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M. 43
rinu:
Mittellose Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Nuth betrachtet sie fast mitleidlos. Sie liebt doch die junge Schwester zärtlich, aber im Moment empfindet sie nur eine Art Verachtung für dies kindische, schluchzende Geschöpf, das noch gar nichts wußte von ernstem, wirklichem Leid. Sie ahnt die Ursache dieser Tränen. Uni) schon will sie ein paar diesbezügliche tadelnde Worte sprechen, als Ense sich jäh aufrichtet, sie aus tränennassen Augen vorwurfsvoll anblickt und rasch sagt:
„Warum hast Du eigentlich dem Hans seine Bitte abgeschlagen? Ihm zu Liebe konntest Du schon „Ja" sagen."
Der Kaffeelöffel in Ruths Hand fällt klirrend §u Boden und als sie sich rasch danach bückt, sagt sie mit farblosen Lippen, die vor innerer Erregung zittern:
„Was meinst Du damit? Er bat um nichts."
Tie Lüge kostet sie förmliche Anslrcngimg, so erstickend legt die Erinnerung an die Unterredung des Nachmittags sich um ihre Kehle.
„So 'ne Gemeinheit!" schilt die Enttäuschte, sich energisch die letzten Tränen von den Wimpern wischend, „fest versprochen hat er mir's, er wollte Dich bitten ivegen des Balles, daß Tri es doch bei den Ellern durchsehen sollst — er hat schon neulich gesagt, es wär' schade um mich, ich könnte wohl auch schon was haben vom Leben und überhaupt — wenn wir armen Mädchen nicht jung unser Glück machen, später", sie steht auf und zuckt die runden Schultern, „ja, später, da hat uns die ewige Misere häßlich und vorzeitig alt gemacht."
Mit der gedankenlosen Unbarmherzigkeit der Jugend studiert sie bei ihren letzten Worten Ruths edelgeschnittenes, blasses Gesicht. Wie alt sie hente aussieht mit diesem herben Schmerzenszug um die Mundwinkel! Eine dunkle Ahnung beginnt in ihr aufzudämmern von irgend einem schweren heimlichen Kampf, der das Empfinden der älteren Schwester in all seinen Grundvesten erschüttert. Aber an Hans Klausen denkt sie nicht.
„Daß Dir so viel an diesem Valle liegt, Suse!" meint Ruth, abgewandt, mit der Bereitung des Grogs beschäftigt, „weiß Gott, ich ließ Dich gern gehen an meiner Statt. Ich hasse dieses Zurschaustellen — als wäre man eine Ware, für die dringend ein Käufer gesucht wird, so komm' ich mir immer vor. Und so viel Häßliches gibt's auf so einem Ball, Klatschsucht und Neid, Jntriguen und Gehässigkeiten — fei doch froh, daß Du noch sorglos dahinlebst im Elternhause,
man wird so schnell sehend da draußen — das^Leben läßt sich nicht durchtanzen, wenn man erst mit beiden Füßen drin* steht, es ist gar ernst und schwer."
Suse erschauert leicht. Innerhalb weniger Minuten klangen zum zweiten Mal dieselben Worte an ihr Ohr.
Tas Leben ist doch so ernst und so schwer! Und in ihr war doch solch ein rasendes Verlangen nach Genuß, nach Freude und Glück. Ihre blühenden Lippen schürzen sich in trotzigem Mut. Ihre Augen flimmern.
„Und ich zwinge es doch, das Glück", sagt sie laut.
3.
Ruth ist unterdes in das Zimmer des Vaters getreten.
Er sitzt am Schreibtisch und arbeitet. Eilfertig fliegt die Feder über das weiße Papier, es mit kleinen kritzelnden Schriftzügen bedeckend.
Nuth sieht dem Vater über die Schulter, während sie den dampfenden Grog behutsam zwischen die Papiere de9 Schreibtisches schiebt.
„Was schreibst Du da, Papa?" erkundigt sie sich und zum ersten Mal blinkt an dem Abend ein Funken von Interesse in ihren Augen, auf, „doch wohl die Akten über Gasch und Genossen. Der Gerichtsdiener will sie ja morgen früh holen."
Er hört zu schreiben auf, dreht sich nach ihr um und die Pfeife aus dem Munde nehmend, sagt er hastig:
„Gut, daß Du mich daran erinnerst, Kind, ich hatte das ja völlig vergessen. Wär' mir das unangenehm gewesen! Wo hab' ich sie nur hingekegt?"
Er sucht unruhig mit seiner mageren, nervösen Hand unter den Aktenstößen umher, aber Ruth hat schon das richtige Heft entdeckt und hält es ihm hin.
„Wo war* mir das früher passiert, so eine Vergeßlichkeit!" murmelt er, „man wirb alt und tappcrig."
„Das ist ja Einbildung, Papa! Ich mochte mal bte jungen Assessoren sehen, die's mit Dir aufnehrnen konnten. Tn weißt doch, erst neulich hat der Präsident zu Karl gejagt, eine solch eminente Arbeitskraft wie Du gäbe es nicht wieder. Viel zu viel tust Du überhaupt, das ist meine Meinung. Du könntest Dich viel mehr pflegen und schonen. Du machst manches Unnötige, was Tu recht gut anderen, jüngeren überlassen könntest."
Er schüttelt, in dem Aktenheft blätternd, den grauhaarigen Kopf. , c ,
„Du verstehst es wohl nicht ganz, Ruth, was das heißt, aufgehen in dem Beruf, den man sich ans freier Neigung erwählt bat. Jede Nachlässigkeit wäre mir wie ein Treu- brach gegen ein lebendes Wesen. Kann ich meinen Posteii nicht mehr ganz ausfälleii, würbe ich eher davon zuriick- tretem Aber um Euretwillen darf ich das. nicht, darf n.oH nicht alt und schwach, werben/'


