Ausgabe 
21.11.1906
 
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1906

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Im Wanne des Heßeimnisses.

Roman von H. v> Raesfcld.

Nachdruck .....' L--*

(Fortsetzung.)

49. Kapitel.

Die Leiche wird gefunden.

Lord Wayne schrie laut auf vor Schrecken und jäher Bestürzung, als er die weiße bewußtlose Gestalt seiner Ge­mahlin beim Eintritte am Boden liegen sah. Er eilte zu ihr, hob sie in seinen Armen auf.

Evelyn, mein Liebling, was gibts, was fehlt dir?"

Er hatte keine Zeit, weitere Hülfe herbeizuklingeln; die wohltätige Bewußtlosigkeit war zu schnell vorüber. Beim Klange der wohlbekannten, geliebten Stimme öffnete sie die Augen, und die wilde Angst in ihren Tiefen ängstigte ihn, wie ihn nie zuvor etivas geänstigt hätte.

Ums Himmelswillen, Eve, was hast du nur angesangen? Dies elende Fest l Du hast dich übermüdet, überanstrengtl Ich werde es mir nie vergeben, daß ich das zugelassen Habel"

Sie wandte ihr Gesicht ab. O, wenn sie nur sterben könnte, ehe der volle Schlag der Entdeckung käme!

Was soll ich dir holen?" fragte er ängstlich.Laß mich deine Zofe rufen".

Nein nein, laß mich allein bei dir, Mortimer. Allein wird mir besser werden, ichich war übermüdet und wurde ohnmächtig".

Er legte ihren Kops an seine Brust und liebkoste sie wie ein kleines Kind.

Meine schönste, liebste Eve mein teuerstes Weibt Weit lieber hätte ich überhaupt keine Festlichkeit wieder ge­geben, als daß du so müde und angegriffen darüber werden solltest. Wenn du morgen nicht besser bist, sollst du mir nicht aufstehen nein, nicht um alle Herzoginnen in der ganzen Grafschaft, meine liebste Eve".

Die zärtlichen Worte schienen das überreizte Gehirn ein­zulullen. Es gab Aligenblieke, wo sie sich nicht einmal er­innern konnte, was eigentlich vorgefallen. Sie wußte nur, daß es etwas Fürchterliches war.

Mortimer", sagte sie,liebst du mich wirklich so sehr?" Mehr als ich dir mit Worten sagen kann, Evelyn".

So sehr wie damals, vor Jahren, wo du mich zuerst geheiratest hattest?" flüsterte sie.

Mehr, mein Liebling mehr, zehntausend mal mehr. Damals warst du meine Braut, Evelyn, die süßeste, schönste Braut, die eS je gegeben aber jetzt bist du mein geliebtes, verehrtes Weib die Königin meines Herzens, die Herrin

meines Hauses und die geliebte Mutter meiner Kinder; dich Heben? wirklich, mein Liebling, ich könnte dich gar nicht mehr lieben, wenn ieh es auch wollte".

Sie sah ihn nur mit unaussprechlichem Weh in den Tiefen ihrer dunkelblauen Augen an.

Du sollst mir jetzt überhaupt kein Wort mehr sprechen", sagte er zärtlich-ernst,du mußt unbedingt rnhen, Liebling. Und erinnere dich, wenn du dich morgen früh nicht ganz gesund und kräftig fühlst, so will ich nichts davon hören, daß du aufstehst."

Sie konnte sich nicht helfen. Gern hätte sie ihm noch mehr gesagt. Sie scheute sich, darnach zu fragen, wenn nun Unglück und Schmach sich ihr nahten, ob er sie auch dann noch Heben würde? Doch sie hatte nicht mehr die Kraft, noch etwas zu sagen; ein lähmender Stumpfsinn schien ihr im Kopfe zu liegen, eine düstere, schreckliche Leere sieh um sie her zu verbreiten; sie legte ihren Kopf in die Kissen; doch fein Schlummer senkte sieh auf sie herab, weder Schlaf noeh Vergessen kamen. Ein Siebet lag über ihren Gedanken; sie schloß die Augen, und das einzige, dessen sie sich bewußt war, war ein Gebet aus Heftern Herzen, daß sie sterben möge.

So lag sie da bis zum langsam dämmernden Morgen, dann hörte sie den Gesang der ersten frühen Sänger draußen. Das barmherzige Dunkel und Schweigen der Stacht waren vorüber der Tag, mit all seinen Schrecken, lag vor ihr. Ein goldener Sonnenstrahl brach zum Fenster, herein. Das Fest fiel ihr ein da lag ja auch ihr prächtiges, eigens dafür gefertigtes Kostüm, und dort, im Schrank, lag das perlgraue seidene, mit den roten Flecken.

Wie würde es wohl zuerst bekannt iverden? Wer würde die stumme regungslose Gestalt zuerst finden? Wer zuerst Lärm schlagen, die Kunde verbreiten? Und ivemi sie nun Hereingelansen kamen und es ihr erzählten, mie sollte sie sieh nur beherrschen, um nicht merken zu lassen, daß sie mehr wisse, wie alle anderen?

Stunde ouf Stunde lag sie regungslos da und beob­achtete den Sonnenstrahl, wie er zitternd auf der Tapete weiterkroch, horchte auf den Gesang der Vögel, lauschte auf das erste Wort oder den Fußtritt, der die Entdeckung an- kündigeu sollte.

Es kam nicht. Lord Wayne war bereits erschienen oder hatte sich erkundigt, ob sie sich nicht besser fühle. Er war dann hinunter gegangen, um die eingelaufenen Briefe durch­zusehen, und ihr Mädchen hatte ihr eine Tasse Thee ge­bracht.

Sie sehen sebr angegriffen aus, Mylady", hatte das Mädchen gesagt.Wie unglücklich sich das trifft, daß heilte auch gerade das Fest sein mußt"