Ausgabe 
21.5.1906
 
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Hauses, dann hat ein Wort aus ihrem Munde in der Oeffentlichkeit Gewicht. Das höchste Ziel der Herrschsucht der deutschen Frau ist die Beherrschung des eigenen Mannes, aber bei der Yankee- dame ist dies der erstegradus ad parnassum", diese Selbst­verständlichkeit ist der Ausgangspunkt ihres Siegeslaufes. Und hat sie Geld und Intelligenz, so erzwingt sie es, sich eine Stell­ung zu schaffen in der Welt, so daß ihre Person nickt übersehen und ihr Wort nicht überhört wird. Sie wird Temperenzlerin weniger aus ethischen Motiven, sondern weil sie die E n t h a l t- ung von gerstigen Getränken zur Zähmung des Mannes für unentbehrlich hält, und ebenso berechnet diesmart woman" ihre Stellungnahme zu dem Eheproblem lediglich nack den Interessen der'Frau, damit sie der st ä r k e r e Teil in der Ehe sei.

Vermischtes.

* Idyllen vom Zarenho f. Reizvolle kleine Geschichten werden in einem Buche der Engländerin M. Eagar erzählt, die von 1898 bis 1904 am Zarenhofe als Pflegerin der kleinen Großfürstinnen lebte. Sie spricht mit großer Liebe von bett" vier kleinen Prinzessinnen, die iie zusammeufassend mit folgenden Worten charakterisiert:Olga hat Liebreiz, Witz und ein schönes Gesicht; Tatiana ist eine regelmäßige Schönheit; Marie ist so lieb, gut und artig, daß sie jeder lieben muß; aber die kleine Anastasia hat einen größeren Reiz als alle Kinder, die ich bisher sah". Die meisten Geschichten weiß die Verfasserin von Olga zu erzählen. Eine davon zeigt uns, daß selbst bei kleinen Großfürstinnen ein Polizist eine sehr gefürchtete Persönlichkeit darstellt.Um die Osterzeit fuhren wir eines Tages über den Newski Prospekt, und die kleine Großfürstin Olga war garnicht artig. Ich suchte sie dazu zu bringen, daß sie ruhig saß, aber vergebens. Da saß sie plötzlich ganz still, mrt gefalteten Händen. Nach einiger Zeit fragte sie mich:Hast Du den Polizisten ge­sehen?" Ich meinte, das wäre dock nichts Außergewöhnliches, der Polizist würde ihr nichts tun. Aber sie anttvortete:Ja, aber der da schrieb etwas auf; ich fürchte, er hat geschrieben: Ich sah Olga, und sie war sehr unartig." Ich suchte ihr au8= einanderzusetzen, daß das sehr unwahrscheinlich wäre; sie er­widerte jedoch ziemlich vorwurfsvoll, daß sie früher einmal gesehen hätte, wie eine betrunkene Frau auf der Straße arretiert worden wäre, und als sie mich gebeten hätte, ich ntöchte doch der Polizei sagen, sie solle der Frau nichts tun, hätte ich das abgeschlagen und gesagt, die Frau wäre unartig gewesen, und die Polizei hätte recht daran getan, sie festzunehmen. Ich setzte also auseinander, daß man schon sehr, sehr unartig sein müßte, bevor die Polizei einen ins Gefängnis steckte. Als wir nach Hause kamen, forschte sie jedoch überall nach, ob ein Polizist gekommen wäre, so lange sie fort waren. Am Nachmittag erzählte sie auch die ganze Geschichte ihrem Vater und fragte ihn dann, ob er schon je ins Gefängnis gesteckt worden wäre; der Zar ant­wortete, er wäre nie utiartig genug gewesen, um ins Gefängnis zu kommen. Die kleine Großfürstin aber meinte:O, wie artig mußt Du aber immer gewesen sein!" Als sie eines Tages alle in einen Laden gingen, und die kleinen Großfürstinnen sich das Spielzeug aussuchen sollten, das ihnen am besten gefiele, sah Olga sich alles genau an, wählte jedoch den kleinsten Gegen­stand, den sie finden konnte. Auf alles andere, das man ihr anbot, sagte sie nur:Nein, ich danke sehr; ich will es nicht." Als die Erzieherin sie darauf in eine Ecke nahm und in sie drang, ihr zu sagen, warunt sie nichts haben wollte, erwiderte sie: Ach, die schönen Spielzeuge gehören sicher anderen kleinen Mädchen, und die würdet! sehr traurig sein, wenn sie nun kämen und sähen, daß ihnen einer alles fortgenommen hat, während sie nicht da warm." Wie überall, so war auch in Zarskoje Sselo der Weihnachtsbaum das höchste Entzücken der Kinder. Als er fortgebracht wurde, herrschte die größte Trauer. Als nun die Kaiserin am Neujahrstage große Toilette anlegte, wurden ihre kleinen Töchter herbeigcholt, um sie zu sehen.Die kleinen Mädchen waren höchst entzückt, sie in so prächtigen Kleidern zu sehen; sie standen einige Zeit in sprachloser Bewunderung um sie herum, dann aber klatschte Großfürstin Olga plötzlich in die Hände und rief begeistert:O, Mama, Du bist gerade so, wie der schöne Wcihnachtsöaum!" Die kleine Tatiana leistete einen hübschen Scherz, als eines Tages der Prinz von Siam die Kaiserin besuchte. Sie ging langsam mit ihren Schwestern um ihn herum, augenscheinlich höchst amüsiert. Die Zarin sagte darauf zu der Großfürstin Tatiana:Komm, gib dem Herrn die Hand, Tatiana!" Die Kleine aber lachte und sagte:Das ist kein Herr, Mama, das ist nur ein Äffe!" In höchster Verlegenheit sagte die Zarin:Du bist selbst ein Affe, Tatiana", aber der Prinz lachte aus vollem Halse. Später wurden er und die lleinen Großfürstinnen die besten Freunde. Bon Marie wird folgendes hübsche Beispiel einer kindlichen Schlußfolgerung erzählt^:Sie saß eines Tages am Fenster und sah ein Regiment Soldaten vorübermarschieren. Das Schauspiel entzückte sie so, daß sie ausrief:O, kch liebe diese Soldaten, ick möchte ihnen allen einen Kuß geben!" Ich sagte:Marie, kleine Mädchen küssen nicht Soldaten." Sie antwortete garnichts. Ein paar Tage später hatten wir eine Kindergesellschaft, und die Kinder des Großfürsten Konstantin waren unter den Gästen. Einer von diesen, der gerade zwölf Jahre alt geworden war, war eben in das Kadettenkorps

Die Frau in Amerika.

Wir lesen in einem Artikel derKreuzztg." über die Frauen in der amerikanischen Politik folgendes:

Strenge Ehegesetze für die Frau sind dort günstig, wo das weibliche Geschlecht in großer Ueberzahl vorhanden ist, wie z. B. im Dmtschen Reiche, wo es das männliche um eine Million Köpfe überwiegt. Umgekehrt aber liegen die Dinge in Amerika, wo dank der Einwanderung ein Ueberangebot von Männern existiert. Das übrige tut dte öffentliche Meinung, die immer der Frau recht gibt, auch wenn sie es gar tticht verdient. Einem deutfcheit Richter würden die Haare zu Berge stehen, wenn er sieht, wie verschieden in hiesigen Gerichtssälen Frauen und Männer beurteilt werden, so daß oft die Frau für dasselbe Delikt mit einerWarnung" entlassen wird, welches dem Mann mehrere JahreSing Sing" (Zuchthaus einträgt. So bald nicht ganz und gar das Recht ausschließlich auf feiten des Mannes ist, werden der Frau Alimente von oft exorbitanter Höhe zuge­sprochen, außerdem kann die geschiedene Frau sehr leicht wieder einen Mann bekommen, besonders wenn sie, wie die meisten Frauenrechtlerinnen, kinderlos ist. Besonders leicht kann eine Frau wieder zur Ehe schreiten, wenn sie nach den Weststaaten zieht; erließ doch einmal ein Mayor in Arizona in den Zeit­ungen Aufrufe an unverheiratete Persotten weiblichen Geschlechtes, wegen des übergroßen Jrauenmangels dorthin zu kommen, wobei er mitwild-westlichem" Humor wörtlich sagte:Hier kann selbst eine Lady, welche keinen Zahn mehr im Munde und kein Haar mehr auf dem Kopfe hat, noch einen tüchtigen, hübschen Mann bekommen, denn die Bevölkerung ist zu mehr als 90 Prozent männlichen Geschlechtes."

Die amerikanische Frau weiß auch trotz ihrer Extravaganzen ganz genau, was sie tut. Und was will sie? Genießen und herrschen. Der,Mann soll ihr Sklave und ihr Aus- b eutungsvbjekt sein, damit sie genau alles das tun und sich leisten kann, was augenblicklich modern ist, aber ver­schwenderischer Lebettsgenuß genügt ihr tticht allein, sie will auch gesehen werden, man ntuß sie kennen und namentlich nentten in der ganzen Oeffenüichkeit, man muß von ihnen lesen in allen Zeitungen, sie müssen in irgend einer Form stets vor dem Publikum bleiben. Erst wenn sie eine solche Popularität er­langt haben, und sei sie selbst etwas zweifelhafter Natur, dann können sie auch herrschen außerhalb der vier Wände ihres

nutzlos zu vergeuden. Trotzdem er nach menschlichen Moral­begriffen in jener Zeit am schwersten gesündigt hatte, alles, was er an guten und edlen Keimen in sich trug, batte jene Zeit ihm gegeben. Als die süße, braunhaarige Liesa von einem typhösen Fieber in wenigen Tagen dahingerafft wurde, war er innerlich gefestigt genug, um sich nie mehr völlig verlieren zu können. Aeußerlich schien er leichtsinniger geworden, es' waren Unsummen, die er so nach und nach! mit leichten Dämchen bei Austern und Sekt vergeudete.

Mer die Tote blieb doch das einzige echte Gefühl seines Lebens was nach ihr kam, war nur leichtsinniges, ober­flächliches Getändel, eine Liebe von ein paar Wochen höchstens die blonde hübsche Lora vom Apollotheater wurde ihm auch schon wieder langweilig.

UnwMkürlich mußte er, dem edlen reinen Gesicht seiner neuen Schülerin gegenüber, daran denken, welcher Ekel diese schmalen, blaßroten Lippen erzittern lassen würde, bei einer Mitteilung von den Untiefen seiner Vergangenheit. Durch wieviel Schmutz und Schlamm war er ganz unnötigerweise auf seinem Wege zum Ruhm gewatet!

Ein merkwürdiges Unbehagen überkam ihn bei der Borstellung, daß dieses' ernste stolze Mädchen, hätte es sein Leben geahnt, ihm sicher nicht einmal ihr Talent anver­trauen würde, aus Angst, sich in seiner Nähe zu beschmutzen.

Als er wieder allein war, lachte er laut auf. Das nagende neuartige Gefühl schwand rasch. Er fand es direkt witzig, daß er sich von ein paar ernsten Mädchenaugen und einem stolzen Munde hatte imponieren lassen. Wer weiß, was unter der Maske stecken mochte?

Er kannte doch die Weiber zur Genüge. Im Grunde genommen waren sie ade gleich veranlagt, oberflächlich! und genußsüchtig es kam immer nur darauf an, ob der Platz, auf den das Leben sie gestellt, diese Eigenschaften groß zog oder unterdrückte. Wer nie versucht wurde, kann nicht unterliegen, dessen Moral steht vielleicht auf recht schwachen Füßen. Und diese Madonna mit den Samtaugen sah ganz so aus, als ob ihr nie eines Mannes profanes Wünschen genaht wäre. Hübsch war sie wirklich sehr, ein Gesicht, das den Künstler in ihm mehr weckte, als den Mann. _ In irgend einer tragischen rührenden Pose vielleicht als'Einsamkeit" oderEntsagung" dachte er sich ihre Er-! scheinung wunderbar wirkungsvoll.

(Fortsetzung folgt.)