Ausgabe 
21.9.1906
 
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Kreitag den 21. September

Ur. 13K

1806

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S801

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Im Manne des Hchemmlsses.

Roman von H. v. Raesfeld.

Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)

2. Kapitel.

Die flüsternden Linden.

Was stüsterten und wisperten sie, die alten Baume? Seit vielen Generationen waren sie Kenninghall's Stolz und Ruhm. Niemand kannte ihr Alter; wie Riesenwachter standen sie da, die ein verzaubertes Schloß bewachen.

Verweile etwas unter dem weitreichenden Schatten alter Bäume, Wanderer, an einem Sommertage, wo die sanfte Brise weht, und Tu wirst eine Musik hören, die Dir das Herz höher schlagen läßt. Zuweilen sind die hohen Wipfel alle zusammen geneigt unb es flüstert darin mit traurigem zauberischen Gesäusel, als ob sie eine schreckliche Kunde bringen wollten von heimlicher Mordtat im Walde, und als ob sie neugierig seien, wann die Menschen es entdecken würden. Sie scheinen Geheimnisse zu künden, Geheim­nisse, menschlichen Ohren nicht verstäirdlich Geheimnisse, ihnen vom Winde onf raschen, Flügel zugetragen, und nur von den stillen, träumerischen wachsamen Bäumen gehütet und gekündet. Eins war den blühenden Linden Kenninghall's eigen; sie hatten einander von Liebe und Hoffnung, Kummer und Tod, von Trennung, Freude und Verzweiflung geflüstert, aber nie hatten die grünen Blätter die Worte Schmach und Schande gemurmelt. Sie hatten goldlockige Krieger beob­achtet, wie sie hinaus zogen in den sicheren Tod, der in der Schlacht draußen auf sie wartete; sie hatten schöne Jung­frauen ihr Hein, verlassen sehen, um in der Ferne das Los des Soldaten oder Seeinanns zu teilen; tief hatten sie ihre langen Zweige gesenkt, als der Leichnam eines jungen Mäd­chens in langem Trauerzuge aus ihrer Mitte hinwcggetragen wurde; doch nie hatten sie einander von Unehre zu flüstern brauchen.

Unehre und Kenuinghall was hatten diese beiden mit einander gemein? Wer nannte sie überhaupt zu­sammen?

Sie waren der Beobachtung wert, diese alten Linden, an diesem Abende, da Mylady heimkam. Sie bildeten eine lange und schattige Allee am Ende des Rasens. Man konnte sie von den westlich gelegenen Fenstern aus sehen; und wenn Wind sich erhob, war ihr Rauschen über das ganze Haus hin hörbar. Wußten sie an diesem ereignisvollen Abende, daß Mylady heimkehrte?

Die untergehende Sonne hüllte Kenninghall in purpur­

goldenes Licht; diese Rosen und Lilien schienen wach gebsieben zu sein, um Milady noch zu sehen, der weißeIasrnm duftete tärker und blinkte mit seinen Hellen Sternblüten au3 dem grünen Gebüsch; die Vögel sangen, die Brunnen spielte»: man hätte glauben können, die Erde sehe schöner cmS z» Ehren der Ankunft Myladys auf ihrem neuen Heim.

Die kleine Gruppe im Garten wurde ungeduldig und gespanift^ visier Zeit so viele Eisenbahniinfälle üoix

gekommen/' sagte Lady Beverley,daß ich ordentlich newöS bin, wenn Freunde von mir sich auf der Reise befinden.

Ich glaube, ich hätte nieinals Furcht, daß ein Wayne bei einem Eisenbahnunglück umkäme," sagte Isabel.AlleS in allem genommen, scheint es mir eine sehr plebejische Todes­art zu sein." , .,

Allseitiger Widerspruch; und Mr. Sheldon begann die lange Liste sehr berühmter und aristokratischer Opfer von Eisenbahnunfällen aufzuzählen.

Und ich bleibe dabei, cs ist ganz und gar kein Tod für einen Wayne," beharrte Isabel.Wenn mir der Ausdruck aesiattet ist, so möchte ich sagen, sie sterben immer m Gala. Sie Horch! da ist der Wagen; Sie sehen, daß ich Recht habe."

Es wareii Mylord und Milady. Sie konnten den Wagen durch die Bäume bereits sehen und hörten das ferne Glocken­geläut von Kenningsthorpe.

Gott sei Dank, da sind sie, heil und wohlbehalten, sagte Algernon Wayne.Ich bin gespannt, wie die Braut GU§fioI)t !/z

Wir können uns auf etwas Außerordentliches gefaßt machen," warf Lady Beverley hin.Mr. Dauntsey sagte mir, er habe die Neuvermählten auf dem Kontinent getroffen, und Lady Wayne sei, ohne Ausnahme, die lieblichste lind liebenswürdigste Frau, die er je gesehen." . ,

Sie hörten den Wagen halten und eilten einmütig m s Haus, dort die Braut zu bewillkommnen.

Jetzt schnell noch einen Blick auf die Linden; sie stehen ganz still, kein Blatt bewegt sich, kein Laut in den Zweigen ift zu vernehmen, Stumm regungslos, und doch, jedes Blatt scheint ein Auge zu sein und sich auf das Schloß zu richten. Die scheidende Sonne hat sie mit _ fahlrotem Licht überaossen sie sind nicht mehr grün; die Riesenstämme, die mächtigen Zweige, die Tausende von Blättern, alles ist ein einziges fahles Rot. So rot und so stumm stehen sie da, indes die Glocken läuten und der ganze Haushalt sieh ver- sammelt, um Mylady zu empfangen, zu begrüßen und zu bewillkommnen.

Stumm und staunend blickte sie an dem prächtigen alten