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Das Müde, Weiche ist von ihr genommen, sie ist ganz Ruth, die ruhige, besonnene, pflichttreue Ruth, hie.
?,So starke Dich rasch mit einem Schluck", fällt Ruth ein, bemüht, durch einen leichten Ton die ernste Richtung seiner Gedanken abzulenken.
Gehorsam führte er bas Glas zuin Munde.
„Schmeckt es Dir, Papa?"
„Sehr gut, ausgezeichnet — das verstehst nur Tu, Ruth", sagte er, unter dem struppigen Bart lächelnd, „was mir die Mutter da neulich zusammengebraut hat, wie Du iin einen, der unvermeidlichen Kaffees warst, ist gar nicht zu sagen."
Auch Ruth lächelt, aber es ist ein mattes Lächeln. Sie weih, das ist eine seiner Eigenheiten, daß niemand ihm etwas recht machen kann, außer ihr. Es ist ihr Stolz und ihre Freude, denn sie liebt den alten Vater abgöttisch mit einer Liebe, die durch ein heißes Mitleid noch verstärkt wird, aber für einen Moment fühlt sie etwas wie Bitterkeit über diese Einbildung. Es ist ihr, als höre sie die Ketten an ihrem Fuß klirren. Das lähmende, trostlose Gefühl überfällt sie stärker noch als vorher.
Schon will sie sich zum Gehen wenden, da trifft ihr Blick den vorgestreckten Fuß des Vaters, der noch in hohem Lederschuh gesteckt, und das kindliche Pflichtgefühl, mit dem sie ihn umsorgt, gewinnt die Oberhand in ihr.
„Noch nicht in Hausschuhe!,, Papa? Tu hast doch sicher schon kalte Füße?"
Und sie geht zu dem Nachttischchen vor einem der Betten i und kommt mit ein paar niedrigen, warm gefütterten I Schuhen zurück. Ohne sein fast erschrockenes: „Aber Kind, so laß mich doch!" zu beachten, kniet sie vor ihm nieder Und beginnt geschickt die Schnürbäuder der Lederschuhe zu lösen. Ta fühlt sie auf einmal seine Hand auf ihrem Kops Und hört seine Stimme so weich Ivie noch nie sagen:
„Tu verwöhnst mich zu sehr, Ruth. Was sollte aus mir werden, wenn ich Dich nicht hätte? Die Mutter ist la so gut, aber sie bedarf für sich allein der Pflege und Schonung, sie kann mir keine Stütze sein, wie Du mir I Ast, meine Tochter, ja, eine Stütze und der Trost meines Alters. Ich furchte nur, daß bald einmal ein anderer komnien und Dich mir entreißen wird und meinen Lebens- I abend düster machen."
Er fährt unsicher tastend ein paarmal über ihr weiches, I schwarzglanzendes Haar. Ihr Gesicht kann er nicht sehen, I aber er suhlt das Zittern, das den schönen Mädchenkörper! zu seinen Füßen förmlich schüttelt. Und dann liegt ihr Kopf auf seinen Knien.
„Ich werde Dich nie verlassen, Papa!" sagte das Mädchen heiser vor Erregung, „ich bleibe bei Dir, immer, irniner." I . Es 'st ihr heiliger Ernst mit den Worten, die fast wie ein Schwur klangen. Tröstend naht sich ihr das Bewußt- I stiu, daß sie dem Vater wirklich unentbehrlich ist, daß sie Fr Opfer nicht vergeblich gebracht hat. Wie groß dieses ^pser ist, sie hat vorläufig noch nicht Zeit gehabt, sich darüber klar zu werden. Sie will nicht daran denken und I dvch — während sie vor dem alten Mann auf beit Knien lag, drängte das Bild des Geliebten sich gewaltsam in ihre Seele. Alte Erinnerungen tauchten deutlich wie nie I bor ihr auf in Zeiten, in denen er iin kindlichen Spiel, ihr Ritter gewesen — sie sah sich selbst als fröhliches, svrg^ loses Kind, wie sie in einem alten Ballkleide der Mutter, I eine Krone aus Goldpapier int gelösten Haar, als eine I ^ou Räubern entführte Prinzessin, .Berzweifluugsträueu I heuchelnd, nn grünen Burgverließ saß und wie er daun j ö^ltaumte zwischen den brechenden Fliederzweigen, das I Hvlzschwert in der braunen Knabenfaust, das trotzige Ge- ! licht glühend im Eifer des Spiels, mit der dicken, "blonden | 2,ocke, die ihm immer in die Stirn fiel und die er mit
eigensinnigen Kopfbewegung von Zeit zu Zeit zu- ruckzuschleudern pflegte — wie er sie triumphierend an sich I xtp als ihr Retter aus räuberischer Hand. Nur heiraten hatte er seine glücklich befreite Prinzessin nie wollen.
' .. ist kin Spiel für Mädels!" pflegte er zu sagen, I >,die Aussen sich gerne." y |
Das schien ihm nicht vereinbar mit seiner Knabenwürde. I
„shte er anders. Sie weiß, daß er nichts heißer I gewünscht hat heute nachmittag, als sich zu entschädigen I
bie törichte Enthaltsamkeit seiner Kuabenjahre. | t . imhe war er ihr gewesen, daß die Spitzen seines I kuschen blonden Schnurrbarts ihre Wange geliebkost hatten. And sie hatte die Kraft gehabt, ihn von sich zu stoßen.
Noch immer liegt die welke Hand des alten Mannes auf pes Mädchens gesenktem Haupt. Eine große, seltene Rühr' j
I ung erfüllt ihn und diese Rührung nimmt seinen tief-, I liegenden, braunen Augen deu sonstigen düsteren Ausdruck, | sie verwischt deu bitteren Zug um seine bärtigen Lippen 8 und glättet die von Falten durchfurchte Sttru. Als Ruth langsam den Kopf erhebt, starrt sie fast ungläubig in sein Wh verändertes Gesicht. Ist das die Freude über ihr: „Ich I bleibe!?" 1
. „ V”b i" einem Gemisch von Glück und Schmerz wieder-, | holt sie noch einmal:
,Lch gehe nie von Dir, Papa, nie!"
I nbriiT't c'n kitzeln, das sie ihrem znckeiideil Herzen Er beugte sich liebevoll zu ihr nieder.
s "Nichts versprechen, Ruth", meint er ernst, beunruhigt durch die seltsame Erregung des sonst so gelassenen Mäö-
I ehens, „ich will kein so egoistischer Vater sein. Dich an! einem Gluck fern von mir zu hindern."
„Ich kann mir kein größeres Glück denken, als für Dich zu sorgen. Dir zum kleinen Teil die Dankesschuld abnn | tragen, die Du uns allen durch Dein rastloses Arbeiten und Sorgen anferlegst."
, Sie sieht voll ehrerbietiger, heiliger Zärtlichkeit zu ihm sstll mit Augeii, die wie Sterne aus dem schönen, bla sen Gesicht leuchten. Das alte bittere Lächeln gräbt sich um seine Mundwinkel. Wie ermattet lehnt er sich in seinen Ivruck und halb zit sich selbst, halb zu dem knienden
Mädchen spricht er leise:
hak es mir genutzt, das Arbeiten und Sorgen? ! Wahrlich mein Leben ist nicht leicht gewesen in dem steten
"Ni das tägliche Brot, aber zu danken habt Ihr mir wenig genug. Ich bin Euch kein rechter Vater ge* ivefen — nein, schüttle nicht den Kopf, ich lveiß es nuti ju gut, ich hab' Euch alle aufwachsen lassen nach dem' Grundsatz: Erzieht Euch selbst. Es ist falsch. Ter Menschs erzieht sich nicht selbst, er wächst heran mit all den guten! und schlechten Eigenschaften, die ihm von der Natur mit*. gegeben sind und die er ohne eine leitende Hand nicht zu zügeln versteht. Vielleicht, daß das Leben ihn mit rauher! Hand noch erzieht — aber meist ist es schon zu spät. Wenn! ich heute die Augen zudrücke, lasse ich Euch niittellos zurück und was noch schlimmer ist, nicht gestählt für den Kampf ums Leben. 11 in Dich bangt mir ja nicht, Ruth, Tu bist eine ernste, verständige, mutige Natur, Du wirst Dich nie verlieren. Aber Du wirst den Anderen allen Stütze sein miisseti, der Mutter, der schwachen, ängstlichen Frau — ach, nno der Suse, wenn ich mich auch nicht hineinmische, dass sehe ich doch, wie zerfahren und oberflächlich sie ist, tote; eitel — sie wird gut schwersten zu hüten fein. Und die! Jungen, keiner noch int Brot —"
Er bricht ab, als sei es ihm unmöglich, die trostlosen! Bilder, die sich ihm aufdrüngen, noch weiter anszurvllen. Ruth aber schlingt, sich aufrichtend, beide Arme um seinen! Hals, schmiegt ihre weiche Wange an seine bärtige und bittet leise:
„Quäl' mich und Dich doch nicht mit solch traurigen Reden, Papa. Fühlst Du Dich Denn krank?"
»Mir fehlt nichts!" wehrt er ab, „nur müde und alt bin ich, dafür ist kein Kraut gewachsen."
„Doch!" widerspricht sie, sich fester au ihn lehnend, „ich werde Dich noch besser pflegen von jetzt ab. Und Tu wirst mir's erlauben und sehr gut folgen, Papa, ja, Tu versprichst nrir das?"
Er zieht sie vollends auf seine Knie.
„Ich werde wohl müssen, wenn Tu so energisch auf- 11-1" j
Er hat,Recht, sie spricht heute anders zu dem Vater> vor dem sie nie eine gewisse Scheu hatte überwinden tonnen. Es ist wohl das Bewußtsein ihres heroischen Entsagens, das ihrem Anftreteu etwas Gereiftes, Gefestigtes!
Sie schrickt wie aus halber Betäubung geweckt empor, als int Korridor draußen eine Tür znschlägt und gleich darauf Walters halb zaghafte, halb bittende Stimme herein- klingt:
„Kommst Du nicht bald, Ruth? Mama kann beit Schlüssel! nicht finden nud Snse will doch Lichter zum Klavier, weil sie üben muß — und mein Aufsatz —"
Ruth ist schon aufgesprungen.
„Ich komme, Walter!"


