Ausgabe 
21.5.1906
 
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Mtkcssoft Mädchen.

Roman von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

r. t (Fortsetzung.)

»Sre finden mich im Arbeitskittel, Fräulein Meridies!" sagte er mit der angenehmen tiefen Stimme, deren be­strickender Wohllaut ihr seit Tagen int Kopfe klang,aber tch halte es für überflüssig, mich deshalb zu entschuldigen Sie kommen ja doch zu dem arbeitenden Künstler"

Gewiß!" fiel sie etwas verwirrt ein, nicht gleich im­stande, sich seiner freien, nonchalanten Art anzupassen, die so ganz verschieden war von der aalglatten Höflichkeit des Verkehrstons, den sie bei den Herren ihrer Kreise gewöhnt war,ich hoffe, daß ich Sie nicht störe."

Nein", meinte er seelenruhig, ihr voran zu dem großen Eichentisch herüberschreitend,Sie stören mich nicht, sonst hätte ich Sie ja nicht angenommen in der Arbeit laß ich mich nie stören."

Ruth zuckte förmlich zusammen bei dieser gleichmütigen Bemerkung. Das ging denn doch über das Privilegium eines Künstlers. Einer Dame, die sich bei solchem Wetter und noch dazu drei Treppen hoch zu ihm bemühte, ins Gesicht zu sagen, daß er sie ganz einfach unverrichteter Sache heimgeschickt hätte, wäre er zufällig in der Laune gewesen, arbeiten zu wollen.

Ihr leicht verletzter Frauenstolz wollte gegen solche Behandlung rebellieren, aber da dachte sie zu rechter Zeit daran, wie kleinlich und feige cs wäre, gleich beim ersten Anlauf zur Höhe zu straucheln, und sie biß die Zähne zusammen, den Laut der Empörung zurückdrängend. Aber der brutal geweckte Stolz hatte sein Gutes gehabt, er hatte ihr die ruhige Sicherheit des Auftretens wenigstens äußer­lich zurückgegeben.

Als Willy H. imer sich jetzt nach ihr nmwandte und sie mit einer Handbewegung und den Worten:Sie zeigen mir wohl hier, bitte, Ihre Arbeiten!" einlud, in einem der tiefen Lehnsessel am Tische Platz zu nehmen, wunderte er sich int stillen, tote blaß sie plötzlich geworden war und ivelch herber, unnahbarer Ausdruck die edelschönen Züge dieses Mädchengesichtcs verändert hatte. Sie erschien seinem Malerauge fast noch reizvoller jetzt als vorher in ihrer scheuen Lieblichkeit und er musterte sie prüfenden Auges so ungeniert, daß Ruth wieder all ihre Kraft zusammen­nehmen mußte, um sich nicht dadurch verletzt zu zeigen.

Innerlich zitternd legte sie die große Mappe, die Walter ihr bis zur Tür unten getragen hatte, auf bett Tisch und setzte sich dann nieder. Wie irgend einem Kandidaten vor dem entscheidenden Examen, so war ihr zu Mute. Sie hätte nicht länger auf den Füßen stehen können uild selbst ihre Lippen waren weiß geworden.

Der Mantt achtete jetzt nicht mehr auf sie, in ihm war der Künstler erwacht, der halb mit spöttischer Neugier, halb

mit wirklichem Interesse an die Prüfttng des Mappeninhalts ging..

Er war am Tisch stehen geblieben, so zivar, daß Ruth sein Gesicht nur im Profil sehett könnte, nahm langsam Blatt für Blatt der _ in Kohle und Oelfarben ausgeführten Skizzen zur Hand, hielt sie ein wenig von sich ab, schüttelte einmal das Haupt, nickte dann wieder beifällig vor sich hin ohne ein Wort zu sprechett.

In die bleierne.Stille zwischen den'beiden Menschen tönte nur das leise Heulen des hellbrennenden OfenfeuerK und das prasselnde Geräusch des jetzt stärker fallenden Regens.

Ruth ivar's, als müsse man in dem großen SckMeigen auch noch ihr angstvoll hämmerndes Herz schlagen Hörem

Plötzlich drehte der Maler sich fo brüsk zu thr herum, daß sie erschrocken emporfuhr und ihn voll angstvoller Spannung anstarrte. Seine Augen ruhten mit sichtlichem Amüsement auf ihrer ganzen Gestalt.

Also so sieht unsere Kollegin vott Tietzheim aus!" sagte er, sich vergnügt die Hände reibend,da hab' ich doch recht gehabt."

Sie mußte an seine Bemerkung denken,sie muß jung sein und schön!" und ihre fahle Bläffe wandelte sich in ein lichtes Rot. Sie kämpfte einen Moment mit sich, dann errang sie den ersten Sieg über ihr scheu-verschlosfeneA Herz. Mutig sah sie ihm in die lebhaft blitzenden Augen.

Ja, so sieht sie aus! Ich wußte ja gleich, daß Sie meine Malerei wieder erkennen würden, als ich Sie int Eintreten erkannte", und als sie das verblüffte Staunen über ihre Worte sich in feinem Antlitz spiegeln sand, setzte sie rasch hinzu:Ich habe Ihnen da etwas zu erklären, Herr Hammer. Als ich hier zu Ihnen gewiesen wurde, glaubte ich, Sie seien mir völlig fremd, aber ich hab' vor dem Schaufenster von Tietzheim bereits vor acht Tagen un­gefähr Ihre Bekanntschaft gemacht."

Und freimütig erzählte sie ihm, was sie dort aus seinem Munde erlauscht und welchen Eindruck sein Urteil auf sie gemacht habe.

Sie sprach jetzt ruhig und sicher und nur, als sie ihre Mitteilungeu mit den Worten schloß:Ihnen verdanke ich also meinen Entschluß oder aber, wenn's schlimm ausfällt Sie tragen die Schuld daran", da lähmte ein erstickendes Angstgefühl ihre Zunge.

Er lächelte ihr ermutigend zu und dabei erhielt sein Gesicht etwas liebenswürdig gutmütiges im Ausdruck.

Nur nicht tragisch und mutlos werden, Fräulein Me­ridies, das paßt nicht zu unserem Metier, wir brauchen einen hellen freien Kopf, ein klares mutiges Auge Sie sollen mir's hoffentlich danken können, daß ich unbewußt ihr Streben nach höheren Zielen weckte. Ich nehme nichts von dem zurück, was ich damals gesagt habe Sie haben viel Talent vor allem ein ausgesprochenes Talent für das Porträtfach, was in die Augen springt, auch wenn man