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Teilten Vergleich mit den von Ihnen benutzten Modellen anstellen fann.''
Er zögerte flüchtig nnd während er ihr den Rücken zukehrte und begann, die einzelnen Blätter wieder in die Mappe zu legen, fuhr er fort:
„Sie müssen vor allen Dingen eine Zeit lang Akt zeichnen — werden Sie das können?"
Ein nervöses Zittern überfiel sie und raubte ihr momentan die Sprache. Daran hatte sie nicht gedacht, an dieses schwerste, so viel Stärke erfordernde Hindernis auf dem Wege oer Knust.
Er schien ihre Antwort nicht sofort zu erwarten.
„Ich verkenne nicht, daß dieses Aktzeichnen schwer ist für ein junges Mädchen Ihrer Kreise. Aber aus diesen Kreisen müssen Sie eben heraustreten, wollen Sie in dem Reiche der Kunst etwas Ganzes leisten — Sie müssen mit allen kleinbürgerlichen Vorurteilen brechen und versuchen, Ihren sittlichen Standpunkt höher und freier zu stellen, als auf den einer kleinlichen, engherzigen Moral, die in allem nackten nur das unsittliche sieht — Prüderie gibt's nicht im Lexikon der Malkunst — können Sie über diesen Punkt nicht hinauskommen, so müßte ich, so leid es mir täte, auf Ihre Ausbildung verzichten. Die Entscheidung liegt
Lei Ihnen."
Er knüpfte mit langsamer Umständlichkeit die Bänder der Mappe zusammen und ließ dadurch Ruth, Zeit, sich zu fassen. Wieder entspann sich ein kurzes, aber erbittertes Ringen in des Mädchens Brust.
„Gib es aus!/' sagte die eine Stimme, „Du bist viel zu sensitiv, viel zu sehr Kleinstadtkind im Fühlen und Denken", und die andere: „Sei stark und mutig! Dem Reinen ist alles rein! Denke nur an Deine Kunst und an das ersehnte Ziel."
Sie erhob sich wie von einer treibenden Kraft empor geschnellt.. Bleich und ernst stand sie vor dem sie nur wenig überragenden Mann.
„Wann darf ich zum ersten Unterricht antreten?" fragte sie fest, seinem jetzt forschend auf sie gerichteten Blick stand haltend.
Ihm wär eigen zumute. Es tat ihm fast leid, daß sie sich diesen mutigen Entschluß abgerungen hatte — ihre ganze Erscheinung paßte so gar nicht in ein Leben, das über die eng gezogenen Grenzen der Familie hinausging — aber wiederum freute er sich, eine so auffallend talentierte Schülerin zu bekommen.
Und nur diesem Gefühl gab er Ausdruck, da er in seiner freien, kameradschaftlichen Verkehrsart sagte:
„Ich habe Sie unterschätzt, Fräulein Meridies. Ich hielt Sie für ein zimperliches Dämchen, das bei dem Worte „Aki" schleunigst die Flucht ergreifen und alles Streben ausgeben würde. Nun seh' ich aber, daß es Ihnen ernst fft mit unserer Künst und das freut mich, das freut mich von Herzen."
Ruth- hatte die Lider gesenkt wie in einer momentanen .Schwäche. Eine rasende Zukunftsäugst drückte ihr die Kehle zu. Sie wollte ausfchreien:
„Ich will zurück, mir fehlt doch die Kraft, der Mut alles —"
Mer sie brachte kein Wort über die zuckenden Lippen.
In einer Art Traumzustand ließ sie sich von dem harmlos plaudernden Maler im Atelier herumführen, sah wie durch einen Schleier die zahlreichen Bilder und Skizzen an oen Wänden, cm denen er hier und da eine besondere Schwierigkeit der technischen Ausführung erläuterte, und war froh, daß er von ihr kein Urteil über seine Kunst verlangen konnte. Erst vor dem Porträt des Bankierstöchter- leins blieb sie wie erwachend stehen.
Angesichts dieses fast ganz in weiß gehaltenen und in Licht- und Schattenwirkung wunderbar ausgeführten Bildes kam ihr eine staunende, ehrfürchtige Bewunderung für die Größe seiner Kunst.
„Wie stolz müssen Sie sein, wenn Sie so etwas ge- Km haben!" sagte sie leise, mit verschlungenen Händen er Staffelei stehen bleibend.
,Fah!"
Wie vergleichend flog fein scharfer Blick zwischen der lebenden Mädchengestalt und der gemalten hin und her.
„Das Modell war der Arbeit nicht wert. Zu wenig charakteristisches im Gesicht! Das ist der Nachteil bei uns Porträtmalern, daß wir uns meist unsere Modelle nicht »ach Geschmack wählen können. Na, dafür müssen die guten
Leute tausend Mark mehr blechen, als für ein Bild, das zu malen mir Freude gemacht hatte!"
„Tausend Mark!"
Fast mit Beschämung gestand sich, Ruth, daß dieses profane Wort wie eine Erlösung in das wirre Kämpfen Ihrer Seele fiel. Am Ende alles Ueberwindens winkte der klingende, goldgleißende Lohn, der Rettung für sie alle bedeutete, Rettung aus der Misere, Befreiung von den lebenslangen, kleinlichen, aufretbeuden Kämpfen, unter denen sie alt und grau werden würde.
Nein, sie wollte nicht mehr zurück, nachdem sie erst einen Blick in das erträumte, heißbegehrte Land geworfen hatte.
Ruhig, sachlich besprach, sie mit Willy Hammer alles ihren Unterricht betreffende.
In einem Atelier der Kantstraße befand sich seine Mal- klasse, die momentan sieben Schülerinnen umfaßte.
„Sie werden da manche nicht ganz einwandfreie Existenzen finden, int Grunde anständige Mädchen, aber Boheme — auch das müssen Sie in Kauf nehmen. Ich unterrichte eben nur talentvolle Schülerinnen, solche, die ihre! Kunst zum Lebeusberus erwählt haben — vornehme Dilettantinnen sind mir ein Greuel."
Daun teilte er ihr noch mit, daß es ihr frei stände, im Atelier dort täglich von 2—6 Uhr zu arbeiten, daß er jedoch regelmäßig nur Dienstag und Freitag hinzukommen Pflegte und höchstens mal überraschend an anderen Tagen. Sein. Atelierdiener erhalte jedoch täglich. Anweisung betreffs etwaiger Modelle nsw.
Im Juli gab er die Malstunden in der Stadt für einige Wochen auf, utn irgendwo auf dem Lande in schöner Gegend sich niederzulassen. Es stand seinen Schülerinnen frei, ihm zu folgen, und sie hatten von dieser Erlaubnis auch stets Gebrauch gemacht. Sie wohnten tn kleinen Bauernhäusern und malten im Freien und die kleine Malkolonie führte dabei ein recht vergnügtes Leben.
Er selbst behauptete zwar stets, sich über seine Schülerinnen krank ärgern zu müssen, aber riefe Malklasse war doch mehr eine Liebhaberei von ihm, als eine Gelegenheit zum Gelderwerb. Er nahm auch nur ein sehr mäßiges Honorar, 50 Mark für den Monat.
Im Grunde hätte er es überhaupt nicht nötig gehabt, sich sein Brot zu verdienen, da er als zweiter Sohn eines steinreichen rheinischen Großindustriellen schon jetzt über ein bedeutendes Vermögen verfügte. Noch lebten ihm beide Eltern, aber der Vater hatte dem seine eigenen Wege gehenden Sohn ganz einfach eine große Summe überwiesen und und kurz und bündig dazu bemerkt:
„Der älteste erbt die Fabrik und das nötige Betriebskapital dazu, sobald ich die Augen zumache, Du erhältst Deinen Teil schon jetzt und hast später keinerlei Anspruch, mehr auf meine Hinterlassenschaft. Kann ja sein, daß noch einmal etwas für Dich abfällt, kann sein — auch nicht."
Er war's zufrieden gewesen. Ihm lag nichts daran, ob er ein paar Tausende weniger besaß, als' der Bruder, seinem leichten Künstlersinn war es Befriedigung genug, daß er sich keinen halbwegs vernünftigen Wunsch zu versagen brauchte und imstande war, eine ganze Anzahl armseliger Künstlerexistenzen mit tatkräftiger Hilfe zu unterstützen. Kein Wunder, daß er für all diese Stiefkinder der Kunst ein Abgott war, den sie verwöhnten und umschmeichelten, sodaß seine an und für sich schon stark ausgeprägte Herrscher- natur sich dabei zu einer Art Despotismus entwickelt hatte, der sich schon Mein in seiner rücksichtslosen, oft bis zur Grobheit gesteigerten Ausdrucksweise bemerkbar machte.
Leider hatte auch die Damenwelt denselben Kultus mit dem als Mann und als gute Partie gleich begehrenswerten Künstler getrieben und seine Grobheit passierte bei ihnen als „höchst originell".
Er hatte sich int allgemeinen für diese Verehrung des! weiblichen Geschlechts aufs galanteste revanchiert. Als ganz junger Anfänger hatte er ein jahrelanges Verhältnis mit der Frau eines hohen Beamten gehabt, die er auf einer Maskenredoute kennen gelernt hatte. Es war in seiner Münchener tollen Zeit gewesen, da seine überreiche Kraft, seine schönheitsdürstende genußsüchtige Künstlernatur nach allen Richtungen hin überschäumte.
Er hatte der Frau viel zu verdanken, sie wars, die feinem drängenden Streben das feste Ziel gewiesen hatte, oie ihn an der Hand eines echten Gefühls davor bewahrt hatte, seine Mast im Strudel eines leichtsinnigen Lebens


