Ausgabe 
21.9.1906
 
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freier Station sind sie nicht zu haben. Glückspilze ernten kleine Vermögen. Der kaiserliche Oberwagen sichrer, . der tm Dienste Dinsmores einen Jahressold von 6000 Mark emstreichen fonnte, begnügt sich jetzt mit 2000 Mark. Für den schweren Posten gewiß nicht allzuviel. Denn Werner muß den Kaiser, so ost er seine Aiitomobile mit auf die Reise nimmt,,.überallhin be­gleiten und hat zudem die Oberaufsicht über die kaiserliche Garage. Der Kaiser verlangt, wo er sich auch aufhält, von fernem Wagen­führer die genaueste Kenntnis des Weges. Da diese aus Buchern nicht zu lerneii ist, muß Werner mehrere Tage vor der Abreise des Kaisers die vom Monarchen zu befahrenden strecken so ost durckfausen, bis er sie fest in seinen Gesichtskreis cingepragt hat uiid jeden Steg kennt. Das ist erst jüngst Bet der Anwesenheit des Hofes im Taunus der Fall gewesen, wo die Straßen dieses lieb­lichen Höhenzuges kreuz und quer und sogar des Nachts durchfahren wurden, und jetzt wird der Kaiser seine Autos vom ^.nanover wieder nach Rominten schicker,. Daß alle diese Autotouren des Kaisers blitzschnell und doch glatt und ohne größerePannen vor sich gehen, dafür bürgt die außerordentliche Gewandtheit und Gewissenhaftigkeit seines Oberwagenführers. v. L.

Fremdwort und deutsche Spruche.

Die Bestrebungen zur Reinerhaltnng der Sprache sind keine Errungenschaft der Neuzeit. Noch während des, dreißigjährigen Krieges, in dem wie über Deutschland selbst auch über die deutsche Sprache eine Fremdherrschaft gekommen war, wurden zu dem­selben Zweck Sprachgesellschaften gegründet. Die Teutschgesmnte Genossenschaft überschritt indes die rechte Grenze, indem sie alt­eingebürgerte Wörter, wie Nase mit Löschhorn, Fenster mit Tageleuchter, Flora mit Bluhminne, Papst mit Groberzvater übersetzte und damit der Lächerlichkeit verfiel. Der Polyhistor Joh. Fabricius, geboren 1668, klagt:Daß man teutfche Sprache für dergestalt arm und baufällig halte, daß man auch nicht ein kleines Brieflein fortschicke, es sei denn mit französischen und italienischen Pletzen geflickt und durchspickt." Die modernen Verdeutscher haben unleugbare Erfolge erzielt. Zwar machen sich manche die Sache noch zu leicht, wenn sie wegen einiger un­bequemer Worte auf eur, int oder og die Mehrzahl der deutschen zu Verwaltern, Meistern, Leitern oder Künstlern befördern und damit den Sprachschatz ärmer machen statt bereichern. Wich mangelt "es nicht an Nebertreibungen. Dagegen haben Neu­bildungen wie Fahrrad, Bahnsteig, Trinkspruch, Geschäftsstelle, Wartezeit, Straßenbahn, Aufgeld die früher üblichen fremden Bezeichnungen vollständig verdrängt. Diese Art der Sprachreinig­ung, die das fremde Wort durch ein einziges, den ©mit voll­ständig erschöpfendes und dabei wohltlingendes deutsches ersetzt, verdient Lob ' und Unterstützung, wenn sie auch nocy an dem Mangel leidet, nur zusammengesetzte Formen zu bieten.

Dr. Jng. Otto Sarrazins Verdeutschungswörter- u ch (Berlin, Ernst u. Sohn. 313 S. geb. 6 Mr.) geht noch weiter. S. will, wenn ein bestimmtes Ersatzwort fehlt, das fremde durch Umschreibung ersetzen. Und da die Fremdwörter sich durch Vielseitigkeit unangenehin auszeichnen, so bietet er eme große Mannigfaltigkeit der Verdeutschungen für em und dasselbe Wort. Man hat ihm das zum Vorwurf gemacht, aber zu Unrecht, ernt sein Zweck ist auf andere Weise gar nicht zu erreichen. Die Auswahl ist natürlich Sache der Einsicht des Suchenden, der volle Klarheit darüber besitzen mich, was er mit dem Fremd­wort zum Ausdruck bringen wollte. Daher ist das Buch den Ge­bildeten zu empfehlen. Das Fremdwort ist m etwas künstlich Anerzogenes, nur mit dem Verstand Erfaßtes, das unserer un­mittelbaren Anschauung fernliegt, nicht mrt, unserem Empfinden wachsen ist wie die Laute der Muttersprache, und deshalb er auch oft Bedeutung und und Geschlecht verändert, was der mit der Herkunft Vertraute, zu Unrecht so ärgerlich oder lächerlich empfindet Und viele Fremdwörter enthalten Sammelbegriffe, die im Deutschen oft genauer wiedergegeben werden können, tote: importieren durch einführen (Waren) und emschleppen (Krank­heiten), intervenieren durch vermitteln (Freunde) und emschretten (Polizei). Hier bedeutet das Fremdwort eine Verärmernng der Sprache. Der von S. konstruierte Satz:Die Idee, ivelche tn der Idee des Dichters lebt, entspricht nicht der Idee, die man mit der für ein Kunstlverk geeigneten dichterischen Idee verbindet , wird gewiß in der Praxis vermieden, aber das Wort Idee wird doch in diesen verschiedenen Bedeutungen alltäglich angewendet und wird in dem angeführten Satze klarer und bestimmter durch Bild, Seele, Vorstellung und Vorwurf wiedergegeben. Freilich stellt sich das Fremdwort gewöhnlich im richtigen Augenblick em und ist oft nur durch lange Umschreibung zu ersetzm. Wich gehört Lust und Zeit dazu, unter der großen Zahl von Verdeutschungen die richtige zu wählen führt doch S. für Charakter 60, für ^dee 47, Konstruktion 49, Praxis 67 Ersatzwörter an! Dennoch wird auch diese Arbeit nicht selten versagen, und da bleibe man dann ruhig beim Fremdwort. Eine irgendwie fehlerhafte Verdeutsch­ung, durch welche z. B. eine Nuance verloren ginge, hat kerne Daseinsberechtigung. Viele ftemden Ausdrücke gelten auch einem Begriff, der bei ihrer Uebernahme im Deutschen noch Nicht vorhanden war, und werden in der ganzen Kulturwelt angewen­

det, wie bei Erfindungen, oder dienen der internationalen Ver­kündigung, wie in der Gelehrtensprache der Merzte und Philo- ophen. Da auch S. Ausnahmsfälle zugibt, so mag man sich mit seinem Buche gut befteunden, obschon es im einzelnen noch manche falsche Ueberfetzungen aufweist: Wkohol Weingeist (im Bier?), Cholera Brechruhr, Dozent Lehrer, Tapezierer Polsterer, Adoptivkind angenommenes Kind (fehlt an Kindesstatt). Ein Kalligraph ist selbst iwch kein Schönschreiber, sondern nur Schön- threiblehrer, ein Chauffeur kein bloßer Heizer, ein Jubilar nicht immer ein Jubelgreis und ein Gefeierter nicht immer Jubilar. Wörter wie Familie und General kann man überhaupt nicht über- etzen, weil ihre Ersatzwörter nicht verstanden würden, sie sind eben eingebürgert. Letzteres gilt sogar für das Fremdwort Ku­vert, für welches die fehlerhafte Uebeifletzung Briefumschlag eine o große Verbreitung gefunden hat. Was wir als Kuvert zu be­zeichnen pflegen, heißt französisch enveloppe.

Amerikanerinnen und die deutsche Aristokratie.

Der millionenreiche Schlafwagenkönig Pull mann ver­weigerte einem Prinzen Isenburg die Hand seiner Tochter, als sich keine Möglichkeit land, ihr den Rang und Namen einer Prin­zessin Isenburg nach ihrer Vermählung zu sichern, sie sich vielmehr mit einer bescheideneren Würde hatte begnügen müssen. Wie es dann kam, daß ein anderer Isenburg, der Prinz Karl zu Isen- burg-Birstein die bildschöne Miß Bertha Lewis als Prinzessin heimführen konnte, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Hatzseldt sind nichthoher Adel", daher heißt Miß Clara Huntington ebenfalls Prinzessin, seitdem sie 1889 nut dem Prinzen Franz Hatzseldt eine Ehe schloß, der cs nicht immer au Stüinnen gekehlt haben soll. Derregierende" Graf Max zu Papp en he im sah sich gezwungen, seineRegierung" an seinen jüngeren Bruder abzutreten und auf das PrädikatErlaucht" zu verzichten, um Miß Mary W i st a r-W h e e l e r ehelichen zu können, deren Mitgift aus den Reichtümern herrührte, die ihr Vater mit seinen weltberühmten Nähmaschinen erworben hatte. Gräfin Mary Pappenheim ist dann später nach Ainerika zurück- qekehrt ohne ihren Gatten, wie es eine Tochter des Brauer- Millionärs Ehret tat, nachdem sie von ihrem deutschen Gatten, dem Freiherrn Karl von Zedlitz - Lei p e gM)iede>i worden war. Eine Baronin Zedlitz-Neukirch wurde Mlp Nelli Roose­velt eine NichteTheddys", .die das Unglück hatte, ihren Mann früh durch den Tod zu verlieren und meist in Baden- Baden lebt. Eine der gefeiertsten Erscheinungen der Berliner Hof- gesell chaft wie auch der internationalen Aristokratie, die sich des Winters an der Riviera zusammenfindet, ist die Gräfin Johannes von Fran cken-Siersto rpsf, die als Mädchen Miß Mary K n o w l t o ii hieß und deren Vater ein enormes Vermögen tu Strohhutsabrikation gewann, aber auch em seiner, verftandmsvoller Kunstkenner war. Die von ihm gesammelten Kilnstschatze sihmucken jetzt größtenteils das prächtige oberschlesische Schloß Zyroiva seines Schwiegersohnes. Der ehemalige Gouverneiir von Ostafrika, Gras Go eben lernte als Militärattache der deutschen Botschaft m Washington die verwitivete Mrs. Stanley Lay geb. Miß 9)1 a r y Loney kennen, und daß unser derzeitiger Botschafter bei den Vereinigten Staaten Speck von Stern bürg eine der schönsten Damen von San Francisco, Miß Mary Laug Ham, zur Ge­mahlin hak, sicherte ihm in einem Teile der Washingtoner^Gesell­schaft eine vorteilhafte Position. Tie Liste ist damit noch nicht erschöpft, es wären vielleicht noch die Witwe des Botschafters Paul Hatzseldt zu nennen, unter den jüngeren grauen me Ge­mahlin des Legationsrates v o n B r ü n i n g bei der Gesandtschaft in Bern, und die des Oberleutnants von Bredow vom Garde- Kürasster-Negiment iisw. Immerhin liegt es an dem festgefügten Bau rnlserer Traditionen und Gewohnheiten, daß man trotz all dieser einzelnen Heiraten nicht von einer Einwirkung der Ameri­kanerin aus Zuschnitt und Art miseres gesellschaftlichen Lebens spreche» kann.

Silbenrätsel.

(Nachdruck verboten.)

a, bei, e, ge, ki, Ii, 1, lo, ol, ma, nie, lin, po, ru, ter, ver, wil, z.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen fünf Wörter gebildet und derart unter einander gesetzt werden, daß die Anfangs­buchstaben von oben nach unten, und die ^Endbuchstaben von unten vach oben gelesen, den Namen eines Operetten-Komponisten ergeben. Es bezeichnen aber die einzelnen Wörter Folgendes:

1. Ein Längenmaß.

2. Weiblichen Vornamen.

3. Fremdländische Münze.

4. Englische Stadt.

5. Sternbild.

Auflösung iit nächster Nummer.

Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausfchüttem

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen