Ausgabe 
21.5.1906
 
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gesteckt worden und kam in seiner Uniform. Er wollte die kleine Cousine Marie küssen, aber sie legte die Hand auf den Mund und wich scheu zurück.Geh fort, Soldat", sagte sie würdevoll, ich küsse keine Soldaten!" Der Knabe wiederum war höchst ent­zückt, daß er für einen richtigen Soldaten gehalten wurde. . ."

* Wann wird man alte Jungfer? Diese schicksalsl- schwcre Frage wird gegenwärtig in der Chicagoer Gesellschaft be­handelt. Die erbitterte Diskussion darüber ist hervorgerufen worden durch eine Tat des Geistlichen Pater Code, der der Vor­steher einer OrdenIgesellschaft von jungen Mädchen ist. Code hat den offiziellen Befehl gegeben, daß alle Mitglieder dieser katholischen Schwesterschaft, deren Haupttätigkeit auf ihrer Wohl- tätigkeitspflcge beruht, wenn sie das Alter von vierzig Jahren erreicht haben, aus dem Orden ausscheiden müssen, und in die Liste der Ehrenmitglieder ausgenommen werden. Ehrenmitglieder der Gesellschaft sind alle die, tvelche nicht persönlich tätig sind, sondern in Anbetracht ihres Alters nur noch ein mehr passives freundliches Interesse dem Institut entgcgenbringcn. Der un­galante Pater hat nun erklärt, daß eine unverheiratete Frau mit vierzig Jahren alt genannt werden müsse, und damit einen Sturm der Entrüstung in der Frauenwelt Chicagos hervorgerufen. Vierzig Jahre sei die änßerste Altersgrenze, die man für die Mitgliedschaft bei einer Gesellschaft junger Mädchen ansetzen könne, meint Gode; die Frauen aber verlangen, daß die Alters­grenze wenigstens auf fünfzig Jahre augesetzt werde, denn erst mit fünfzig Jahren werde ein Mädchen alte Jungfer!

* Das Pfeifen des Trinkens erklärt die Sprachecke des Allg. Deutschen Sprachvereins folgendermaßen: Wer die Straßen Hannovers durchwandert, erblickt nicht selten am Ileußern von Schnnkwirtsckaftenlüttje Lagen" augepriesen. Na­türlich sind sie ein Getränk, Heute nämlich in früherer Zeit war das anders. Zunächst war die altdeutsche Lagella überhaupt kein Getränk, sondern ein Faß, das nebenbei weit edleren Stoff enthielt, als die lüttje Lage unserer Zeit. In des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig Drama vom Branrarbas Vin- centius Ladislaus wird ein Lagel voll Malvasier geleert, und auch in Fischarts Eulenspiegel wird Wein aus Lägeln gezapft. Wenn freilich in Fischarts Gargantua von den Höflingen auch schon der lvinlageln" gepfiffen wird und zwar hatten diese gutten adem, das sie wol weidelich pfiffen", so geht daraus hervor, daß bereits zu seiner Zeit jm 16. Jahrhundert das Wort auch in der Bedentung Flasche erscheint, und zwar einer enghMiaen und dickbauchigen, wie sie der der Lagella zu­grunde liegenden römischen Lagoena entspricht. Bon hier aus bis zum Glase konnte nur ein kleiner Schritt sein. Von Stufe zu Stufe: Aus dem Lagel ist eine Lage geworden, aus dein Trinkgefäß die Bezeichnung des Getränkes, das in ihm verabreicht wird, und aus dem Weine ein Gemisch von Bier und Brannt­wein. Nur dasPfeifen" ist dasselbe geblieben. Volkstümlich wird auch heute nocheiner gepfiffen", und in Oesterreich heißt ein kleines Maß Weinein Pfiff". Heute wird das Wortpfeifen" lediglich voin Brauntweintrinker gebraucht. Wie es zu der Be­deutung trinken überhaupt gekommen ist? Doch wohl infolge des alten Brauches, nach welchem man, wie es bisweilen auch heute noch geschieht, am Rande der Flasche denn an ein Trinken aus dieser ist zunächst immer zu denken mit dem Munde einen pfeifenden Ton hervorbrachte, ehe man aus ihr trank. Das Pfeifen selbst aber hatte vielleicht von Haus aus einen sehr praktischen Zweck: bei undurchsichtiger Flasche konnte man aus dem Tone, den sie von sich gab, auf die Höhe oder Tiefe ihres Inhaltes schließen. Da der, welcher pfiff, auch trank, ist der Begriff pfeifen sehr natürlich in den des Trinkens über­gegangen. ___________

Literarisches.

Meister der Farbe, Europäische Kunst der Gegen- wartz Heft 2 und 3. (Jährlich 12 Hefte 24 Mk. Verlag von E.

Seemann, Leipzig.)-Da die Kunst eine Offenbarerin des geschichtlichen und sozialen Lebens der Völker ist, eine fein­sinnige Erzählerin von der Eigenart der Rasse, so trägt sie anch deutlich die Spuren anthropotogischer Merkmale zur Schau. Ein flüchtiger Blick über die großen Kunstgeschichten der Vergangenheit beweist das schlagend. Wie die Kunst des Italieners im Cinque­cento ein hohes Gedicht auf Farbeufreudigkeit war, so war die Hollands des darauffolgenden Jahrhunderts ein Schwelgen in den Stimmungen der Landschaft und des Lichts. Zwischen beiden steht die deutsche Kunst, als deren größten Repräsentanten wir mit Vorliebe Dürer bezeichnen. Herb nnb stark, eckig und groß, philosophisch und wahr, das sind die Kennzeichen einer im engsten Sinne germanischen Kunst. Auch unter den Modernen finden sich solche Merkmale, die ans Abkunft und Staatsangehörig­keit Hinweisen wie man sich durch einen Blick in Heft 2 und 3 Meister der Farbe" überzeugen kann, Merkmale die über alle Lchulzusammenhänge hinaus anthropologische Ausschlüsse geben. Sieht man z. B. das Bild von Josef Leampoels, das Eigentum des Leipziger Museums ist, so fühlt man auf den eriten - Blick einen inneren Zusammenhang mit der belgischen Kunst des beginnenden 18. Jahrhunderts, oder diese köstliche

Heine, in der Technik minutiöse Szene des in Rom lebenden Spaniers G a l e g o s , so wird man der Traditionen inne, welche durch Fortuny der modernen spanischen Malerei überliefert worden sind. In dem derb realistischen, aber malerisch sehr fein abgestimmten Gruppenbildnis der Zigeuner des in Budapest lebenden Karl von Ferenczy erkennt man auf den ersten Blick den Ungarn. Man könnte an jedem der 12 Bilder der Hefte 2 und 3 des UnternehmensMeister der Farbe" die Probe auf das Exempel machen. Nur bei dem einen oder andern würde man einen Augenblick stutzig sein, weil feine Kunst allen Rassenaccent vollständig verloren hat. Ein Bild von der bizarren und doch grandiosen Wucht derVerspottung Christi" des Neapoli­taners Morelli verrät unbedingt das Temperament des Südländers, ebenso wie die Tiroler Bauerngruppe Hai­ders etwas vom kalten Phlegma des Deutschen an sich trägt. Neben den genannten Bildern seien noch als besonders köstlich Kampfs luministisch wundervoll behandelte GruppeIn der Loge",beS verstorbenen M ü n ch eners Braith TierstückAn der Tränke", des Holländers Jongkind durchaus impressionistisch gefühlteMondnacht" und des Brüsselers G i l s o n l stimm- ungsweichesParkstück", endlich PausingersSalome" und der einzigartigeMondaufgang" von Harpignies erwähnt, den man ^als den letzten großen Landschafter aus der alten fran­zösischen Schule bezeichnen kann. Außer der Fülle malerischen Genusses, haben die beiden Hefte durch ihre literarischen Bei­lagen, die auf einen zugleich ansprechenden wie belehrenden $on geftümnt sind, eine besondere Anziehung. Mit Recht haben Künstler diese Zeitschrift als die eigenartigste und künstlerischste Schöpfung der Gegenwart bezeichnet.

Fr. M e tt e rh ausen: Die D o g m e ii s ch i e b e r. Ein Fastnachtsschwank. 55 Seiten. Mit Einbandszeichnung von Ernst Liebermann-T>ll'inchen. Jin Gutenberg » Verlag Dr. Eriist Schultze, Hamburg-Großborstel. Preis geh. 1 Mk. Gegen den Aberglauben ist von jeher die schärfste Waffe der Spott gewesen. Aber wenn sie ivirksam sein soll, muß der Spott nicht nur beißend, er muß auch interessant sein. Und das ist der FastnachtsschivankDie Dogmenschieber" von Dr. Fr. Metterhausen, einem geb. Meckleu- bu'rger, der, wenn mir nicht irren, Handelskammersyndikus in Kassel ist. In ivechselndem Versmaß, aber am wirksamsten und freiesten im Vermaß der Kapuzinerpredigt verspottet er den Aberglauben. Namentlich die Figuren des Plastersritz und der Gesundbeterin sind köstlich. Die Gesundbeterin schildert ihren Lebenslaus mit den Worten:

Ich bin eine Aristokratin, Gebürtig aus Purnplin. Um eine Jugendverrirling Mußt ich vo>> Hanfe fliehn.

Ich kuriere jedes Gebrechen, Tas Siechen Kummer schafft, In brunstiglichem Flehen Durch des Gebetes Krall.

Ich geriet in schwierige Lage Und ivär im Elend verkommen, Wenn edle Kavalliere Nicht meiner sich angenommen.

Solange die Jugend blühte, Erhielt ich mich standesgemäß. Doch später blieben verschlossen Vor mir die Portemonnaies.

Als in bitterer Schule geschmolzen Mein Stolz, und Armut mein

Teil, Entdeckt ich in mir die Berufung, Zu bringen den Kranken Heil.

Konitessen, Barone und Grasen, Die kommen m meine Salons, Viel frömmer und gabenbereiter Als einstmals die Seladons.

Ein Bethaus könnt ich schon bauen Aus freubigem Opfermut.

Mills Gott erbet ich noch ferner Equipagen und Rittergut.

In allen bebeutenben Städten Schon blühen Gesundbeterei'n Und bringen den frommen

Schwestern Ein hübsches Vermögen ein.

Ich preise die göttliche Gnade Jetzt und zu aller Frist, Die allen vom Leid Veladnen Freuudwillige Helferin ist.

Wie der Kranke unter den Händen dieser hilfsbereiten Kur­pfuscher plötzlich sein Lebenslicht aushaucht, das mag mait in dem Buche selbst nachlesen.

Nachdruck verboten.

Willst du einmal die schone Welt durchreisen, Sei's auf der Eisenbahn, zu Fuß, mit Doppelrad, So sind bereit wir, dir bett Weg zu weisen, Zu sagen, ob er viel Beschwerbett.

Hast du zurückgelegt des Tages Ziel,

So werden rnis're Namensschwestern dir vielleicht

Nicht unwillkommen sein, falls du ein Freund vom Spiel.

Doch gieb wohl Acht, dein Beutel wird sonst leicht. m. Auflösung in nächster Nummer?

Auflösung des Vexirbilds in voriger Nummer: Die Schwiegermama ist in der Wanddekoratioit versteckt: der Kops stoßt direkt aus den Kops der jungen Frau.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießem