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Dann kam's — ein hastiges Klopfen an der Tür, eins erregte Stimme, eine hastige Frage, ob Mylord dort fei.
Dann hörte sie die Stimme ihres Gemahls, die zu ihr sprach.
„Eve, mein Liebling/ sagte er, „erschrick nicht. Ich hielt es für besser, selbst zu dir zu kommen. Dienstboten übertreiben so schrecklich. Es ist ein Unglücksfall im Wäldchen draußen vorgekommen; es ist aber nichts, was dich zu ängstigen braucht."
„Was ist's?" fragte sie.
„Ich weiß es selbst noch nicht — vielleicht eine Schlägerei mit Wilddieben. Ich bin im Begriff hinuntcrzugehen und darnach zu sehen. ES wäre mir sehr unangenehm, wenn heute auch nur ein Wort davon bekannt würde; es würde das ganze Fest verderben."
Als sie die Augen wieder öffnete, war er fort, und Marian stand vor ihr und sah verwundert und erstaunt auf daS blasse, schnierzverzogene Gesicht ihrer Schwester.
„Eve, mein Liebling", rief sie höchst überrascht, „ich höre von Mortimer, daß du krank bist; mein Gott, du siehst ja halbtot aus! Was gibt es nur?"
Beim Klange dieser geliebten Stimme brach der letzte Nest der Fassung der Unglücklichen zusamnien. Sie brach in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus, das schrecklich anzuhören war. ■
„£}, Marian, Marian", rief sie dazwischen, „komm und hilf mir, tröste mich!"
Und Marian nahm sie zärtlich in die Arme und suchte die krampfhaft hervorbrechenden Tränen zu hemnien.
„Was gibt es denn nur eigentlich, mein Liebling? Was hast du nur?"
Doch als Lady Wayne zu dem freundlichen Gesteht aufblickte, konnte sie ihr nicht sagen, daß das Geheimnis, wofür sie ihr Leben zum Pfände gesetzt, daß es sicher sei, jetzt bekannt war. Sie konnte nur rufen und schluchzen: „Tröste mich, Marian, hilf mir, Marian".
Und Marian küßte sie, redete ihr beruhigend und beschwichtigend zu und streichelte die goldenen Haare.
Dann kam das Mädchen herein. „O, Mylady", rief sie, „haben Sie's schon gehört, die Neuigkeit, die schreckliche Neuigkeit?"
„Lady Wayne ist krank", sagte Miß West abweisend, „es ist jetzt nicht die Zeit, ihr derartige Neuigkeiten zu erzählen".
Doch Lady Wayne erhob den Kopf.
„Was ist's? — Sagen Sie mir's, ich möchte es wissen."
„Ein Mann ist ermordet worden, im Busch beim eisernen Törchen".
„Ermordet!" schrie Lady Wayne auf, und zum ersten male kehrte ihr die Erinnerung an die Schrcckensszene des verflossenen Abends mit voller Stärke zurück. „Haben Sie gesagt ermordet?"
„Jawohl, Mylady; dnrch's Herz totgeschossen, sagten sie".
„Hier, bei uns im Walde?" unterbrach Miß West.
„Am Ende der Lindenallee haben sie ihn gefunden; neben dem kleinen Törchen hat er gelegen", fuhr das Mädchen eifrig fort, „und Mylord sagt, er wäre schon wenigstens seit ein paar Stunden tot".
„Wie schrecklich I" sagte Miß West. „Jedenfalls war's ein Wildvicb, nicht? Sie werden wohl mit dem Forsthüter aneinander geraten sein".
„Nein, nein", wehrte das Mädchen eifrig ab, „es ist kein Wilddieb. Mylord glaubte das auch erst, und niemand sollte den Toten anrühren oder wegschaffen, bis die Polizei käme. Es ist aber jemand, den Mylord kennt".
Nunmehr sah Miß West wirklich überrascht auf.
„So? Wer ist cs denn?" fragte sie gespannt.
„Mylord nannte ihn Herr Jefferies", war die Antwort, „und sagte, er wäre der Brnder von Herrn Werner Jefferies, der hier vor einiger Zeit zu Besuch war".
Daniit eilte das Mädchen, das sich ihrer Neuigkeit entledigt, wieder aus dem Zimmer und ließ die beiden Schwestern, die einander schreckensbleich anstacrten, allein.
50. Kapitel.
Noch ein Fund.
Lord Wayne war, wie wir wissen, zum Frühstücks- zimnier gegangen, um die eingegangenen Briefe durchzusehen. Er hatte Marian zugeflüstert, daß Evelyn ganz und gar nicht wohl sei.
Isabel Wayne hatte mit ihren scharfen Augen auf- gesehen.
„Was ist das, Mortimer? — Evelyn ermüdet? Das tut mir sehr leid. Sie sollte strahlend aussehen, und auch in strahlender Stimmung sein, beute, am Feltiage".
Lord Wayne gefiel der Ton seiner Verwandten nicht.
„Lady Wayne ist immer strahlend", erwiderte er kühl und abweisend.
Isabel lächelte verächtlich.
Es war ihr eine Erleichterung, sich an die hübsche Mrs. Playfair zu ihrer Rechten zu wenden und in halb bedauerndem Tone von Lord Waynes unwandelbarer Eingenommenheit für seine Gemahlin zu reden.
„Ich versichere Sie", sagte sie, „er kann keinen Fehler an ihr finden. In seinen Augen ist sie die Volkommen- heit selbst."
„So muß es auch fein", erwiderte Mrs. Playfair. „Ich hoffe wenigstens, daß mein Mann das Gleiche von mir dcnkk"
„O ja, gewiß", gab Isabel zu, „aber diese außerordentlich Verliebten erschrecken mich etwas, Mrs. Playfair. Der Mensch soll sich kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anznbeten, wissen Sie. Ich wenigstens fürchte immer, es könnte mal etwas passieren, um diese Abgötterei zu bestrafen".
Inzwischen war ein Diener ins Zimmer getreten und hatte eine wenige leise Worte mit Lord Wayne gewechselt. Ein ober zwei der Gäste sahen den Hausherrn jäh ausblicken, als ihm der Diener feine Mitteilung zuflüsterte. Nach einigen Minuten verließ er ruhig und gleichmütig das Gemach.
Die Ruhe und der Gleichmut verschwanden aber auS seinen Zügen, als er eine kleine Gruppe Diener in der Halle zusammen stehen und plaudern sah.
„Was ists?" fragte er; „was ist gefunden?"
„Ein Mann, tot geschossen, Mylord; Wilson, der Förster, hat ihn vor einer halben Stunde am eisernen Törchen gefunden."
„Tot?" wiederholte Lord Wayne.
„Kalt und tot, feit Stunden schon, Mylord".
„Schicken Sie sofort nach KenningSthorpe zur Polizei. Und daß nichts geschieht oder angerührt wird, ehe die Polizei kommt", sagte Lord Wayne. „Ist vielleicht während der Nacht wieder gewildert worden?"
„Wilson weiß von nichts", war die Antwort.
Und dann war Lord Wayne, da er wußte, wie nervös und leicht erschreckt feilte Gemahlin war, selbst auf ihr Zimmer gegangen, um ihr die Sache mitzuteilen, bevor irgend jemand sie erschrecken konnte.
Er kleidete sich zum Ausgehen an, wollte aber nicht an Ort und Steile gehen, ehe die Polizei erschiene. Er hatte nicht lange zu warten.
Sergeant Elliot erschien alsbald mit zwei seiner tätigsten und tüchtigsten Leute. Sie gingen zusammen, nebst einigen Dienern vom Schlosse.
Wilson stand am Törchen, und dort, im langen Grase, sahen sie die Leiche liegen, noch unberührt.
Wilson begrüßte Lord Wayne sehr ehrerbietig.
„Ich kenne den Wert gerichtlicher Feststellung des Tatbestandes, Mylord", sagte er, „und wollte daher die Leiche nicht anrühren lassen, bis die Polizei käme".
„Sie haben sehr recht daran getan", erwiderte Lord Wayne, „man kann in solchen Fällen nicht vorsichtig genug fein".
Dann kniete Sergeant Elliot nieder, hob den Leichnam empor und drehte das Gesicht zum Lichte.
„Das ist kein Wilddieb", sagte er bestimmt. „Das ist ein Mord. Der Mann ist durchs Herz geschoffen".


