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keine Zeit hat, an sich selbst zu denken. Das Schlüsselbund, die Lichter zum Klavier, der Aufsatz ihres Lieblings — das ist das einzige, was sie jetzt beschäftigt.
„Gute Nacht, Papa, schlafe gesund!"
Sie neigt sich nieder und führt seine Hand rasch gu die Lippen.
Liebevoll sieht er sie an.
„Gute Nacht! Siehst Tu, auch denen dort drüben bist
Du rmenlbehrlich. Arme Ruth." (Forts, folgt.)
Jem Wahren, Edlen, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Es hieß wieder: die Reichshauptstadt habe genug Theater. Jedes Zuviel fei ein Unsinn. Es war manches Wahre daran. Tie Ueberfülle der abendlichen Genüsse, wie sie die Anschlagssäulen täglich dem Vergnügungssüchtigen verkünden, drängte ju einem wilden Konkurrenzkämpfe der Theater, von denen nur die wenigen ausgeschlossen waren, die sich eines getoiffcit festen, literarisch gebildeten Stammpublikums zu erfreuen hatten. Daß für eine gut geleitete Bühne mit wertvollen Kräften immer noch Platz war, bewiesen mannigfache Versuche, die der neuen Eritwickelungsphase in den dramatischen Literatur einen Weg zu schaffen sich mühten, die verschiedenen „Freien", „Sezessions"-, „Versuchs-Bühnen" und tote sie sich sonst noch itannten, die aber häufig mit Zensurschwierigkeiten zu kämpfen hatten, infolge dessen nur in Wereinskreisen spielen durften und in dem Augenblick, da sie sich selbständig machten und an Stelle der gastieren- deil Größen ein festes Personal erwarben, gewöhnlich an unzulänglichen Mitteln zu Grunde gingen. Dieser wütende Konlurrenzkampf, der das nackte Geschäftsinteresse auf den Platz künstlerischer Bestrebnngen und Absichten setzte, sollte schließlich die wunderliche Blüte der Ueberbrettelei zur Entfaltung bringen; die an sich ganz gute und gesunde Idee einer verfeinerten Läuterung der leichtesten Theaterkost imtrbe durch einen rohen Haufen voll Spekulanten zu Tode gehetzt.
Zu keiner anderen Zeit als in diesen netinziger Jahren hatte Berlm sich in einem so närrischen Theatertaumel befunden. Es machte wirklich den Eindruck, als habe »Hammer mit seinem Prachtbau alle guten und bösen Geister fitt Reiche Thalias erweckt. Ganz wahnsinnige Projekte tauchten auf: eine „Fresko-Bühne", die nur al sreseo entworfene dramatische Kartons der Oeffentlichkeit vorzu- suhreit gedachte, und toieber eine „Kunst-Bühne", auf der lediglich psychologische Problemstücke ohne jedweden stofflichen Hcmdlnngskern zur Aufführung kommen sollten: daun wieder ein „Lieder-Theater" zur Neuerweckung der deutschen Lyrik, imb eine „Mimodramen-Bühne" für poetische Einzelszenen. Man hätte bei alledem Wohl on ein ehrlich rüstiges Streben denken können und an eine frohe Verheißung. Aber bis auf geringe Ausnahmen, hinter denen wentgstens ein guter Wille steckte, entpuppte sich alles als .Sensationshascherei, als die alte Jagd itach Erfolg mittels pikanter oder noch unerprobter Würzen. —
Unter dem entfachten Konkurrenzkampf hatte das Prinz Ferdlnand-Theater am schwersten zu (eiben. Hammer hatte slch ganz ans die Direktoren und atif feinen Adlatus Jm- Ijoff verlassen müssen, da er selber vom Bühnenwesen an srch nichts verstand und auch in seinem literarischen Emp- sfinden nicht über das Laienhafte hinauskam. Nun wäret;
«s und Imhoff zweifellos ganz geschickte Regisseure, und Rafasll tour kein übler Kapellmeister; aber in der Kunst, ein gut geschultes Ensemble zusammenzustellen, man- Lelie ^tynen alles., Außerdem befehdeten sie sich gegenseitig todlcch; was der eine unternahm, hieß der andere idiotisch, was dem gefiel, fand dieser greulich; sie kämen niemals zuemander. Man hatte ort eine Oper int großen Stile gedacht, die allein fähig feitt konnte, die Konkurrenz mit deut Hoftheater siegreich auszunehmett. In diesem Falle wurde ivohl auch die konservative Tradition, die das alt- emgesessene Berlinertum an die Hofoper fesselt, über- wtmden toorbeit sein. Aber es stellte sich heraus, daß das Prmz H-erdittaud-Theater mit seinem Opernbudget sich nicht « 6cS Gleich dotierten Hoftheaters messen konnte; es mußte sich immer auf die Stellung einer „zweiten" Ctoer beschranken, und dafür waren wieder die Preise der
Plätze zu hoch bemessen. Es kam noch anderes dazu, der neuen Opernbühne die Existenz zu erschweren. Bon den älterett bedeutenden Musikwerken gehörte das meiste, wenigstens das, was auf das Publikum die wirksamste Anziehungskraft ausübte, tote beispielsweise der ganze Wagner, dem festen Besitz des Hvftheaters an, und die moderne musikalisch-dramatische Produktion befand sich zurzeit ans einem Tiefstände, der jeden Erfolg, selbst bei einem an- sprnchsloseren Pnblikum, ausschloß. Herr von Serben mußte also notgedrittigen auf das gute Alte und längst Bekar t zurückgreisen; er versuchte es freilich auch mit Experiment..!, grub halb und ganz Verschollenes toieber aus, erwies sich überhaupt nicht als untüchtig; aber es war merkwürdig: mau schiei; das Prinz Ferdinand-Theater nach bett ersten Mißerfolgen tticht mehr recht für voll anzusehen; es kam nicht in die Höhe.
Noch schlimmer verhielt es sich mit dem Schauspiel. Ta staub tiuii. diese wundervolle Bühne, mit raffiniertester Technik erb out: das große Velarium, das bei Konversationsstücken die Galerie und bett obersten Rang verdecken sollte, um einen engeren Kontakt zwischen Szene unb Zuschauerraum herzustellen, sanktionierte vortrefflich; das Proszenium ließ sich verschieben, um bas Bühnenbild zu verkleinert!, der Versenkungsapparat erwies sich als ungemein praktisch. Und wie herrlich war das ganze Haas, ein Triumph moderner Baukunst, ein Weihegescheuk des Genies! — Aber auch hier blieb der Erfolg ans. Giesecke hatte guten Willen, mehr nicht. Tie Fausttragödie verwandelte er in ein lächerliches Ausstattungsstück, in dem alles Große und Erhabene in äußerlicher SzenenwirkUug unterging. Die Novitäten schlugen nicht ein; die sogenannten Berühmtheiten waren an ,andere Bühnet; gesesselt, trauten auch dem Personal Gieseckes nicht. In der Tat: das war das Böseste. Mat; schob ihm allerhand Kräfte zu, die nicht zu brauchen waren; der Aufsichtsrat protegierte viel; gute Freunde, arme Teufel und kleine Liebchen sollten angestellt werden. Eie» fecke hatte .auch feinen Spürsinn sür neue Talente. Er versuchte es mit Gastspielen großer Sterne. Die waren schwer zu bekommen; sie fügten sich nicht gern den; tnittel- mäßigen Ensemble des Prinz Ferdinand-Theaters ein unb waren äußerst kostspielig. Und Giesecke hatte zu rechnen lvie Seebett. Ja, das war es, was den Verfall rasend beschleunigte: trotz aller günstigen Konjunkturen war der Ban so teuer geworden, dag man sparsam wirtschaften mußte. Hinter deut äußeren Prunk ging die. Knust nach Brot.
Es war das eingetroffen, was Prinz Arenstein voraus- gesehen hatte: Hammer hatte sich „überbaut". Ter kühle, wägende und rechnende Verstand war vor dem Genie dadvngelansen. Es sollte etwas Vollendetes werden, und das war es auch gewordeti; aber das Fundament ruhte ans tönernen Stützen. Was der luxuriöse Ban nicht verschlang, das fraß die ungeheuer kostspielige Bühnenein- richtung. Und ringsum standen die, die auch ihr Teil haben wollten: die Aktionäre. Matt hatte auf Tantiemen und Dividendei; gehofft und bekam nicht einmal die Zinsen . . .
Es war klar: so konnte es tticht weitergehett. Josef Berndal steckte sich hinter Imhoff. Der stand jetzt «ms der Höhe. Prieftap und Nina waren feit ihrer Hochzeit ans Reisen, und Claudius richtete inzwischen, mit reichen Mitteln versehen, ihr Berliner Heim ein. Er wühlte im Golde. Er halte vorläufig auch Wanda und Susanne, die Koloratursängerin und die 'ehemalige Soubrette, itt Berlin untergebracht: die eine im Norden, die andere im Siidtvesten. Da besuchte er sie bann unb wann, fuhr von Berlin W ttach Berlin N und ttach Berlin SW unb amüsierte sich außerordentlich bei seinem Trio. Wanda tvttßte von Suse nichts, und ttichts wußte die liebe Laura von diesen. Bis eines Tages Sie Entdeckung kam, wie ein zündender Blitz, mit Allgewalt, mit Knall und Schall und einer vernichtetiden Rede. Da war es beim vorbei mit dem Tändeln int Dreieck; Imhoff mußte tief in dis Tasche Priestaps greifen: er hing Laura ein schönes Kollier um bett Hals und reichte Wanba und Suse je ein ge- sülltes Portefeuille. Hieraus fuhren Wanda und Suse in verfchiedenen Richtuitgen von Berlin ab; die eine nach Bern, bie andere wieder über die See — F. G. Holtinger! hatte ihnen in aller Eile Engagements verschafft.
folgt.) - .


