1906
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Mittellose Mädchen.
9iommi von H. E h r Hard t.
(Nachdruck netboien.) (Fortsetzung.)
St'vm in Arm mit dein schwarzhaarigen Schneewittchen, der schon etwas verblühten Nichte des Brigadekoinmandenrs, die bei dem kinderlosen Ehepaar die Stelle einer Tochter einnah,n, erschien Suse Meridies im grünbekränzten Türrahmen. Ihr Haar war jetzt wieder in zwei losen Zöpfen tim den Kopf gelegt, den eine Rosengnirlande bekleidete. Ueberall an Stirn, Schläfen nnd Nacken drängten sich die widerspenstigen goldenen Löckchen hervor, die unwillkürlich an das alte Sprichwort mahnten: „Krause Haare, krauser Sinn."
Ihre schelmischen Angen blinzelten zu der Herrengruppe hinüber, und dann versuchte sie den würdigen Ernst in ihr Gesichtchen zu legen, der ihr zur Begrüßung der älteren Damen unumgänglich notwendig erschien. Sie sah dann ans, als könne sie nicht bis drei zählen.
Der tiefe Knicks, den sie erst gelernt, gelang ihr bereits vortrefflich. Manch kritisch prüfendes Frauenange streckte vor ihrem kindlichen Liebreiz die Waffen, hier und da fuhr eine mütterliche Hand ihr gönnerhaft über die glühende Wange.
„Nun, recht viel Amüsement, Dornröschen!"
Von den jungen Frauen mußten sich die beiden „Märchen- prinzessinnen" im Vorbeigehen ein paar scherzende Anzüglichkeiten gefallen lassen, vor denen sie sich kichernd zu ihren „Prinzen" flüchteten.
Ein großes Hallo empfing sie.
„Endlich, endlich! Die Toten und die Verschlafenen sind auferstanden."
„Gott sei Dank!" Suse streckte prüfend die Arme ans, „ganz steif bin ich ja schon gewesen und noch eine Minute länger — da hätte ich Wimpernkrampf gekriegt."
„Wimpernkrampf ist gut. Kolossale Erfindung."
„Sie haben wohl noch nie welchen gehabt? Es ist scheußlich!" meinte Suse mit dem Brustton der lleberzeugung, „cs zuckt und zieht — ich glaube, es ist nervös."
„Ach, Nerven, hinter sie verkriecht sich heutzutage jede Krankheit, jede Untugend, jedes Laster."
„Kinder, der Prinz wird geistreich und hält sozialhpgie- nische Vorträge — er wird rausgeschmissen, wenn er weiter redet."
„Bitte, Prinzen werden nie rausgeschmissen, sondern höchstens hinansgegangen", belehrte das Dornröschen übermütig, und die „Brigadenichte", die mit ihrem Partner, einem ernsten Infanterie-Hauptmann, etwas beiseite gestanden hatte, wandte den dunklen Kopf nnd pflichtete lächelnd bei:
„Recht so, Fräulein Meridies, wir haben heut die Verpflichtung, unseren Prinzen die Ltange zu halten. Für diesen Abend gehören sie unS."
Ihr Blick kehrte wieder zu dem Gesicht des Hauptmanns zurück und traf gerade in seine blauen, ernsten Augen. Sie wurde röt und das machte sic mit einem Schlage jung und hübsch.
Verstohlen suchte seine Hand nach der ihren. Ec drückte sie innig und fest. Es war gleich einem fällen Verlöbnis.
Auch Suses Augen hatten sich mit denen des hübschen Artilleristen getroffen. Sie sah die Bewunderung darin ans- glühen, aber zum ersten Male kam ihr ein Granen vor ihrer Macht.
Ihr eben noch so strahlendes Gesichtchen verdüsterte sich und sie begrüßte cs als besonders willkommene Unterbrechung, daß vom Saal herüber eben weich und schmeichlerisch die ersten Takte des Lunawalzers lockten.
Die tanzlustige Jugend folgte wie ein aufgeschkuchter Spatzensehwarm zwitsehernd und lärmend dem verführerischen Rufe.
Bald wirbelte es in dem großen Saal 6mit durcheinander, ein Gemisch aller Stoffe und Farben, duftige Tüll- wogen, starrende Seidenfalteu, das schwarze Tuch des Frackes und das Helle Blau vereinzelter Tragonerröcke, die rotleuchtenden Kragen der Infanteristen und der vornehme schwarze Samtkrageu der Artillerie.
Auf der Bühne hatten sich heut die Mütter deu echten „Trachenfels" erbaut und sahen von oben herab, kritisch, scharfzüngig, heimlich ihr Gift verspritzend, in das Gewimmel der Tanzenden.
„Tie Meridies tanzt natürlich deu ersten Tanz wieder mit Trautendorf!" flüstert die töchterreiche Landrätin geärgert und wirft einen Streifblick nach ihrer sitzengebliebenen Jüngsten, von den Herren unter sich mit der besonderen Betonung des bekannten Ueberbrettlliedes: ,,'Tas Gänschen" genannt. r, ... .. ,,
Wie blöde und geniert das arme Ding «ich präsentiert! Die Mutter wünscht sehnlichst, ihr einen liebevoll ermunternden Puff versetzen zu können. r
„Sie unterhalten sich beim Tanzen, sehen Sie mal. ^as ist doch ganz und gar unpassend — was er ihr bloß gesagt haben mag, sie ist ganz rot gewordei,", tuschelt eine andere.
Er hatte ihr gar nichts besonderes gesagt, nur em paar bebende Worte: ,
„Ist Dornröschen nun ihrem alten Ritter verloren? Kein Auge hat es heut noch für ihn gehabt!" und leise, neckisch war ihre Antwort erfolgt:
„Dornröschen ist noch aus der treuen, alten Zeit, es hat ja hundert Fahre verschlafen."
Und dieses Glücksrieseln bei dieser fluchtigen Unter- hältnng, dieses herzKoPfende Wünschest:


