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Antlitz des Weibes, zu lesen. —
Lady Wayne blickte mit wohlgefälligem Lächeln umher. Ihr schönes Gesicht schien die Halle mit Licht und Sonnenschein zu erfüllen; ihre dunkelblauen Augen, so heiter und ruhig, strahlten vor Vergnügen; den lieblichen Mund init seinen | stolzen süßen Lippen umspielte ein gnädiges Lächeln, sie | dankte leicht nach allen Seiten für die so achtungsvoll dargebrachte Begrüßung und durchschritt die Eingangshalle, ge- I folgt voir ihrem Gemahl, der sie mit bewundernden Blicken betrachtete, lind einem leisen Gemurmel warmer Bewunderiing I seitens der Dienerschaft. |
„Manche Schönheit haben mir hier gesehen," sprach em alter, silberhaariger Diener, „aber sie ist die Königin von I allen." — .
„Wir haben hier einige gute Freunde, die uns begrüßen . wollen," sagte Lord Wayne zu seiner Gattin, (tu; ihren fragenden Blick, als Stimmen aus dem Gesellschaftszimmer an ihr Ohr schlugen —; „Algernon Wayne und Frau. Ich erzählte dir ja schon von ihnen. Ich hoffe, Du wirst Mrs. Wayne leiden mögen." . .
Der betreßte Lakai riß die Tür zum Gesellschaftszimmer alif, und die kleine Gesellschaft drinnen starrte. int nächsten Augenblicken mit entzückten Blicken auf die lieblichste und schönste Lady, die je auf Kenninghall geherrscht.
Lord Wayne stellte mit kurzen gewählten Worten seine Gattin, Mrs'. Wayne und Lady Beverley vor, dann Algernon und Mr. Sheldon. Jsabel's Grtiß war steif und kühl. In der schönen Fremden sah sie nur die künftige Mutter, deren Söhne Kenninghall erben und ihrem Gatten das Nachsehen lassen würden.
Lady Beverley küßte das liebliche Gesichtchen.
„Teure Lady," sagte sie, „wären alle Bräute so wie Sie, so würde ich nicht müde werden, sie zu sehen."
„Wir sind spät gekommen," bemerkte Lord Wayne; „da schellt es zum ersten Mal zum Diner. Du tvirst nicht viel Zeit zum Umkleiden haben, Evelyn."
„So werde ich die kurze Zeit, die mir bleibt, gut benutzen müssen", gab sie heiter zurück.
Isabel wandte sich mit kaltem Lächeln zu ihr. „Ihr Name ist Evelyn?" fragte sie.
hereintrat. .
„Ich werde bald sehen, an welchen Stil sie gewohnt ist", dachte die scharfsinnige Dame.
Doch als die Herrin von Kenninghall eintrat, konnte selbst ihr scharfes Auge keinen Makel entdecken. Kein übermäßiges Prachtentfalten, kein Versuch, imponieren zu wollen. Ihre Toilette war, wie sie selbst, einzig — unvergleichlich. Sie mar in weiße Seide gekleidet, Nacken rind schultern schimmerten matt wie Marmor durch das duftige Spitzen- Geriesel. Perlen flimmerten in dein prachtvollen goldbraunen Haar, und ein Perlen-Bracelet an dem sanft gerundeten Arm. Nichts störte den harmonischen Gesamt-Eindruck, den diese ausgesucht einfache und geschmackvolle Toilette hervor- rief; man war versucht zu glauben, sie sei eigens für das reizende Wesen, das sie trug, geschaffen worden.
Isabel Wayne mußte sich bei ihrem Anblick gestehen, daß sie nie auch nur ein halb so schönes Gesicht gesehen * Worte konnten es nicht beschreiben — man suchte vergebens nach passenden Ausdrücken für diese zarte und wunderbare i Schönheit.
Ein ähnliches Gesicht findet sich auf einem der berühmtesten Gemälde Giorgiones in einer Gemälde-Galerie in Rom. Ein stolzes königliches Antlitz; die Stirn etwas niedrig, darüber das goldigbraune Haar ivie eine Krone, gerade, fein- gezeichnete Brauen, wie von Künstlerhand gezogen, dunkelblaue Augen, für jeden, nur den Geliebten nicht, von rätselhaftem, unergründlichem Ausdruck, stolz und doch lieblich; | voll Feuer und Leidenschaft, aber selten darin sprühend; I Augen, deren Blick stets auf eine andere ungesehene Welt gerichtet zu sein scheint; lange dunkle seidene Wimpern, die das Feuer verschleiern und die Zärtlichkeit verbergen; voll- I kommene Züge; ein lieblicher Mund; hochmütig geschwungene I und doch wieder süße Lippen, die befehlen und versprechen, I anklagen und verteidigen, kosen und drohen können, kleine Gräbchen tauchen hin und wieder an beiden Seiten auf, ein I tadellos geformtes Kinn; das ganze Gesicht von duftiger I matter Elfenbeinfarbe, mit schwachem rosigem Anhauch, der ! zuweilen sich vertiefte, zuweilen blasser wurde.
Isabel Wayne konnte keinen Fehler an Lady Evelyn I Wayne finden; ihre Stimme war sanft und süß; ihr Lachen | silbern, bezaubernd in seiner Frische. Ebensowenig konnte ste | an ihrem Benehmen irgend etwas auszusetzen stnden. Evelyn | sah sehr jung aus, besaß aber vollkGUmenes Selbstbewußt-
Hcrrensttz empor, und wandte sich dann lächelnd zu dem an I ihrer Ueberraschung sich weidenden Gatten.
„Ich halle keine Ahnung, daß Kenninghall so groß oder ; so schön sei," sagte sie.
„Ich kenne keinen Ort in England, der es übertrifft," versetzte er mit stolzer Freude.
Sie schritten die breiten Marmorstufen zusammen empor. Die große Eingangstür der Halle war weit geöffnet, und sie sah, ivie die Dienerschaft in Livree in langer Reihe zu beiden Seiten sich aufgestellt. ,LL „ , ,
„Viele Bräute haben diese Schivelle überschritten, sagte Lord Wayne, „doch keine, die schöner, geliebter, oder willkommener gewesen als du, mein Weib!"
Sie dankte ihm mit einem Lächeln und beredten Blick. Erhob sich nichts von dieser Schwelle, sie zu begrüßen? Kein Geist toter Liebe? Keine Erinnerung an ein dunkles, leidenschaftliches Antlitz, das einst Licht und Sonnenschein für sie gewesen? Keine Erinnerung nn eine leise, tiefe Stimme, deren Flüsterworte ihr Herz mit Musik und ihre Seele mit Liebe erfüllt? Kein Fiebertraum der Angst und Qual? Stieg nichts von alle dem von der Schwelle empor, um Evelyn, Lady Wayne zu grüßen, als sie ihren Einzug in ihr neues Leben und ihr neues Heim hielt?
Wer weiß? Man mag in den Sternen lesen, das Gemurmel der Bächlein verstehen — aber wer kann das größte aller Geheimnisse, eines Weibes Antlitz, lesen und enträtseln? Lippen und Augen, wie oft lächeln sie nicht, indes; der warme Lebensstrom dem gebrochenen Herzen entrinnt. Wie oft waren nicht die Stirn unbewegt und glatt, die Züge ruhig, und kein Zucken der Wimpern verriet, daß die Seele fast vor Qual verging. Die Menschen sind weise und geschickt, klug, scharfsinnig und stark — und doch wenige unter ihnen verstehen es, in dem halb menschlichen, halb göttlichen Buche, dem
„Ja", versetzte Lady Wayne lächelnd, „hoffentlich gefällt er ihnen." ,
„Wir haben den Namen früher nie m unserer Familie gehabt", erwiderte sie. „Ich bin nicht sicher, ob er mir gefällt oder nicht".
„Ich hoffe, et wird in kurzem angenehme Erinnerungen für sie haben", sagte Lady Wayne mit unwiderstehlich gewinnender Anmut.
Isabels kalte Züge wärmten sich etwas. „Ich bezwerste es nicht", erioiberte sie höflich; soll ich sie zu ihren Ge- mächern führen, Lady Wayne? Ihre Zofe wird aller Wahrscheinlichkeit nach dort sein." —
Die beiden Damen verließen zusauimen das Geselsichasis- zimmer; die Herren blieben zurück und wechselten noch einige Worte zum Lobe der Brailt.
„Du hast einige Jahre gewartet, Mortimer", sagte Algernon Wayne, „aber wir müssen sämtlich zugeben, nicht vergeblich." „
„Danke, Aldy. Auch ihnen besten Dank, Dr. Sheldon, für ihre freundlichen Wünsche; natürlich, wir können ja nicht in die Zukunft blicken, aber ich glaube mit Recht sagen zu können, daß ich der glücklichste Mann in der Welt bin uiid das glücklichste Leben vor mir habe."
3. Kapitel.
Mylady Wayne.
Mrs. Wayne, deren scharfe, kritische Augen so schnell und zutreffend urteilen konnten, blickte mit nicht geringer | Erwartung auf, als die Tür ziiin Gesellschaftsziinmer sich abermals öffnete und Lady Wayne, zuin Diner gekleidet,


