Ausgabe 
21.2.1906
 
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den Dichtung und Musik sich einen, ist der Mythos'; denn in ihm allein liegt das Reinmenschliche, im Gegensatz zum histori­schen, too das Verlangen des Dichters mit deni Gegebenen in Widerspruch tritt. Man vergleiche den Wallenstein Schillers, wo dieser Widerspruch zur Schaffung desPiccolomini" und schließlich desLagers" führte. Die Gestalt des Mythos dagegen istder" Mensch, in dem sich jeder von uns wiederfindet. Aus dem Bedürfnis seiner musikalischen Seele entdeckte Wagner diesen Mythos; denn die Musik hat nichts gemein mit Traditionellem, nur mit dem Gefühl. Die Musik gab also den Stoff; aber nicht mehr den griechischen Mythos, sondern den germanischen, dessen künstlerische Entwickelung die Kirche gehindert hatte, bis er sozusagen von den Gebrüdern Grimm erst wieder entdeckt wurde. Als musikalischer Dichter freilich betont Wagner vov allem die Stellen, an denen das Gefühl am mächtigsten wird und verdichtet die Handlung zu großen Szenen. Einen Vorteil brachte für Wagner die Musik durch die Befreiung vom Verst maß, mit dem sonst alle Dichter gekämpft haben; denn die Musik kann Accente und Längen geben, wo es nötig ist. An Stelle des leeren Endreimes setzt Wagner den Stabreim und gab dadurch der Sprache ihr ursprünglich Musikalisches.

In der Melodie bildet die Musik das Spiegelbild des dichter­ischen, flüssigen Gedankens, wie diese harmonisch ineinander übergehen, so sollen auch die Melodiceu harmonisch in einander übergehen; nicht nur äußerlich technisch, sondern dem Gefühl nach, und um dieses Gefühl entscheidend zu bestimmen, dazu ist das Orchester da. Was auf der Bühne sich nur ahnen läßt, was die Dichtung nicht aussprechen kann, das gibt das Orchester; so die Gebärde als' Ausdruck des Gefühls, das Zurückgreifen, auf frühere Gedanken und Gefühle durch Wiederverflechtung der Leitmotive, schließlich durch die Ouvertüre und derartige Stellen das Vorbereiten und bis zum Aeußersten gesteigerte Verlangen des Hörens und Schauens. So sind Musik und Dichtung durch­weg geeint, und mit beiden verbindet sich nun die Tanzkunst, in jenem alten Sinne der idealen Darstellung. Damit sind schon die Künste des Raumes gestreift: die Plastik. Die Musik gibt das Zeitliche der Bewegungen, ihre Intensität, den plastischen Stil. Wie die Plastik, so einen sich auch Architektur und Malerei Mit Musik und Dichtung, indem sie einen dem ganzen Kunstwerk würdigen, gleichgestimmten Rahmen schaffen. Mythos und Natur sind eins, also soll die Natur, in der sich vor unserm Auye der Mythos abspielt, auch dementsprechend sein. Wenig :st hierin erreicht; man lese die szenischen Anmerkungen und wird staunen, was hierin noch zu schaffen ist. Manche Annäherung an die idealen Gestalten des Mythos wird noch die Wahl der Kostüme geben, manche Stimmung durch bessere Licht- und Schattenverteilung gehoben werden. Erst wenn das alles erreicht ist, dann wird wirklich die Einheit, die der Meister erstrebte, er­langt sein. Freilich, um ganz in der Stimmung Wagner'scher Werke anfzugehen, darf den Hörer nicht der blendende Tand eines anderen Theaters, nicht der Anblick des Orchesters usw. stören. Fern vom Getriebe der Welt, wo sich alles zum Kunst­werk eint, soll er genießen, durch nichts in seinem Empfinden gestört, durch nichts von seiner Aufmerksamkeit abgelenkt, so wollte es Richard Wagner in Bayreuth. Und nun entwarf der Redner eine Schilderung dertragischen Bühne von Bayreuth" von so unendlicher Feinheit, daß sie einfach nicht wiederzugeben ist; von der Fanfare, die den Beginn verkündet, bis zum schweig­samen nach Hause Wege machte man mit allen Eindrücken und Erregungen eine Anfsiihrung, wie sie Wagner gewollt hat, mit, und wer etwa doch nicht ganz im Bann des Redners stand, der hatte nur die eine Empfindung: schade, daß es so ideal nie sein kann. G- v. M.

Heimatschutz insbesondere Schutz für Arnsburg.

Bald beginnt der Frühling! Wer wanderte da nicht gerne nach dem romantisch gelegenen Arnsburg! Aber man betritt es nicht ohne Wehmut, wenn man bedenkt, was es war und was es jetzt geworden ist. Die alte Klosterherrlichkeit, die pracht­vollen durch Vandalis'mus zerstörten Gebäude, kann man freilich nicht hervvrzaubern, aber, was geblieben ist, erhalten und ver­schönen, soweit es tunlich ist. Diese Zeilen sollen dazu dienen, die Blicke der Gebildeten auf die Schäden und Mängel zu lenken, an denen Arnsburg krankt und die jetzt noch zu besertigen wären, ehe es zu spät ist. Wir fahren mit der Bahn nach Station Lich, gehen über den Haardberg durchs Eottesackertal nach Arns­burg. Schon hier macht fich manches Tadelnswerte bemerkbar. Die beiden über den sogenannten Mühlgraben und die Wetter führenden steinernen Brücken mit blau a n g e st r i ch e u e m Geländer sind fürchterlich, warum stellt man nicht Naturbrücken her, die zu dem altehrwürdiger! Eichbaum und der ganzen stimm­ungsvollen Umgebung passen? Es ist unfaßlich! Wir gehen weiter, da ist gleich ein Stück alter Klostermauer durchgebrochen. Warum wird das nah dabei gelegene Gottesackertor nicht wie früher zum Eingang benutzt? Unser Weg führt nun an dem früheren Wagnerhaus vorüber, das noch vov Jähren bewohnt war, jetzt dem Einsturz nah ist. Damals ein nett, gemütlich Häuschen- jetzt ganz verwahrlost. Nun folgt im äußeren Kloster­hof dasParadies". Der einzig rwch erhaltene Teil der pracht­vollen Kirche, jetzt zum Betsaal eingerichtet. Durch eine e i g e t b

ängestrichene Türe tritt man ein und v Jammer dieser einheitlich wundervolle Raunr ist ganz venrnstaltet durch eine Empore, wo bleibt da Schönheitssinn und KNnstgefühl??

Betrübt wendet man sich ab und gebt an der Mauer, die den Bursenbau von der Chaussee trennt, hrnab, hier ist alles ver­wildert, einst kurz geschnittenes Strauchwerk hoch aufgeschossen, nichts gepflegt urrd erst beim Pfortenbau, der so majestätisch aussehen könnte und müßte. Bor jedem der beiden Seiten­flügel sind Hecken angepslan^t, in diesen befinden sich hohe igel­artig aussehende Gebilde, dre die Aussicht beeinträchtigen. Ein schön angelegter Rasenplatz mit einigen Rosen und leichter Stein- eiufassnng wäre dem Ganzen angemessen. Im Gewölbe des Tor- eingangs zeigen sich oben so gefährliche Risse, daß Schlimmes zu besorgen steht, wenn nicht bald Abhilfe geschieht.

Nun kommt links vom Toreingang das schreckliche Baiunstück von Zwetschen- oder Birnbäumen einer dicht neben dem andern, die wenig oder nichts eintragen Wunen, und einerseits die Aussicht den vom Abtsbau heraufkommenden nach dem Pforten­bau gänzlich verderben und den von oben Kommenden den Blick nach dem Paradies und Bursenbarl verdecken. Einzelne toöne Kastanien- oder Aepselbäume anstelle des unsimiigen Baumstückes' gepflanzt, die einen freien Blick ließen, würden den herrlichen K'losterhof rmd seine Gebände zur Geltung kommen lassen. Mehr Pflege, mehr Sorgfalt dem alten Kloster, das K so schwer geschädigt wurde! Nahe der früheren Mühle, c Treibwerk leider niedergelegt ist, stand einst der Witwen­sitz der Rittersrauen von Münzenberg mit Schmiede, prachtvoll gewölbt, derselbe wurde ohne vernünftigen Grund abgerissen, nur ein einziges Türmchen steht noch. Dem Vcmehmcn nach sollen an seine Stelle Treibhäuser gebaut werden. Sie sind heute, nach etlichen Jahrzehnten, noch nicht gebaut, aber ein herrlicher Bau liegt in Trümmern. Graf Otto sen. zu Solms-Laubach, äußerte einst: In Arnsburg mutz Alles was noch da ist, erhalten bleiben, es ist die Perle meiner Güter. Hoffentlich wird dafür Sorge getragen, daß das schöne Arnsburg mehr Pflege erhält und ein weiterer Verfall verhütet wird. H. Heyer.

Praktische Kuusterziehuug im englische» Volke.

Brüderliche Gesinnung.

Ich wählte die obige Ueberschrift für diesen Abschnitt, weil ich wünsche mit ihr der größten Lehre Ausdruck zu geben, die ich auf volks'erzieherischem Gebiete in England empfangen habe und die für die Kunsterziehung ganz besonders zntrisst, da wir ja hierlenseits der Parteien" an menschheitlicheir Kultur- dingen arbeiten wollen. Im Verstehenlernen und gegenseitiger Teilnahme ist der Anfang auch der ästhetischen Reform zn suchen. Wenn wir Lehrer sein wollen, so müssen wir zuerst Freunde wer­den. Dies ist schon beim Unterricht der Kinder so, wieviel mehr bei Erwachsenen, wo doch der Respekt vor einer äußerlichen Superiorität in Wegfall kommt. Mit Gönnerblicken wird man niemals in die Volksseele hineinsehen können, mit Gönnerworten wird man nicht überreden können. Was dem Erzieher not tut, das ist der Freiindesblick und das Freundeswvrt.

Arnold Toynbce war der erste, der in England erkannte, daß män unter den Arbeitern leben und sich ihnen im Rang gleich­stellen müsse, um sie erzieherisch zu beeinflussen. Im Jahre 1884 wurde die erste Niederlassung Universitäts-Graduierter im Osten Londons gegründet, nnd seitdem haben über ganz Großbritannien und die Bereinigten Staaten von Nordamerika die sogenannten social settlements (Niederlassungen von Männern und Frauen, welche eine gute Erziehung genossen haben unter ihren nrinder- begünstigtcn Brüdern) der Sozialpolitik dieser beiden Länder ein besonderes Gepräge aufgedrückt. Nachbarlichkeit und Verbrüderung der verschiedenen Gesellschaftsklassen im gewöhnlichen Leben, wenigstens in England, durch eine noch größere Kluft getrennt, als w ir sie in Deutschland kennen entwickel;: hier die Grundlage, auf der sich ein hohes Gebäude kulturellen Fortschrittes erhebt. Kerne der beider: Parteien ist die allein gebende oder empfangende, es handelt sich nicht um wohltätige Arrstalten im engerer: Sinne, sondern aus dem gegenseitigen Interesse schöpft eine jede der­selben neue Anregung. In dieser: settlements hat auch die Er­ziehung des Volkes zur KUnst ihr eigentliches Heim.

Gewiß, die Behörden tun dort wohl auch ihr Teil, aber zu den Klassen, welche der Anregungen am meisten bedürfen, ge­langen sie mit ihren pseudo-popirlären Museen, Ausstellungen und anderen Veraustaltimgen nicht. Hätten die Behörden wirklich Sim: und Interesse für die Km:sterzieh:i;:g, so würde sich dres zmmchst ir: den Bauplänen bemerkbar machen, in der Beseitigung des Plakatunwesens, in der Theaterreform und vielen: anderen.

Aber auch in Deutschland sind die Behörde:: mit sozmler Arbeit fast nie auf eigenen Antrieb vorgeganger:. M:t seltenen Ausnahm er: ist die gesamte, viel verzweigte soziale Prax:s unserer Staaten und Städte auf private Tätigkeit znrückzuführen, dre nachträglich von den Behörde:: sanktioniert und angenommen lmrrde. Es liegt auch nicht im Machtbereiche einer Behörde, so zarte Dinge wie das ästhetische Bedürfnis zu erkennen und mit genialem Scharfblicke die richtigen Mittel zu ihrer Befmed:yu::g zu finden. D:es hat schon Wilhelm v. Humboldt :n fernem Versuche die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen mit Nachdruck in Abrede gestellt, und doch gibt es sicher gerade