mehr dahinter, als man zuerst glauben sollte. Ich will nach London telegraphieren".
Und am selben Morgen noch erbat er sich einen bei tüchtigsten Geheimpolizisten.
51. Kapitel.
Kenninghall in Schatten.
Vor zehn Uhr morgens wußte bereits die ganze Diaity» barschaft, daß ein schrecklicher Mord auf Kenninghall vor- gekommen, ein Mann in unmittelbarer Nähe des Schlosses erschossen worden fei.
Natürlich war das Fest verdorben. Gewiß, die meisten Leute haben Unterhaltung, Amüsement und Vergnügen liebet als den Ernst des Lebens, aber wenige sind herzlos genug, am frischen Grabe eines Mitmenschen zu tanzen und sich zu vergnügen. Man dachte an dem Tage auf Kenninghall seht wenig an Vergnügen. Wagen auf Wagen fuhr am stattlichen Schloßportal vor, mit Damen, die die Nachricht unterwegs vernommen, und die, als sie die Bestätigung am Tatorts selbst hörten, mit Bedauern und Schaudern erklärten, sie könnten nicht daran denken, sich Lady Wayne heute aufzudrängen, di« gewiß schrecklich angegriffen sei.
Die, welche die Kunde noch vor Aufbruch hörten, kamen überhaupt nicht.
Das Entsetzen und der Schrecken fliegen noch, als bekannt wurde, daß der tot gefundene junge Mann ein Bruder von dem Sekretär und Günstling Lord Romsey's sei.
Somit packten die Musiker schweigend ihre Instruments wieder ein und zogen von bannen. Die Flaggen und Fahnen wehten zwar noch luftig zwischen den grünen Bäumen, doch die prächtigen Dekorationen, auf die so viel Zeit und Geld verwandt worden, waren alle nutzlos, alle Gemüter beherrschte nur ein Gedanke — die schreckliche, unter den Lindenbäumen verübte Tat.
ch Ihre Durchlaucht von Chisledon fuhr als eine der Ersten vor. Mrs. Isabel Wayne empfing sie und entschuldigte in phrasenreichem Wortschwall die Herrin von Kenninghall, sie liege krank in ihrem Zimmer, es sei ihr nicht möglich, auf- zu stehen.
„Ich Habs gehört," sagte die Herzogin, „eine schreckliche Geschichte. Es wundert mich nicht, daß Lady Wayne angegriffen ist, obgleich — unter uns gesagt — ich nicht geglaubt hätte, daß sie so sensitiv fei."
„Es ist äußerst fatal." sagte Isabel. „Natürlich findet bas unglückliche Opfer ja unsere allgemeinste Teilnahme, aber ich kann boch nicht umhin, immer auch daran zu denken, welcher Verdruß es für Lord Wayne sein muß, der so mit Leid und Seele sich für das Fest und sein Gelingen interessiert hatte."
„Aeußerst verdrießlich für ihn," stimmte bte Herzogin zu. „Habe ich vorhin recht verstanden, hütet Lady Wayne wirklich das Zimmer?"
„Ganz niebergeschmettert und unfähig, aufzustehen," war bie prompte Erwiderung.
„Ach je!" und die Herzogin rückte ihren Stuhl näher zu Isabel. „Finden Sie es nicht sonderbar, daß sie sich die Sache so tief zu Herzen nimmt ? Die unglückliche Person >var ihr jedoch jedenfalls vollständig fremd?"
ISortfefcung folgt.)


