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fein, bewegte sich mit Leichtigkeit in ihrem neuen Kreise. Sie nahm ihren Platz an dieser fürstlichen Tafel ein, als ob sie zeitlebens daran präsidiert. So höflich, so anmutig, so aufmerksam war ihr Benehmen gegen die Gäste, als ob sie dieselben seit Jahren zu unterhalten gewohnt gewesen.
Es war ein sehr angenehmes Mahl — die liebenswürdige graziöse Dame des Hauses schien instinktiv zu verstehen, welche Konversations-Gegenstände jeder am liebsten hatte. Sie plauderte über „high life“ mit Mrs. Wayne, die Reize der Häuslichkeit mit Lady Beverley, über die blasierte Welt von heute mit Algernon, und erörterte Kirchenpolitik mit Dr. Sheldon.
(Fortsetzung folgt.)
Are neue ZZüyne.
Von Otto Julius Bi er bäum (München).*)
Man hört jetzt so viel nach einer „neuen Bühne" rufen. Schwerbeladen schwankt der Wagen der Theorien, kutschiert von Malern und seltsamen Dramatikern, die weniger dichten und trachten.
Ferne sei der Spott! Es sind Leute darunter, die den Respekt eines jeden verdienen, der Tüchtigkeit und reines künstlerisches Streben zu schätzen weiß. Nur scheint es mir, daß sie das Pferd am Schwänze aufzäumen wollen.
Am wunderlichsten kommen mir die Dramatiker vor, die sich damit beschäftigen, eine neue Bühne in den Wolken auszubauen, statt daß sie Werke schaffen, die auf der gegenwärtigen Bühne bestehen können, der man den Ruhm nicht streitig machen kann, daß sie eine bewundernswerte Mü- passungssähigkeit bewiesen hat. Eine Bühne, auf der die gesamte Dramatik aller Kulturvölker die Möglichkeit fiudet. Gestalt zu gewinnen: eine solche Bühne muß doch wohl ein Apparat sein, mit dem ein jeder etwäs anfangen kann, der sich innerhalb der Entwicklung der dramatischen Kunst zu bewegen versteht.
Wenn freilich ein Dichter, wie der von mir sehr hochgeschätzte Max Tauthendey, sür ein Drama verlangt, „die Bühne stellt das Gehirn des Menschen dar", so beweist er, daß die Bühne allen modernen Forderungen nicht gewachsen ist. Sie ist in der Tat nur allen wirklich dramatischen Forderungen gewachsen. Sie stellt immer nur das Gehirn eines für die dramatische Dichtkunst begabten Menschen dar. Tarin ist sie eigensinnig. Mit anderen Worten: Sie hat, bei all ihrer unglaublichen Vielseitigkeit, Charakter. Sie läßt sich ungeheuer viel gefallen, und es gibt keinen Stil, ja auch keine Mode, keine Modelaune, der sie sich nicht fügte, — sie läßt sich sogar mißbrauchen, — nur vergewaltigen läßt sie sich nicht. Ter niederträchtigste dramatische Spekulant findet sie feil, und der erlauchteste Epiker unb Lyriker wird von ihr zurückgestoßen. Daher denn auch viel edler Zorn sich wider sie gewendet hat. Man hat sie das gemeinste aller Instrumente genannt, und der Vergleich mit dem Klavier liegt nahe. Auch die Klaviatur der Bühne ist frech zugreifender Mittelmäßigkeit leichter zugänglich, als etwa die lyrische Geige, die suchendes und findendes Gefühl erfordert. Mer sic aber zu meistern versteht, kann es vergessen machen, daß es ein eingespanntes Tastenwerk ist, aus dem er musiziert. Ter Klimperkasten des Rührstückes wird zur Orgel, wird zum Orchester.
Ja, aber, sagen nun die Reformatoren, wie anders noch würde es klingen, wenn dem Dramatiker wirklich eine Orgel, wirklich ein Orchester zur Verfügung stünde!
Ich weiß nicht recht. . . Ich glaube, es ist ganz gut so, daß das Instrument seine Mucken hat. Ich habe die Empfindung, daß die gewissen ästhetischen Unzulänglichkeiten der Bühne ganz heilsam sind. Je mehr der Dramatiker (und dann , auch der Schauspieler) gezwungen ist, seine Kunst zu steigern, und die Schwächen seines Jüstrumentes zu decken, um so besser wird es für die Kunst sein. Ter Umstand, daß unsere „Zeit der Erfindungen" auch auf dem Gebiete der Künste technische Hilfsmittel hervorgebracht hat, die die Kunstübung erleichtern, hat fast durchweg dazu beigetragen, daß die Künste an innerer Intensität verloren haben. Ter dramatischen Dichtkunst würde es ebenso ergehen, und auch in ihrem Bereiche würde obendrein ein
*) Aus dem reichhaltigen Augustheft der „Neuen Rundschau" (S. Fischer, Verlag in Berlin).
UeberhanönehmM -es DileMMs'müZ' <M be-enksicheMvtzW erscheinung nicht ausbleiben.
Mehr als jede andere Kunst ist die des Dramatiker i auf Kampf gestellt. Darstellung von Kämpfen ist ihr In halt, und erst in einem Kampfe wird sie lebendig, — ist Kampfe mit denk Publikum. Und Angriff ist die Lvsunj des Dramatikers, nicht Verteidigung hinter den Festungs Wällen einer Bühne- die die Blößen des Dichters sorgsam verdeckt. Tarin liegt der Reiz, den diese Dichtungsart aus alle Künstler des gestaltenden Wortes ausübt, die eine direkte Berührung mit dem Leben suchen, weil sie selbst einen Ueberfluß an Lebenskraft in sich spüren. Erzählen (Epik) und Gefühle ausströmen oder Zustände ausmalen (Lyrik) ist etwas ganz anderes. Nichts geringeres, — gewiß; sogar etwas feineres. Dramatik ist eigentlich applied art. Sie allein auch dient ja im Umkreise der Kunst des Wortes einem Bedürfnis der Masse. Aus alledem geht als Notwendigkeit hervor: gröbere Struktur und Bedachtnahme auf ein bestimmtes Material sowohl wie — auf das Publikum. Ein Dramatiker, der ins Blaue hinein dichtet, ohne an die Wirkung aufs Publikum zu denken, ist wie ein Architekt, der vor lauter Liuiew-Jnbrunst vergäße, daß Menschen in seinem Hause nicht bloß schöne, sondern auch angenehm wohnen wollen. Es gibt aber gerade unter uns Deutschen nicht wenige Fassadenarchitekten des Dramas.
Diese sind es wohl auch zumeist, die den Ruf nach der „neuen Bühne" erheben. Wenn der liebe Gott und eine Aktiengesellschaft sie ihnen beschert haben wird, dürfte es an Stücken keineswegs, wohl aber an Publikum fehlen. Es wird ihnen dann nichts anderes übrig bleiben, als den Ruf nach einem „neuen Publikum" zu erheben. Dies aber wird ihnen weder der liebe Gott noch eine Aktiengesellschaft herbeischaffen. Tenn der liebe Gott wäre ja blamiert, wenn er selbst zugestünde, daß dieses sein Produkt reformbedürftig sei, und für eine Aktiengesellschaft ist eine derartige Gründung doch zu kostspielig.
Der Kaiser und sein Chauffeur.
Eine Sport Plauderei.
Eigentlich ist er gar nicht „Chauffeur", der Mann, dem sich der deutsche Kaiser auf seinen mitunter viele Meilen weit ausgedehnten Automobiltonren anvertraut. Denn der brave Mann am Stcucrrade hat den guten deutschen Titel „Oberwagenführer" vom Kaiser erhalten, als er vor Jahresfrist in kaiserliche Dienste trat. So hat der Kaiser auch im Mutonwbilismus, in dessen Sprache so viele Brocken dem Französischen entnommen sind, eine Lanze für die deutsche Sprache gebrochen, und noch dazu ein falsches Wort ausgemerzt. Unter einem „Chauffeur" versteht nämlich jedermann in Frankreich den Herrn, der am Lenkrade sitzt und das Auto steuert, jede audcre bezahlte Hilfskraft im Wageu heißt „mecanicien". Und ein Mechaniker, ja sogar ein ganz simpler Schlosserlehrling ist von Haus aus auch der kaiserliche Auto- steuermanu, der Oberwagenführer Werner gewesen, der heute in bordüren- und schnürenbesetztem Dreß einherfährt und ein ver- cmtwortungsrciches Amt auf sich genommen hat, das unerschütterliche Ruhe und kühle Geistesgegenwart, eine sichere Hand nnd umfassende technische Kennwisse fordert. Der Kaiser will in seinem 60 Pferdekräfte fassenden Wagen schnell fahren, mitunter gar sehr schnell — an die 80 Kilometer und mehr in der Stunde. Und hierzu hat sich der Monarch keinen besseren Auto- lenkcr aussnchen können, als den behäbigen Schdben Werner, denn dieser Mann gehörte bis vor kurzem noch zu den besten deutschen Professionsrennfahrern im Mutonwbil. In den Daimlerwerken in Cannstatt begann er seine Laufbahn, wurde Monteur, dann Werkführer und startete in zahlreichen Rennen int Auslände, so in Nizza und mehrfach int Semmeringrennen. Auch die nun der Historie verfallenen Gordon-Bennetrennen, 1904 vor den Stugen des Kaisers, und 1905 in Frankreich, sahen Werner am Volant, wenn auch nicht als erfolgreichen Vertreter der deutschen Mercedeswageu, so doch als außerordentlich tapferen und schneidigen Fahrer. Daun bot sich dem bescheidenen Mann eine lockende Tätigkeit in Diensten des ewig um die Welt reisenden, immensreichen Amerikaners Gray Dinsmore, der seine Automobile wechselte wie andere Menschenkinder die Handschuhe, und auf seiner Maschine sich heute nach Wien und morgen nach London und Paris kutschieren ließ. Noch vor dem unlängst erfolgten Tode Dinsmores, mit dem Werner die vorjährige Herkomcrtour fuhr, wanderte der Mercedes des Amerikaners samt seinem Lenker Werner in den Auwstall des Kaisers. Gewiß Hätte der heutige kaiserliche Oberwagenführer splendider honorierte Stellen int Dienste privater Automobilisten, unter denen die Millionäre ja die Regel bilden, erhalten tonnen. Wer er ging in den kaiserlichen Dienst aus stolzem Ehrgeiz und ließ den schnöden Mammon sahrcn. Lenker erstklassigen Kalibers sind seltene Vögel und darum teuer bezahlt. Unter 300 Mark im Monat und


