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von ihm verabschiedete, fühlte ich eine unwiderstehliche Neigung, ihn zu umarmen und zu küssen/
„Kein Wunder," dachte Marian West. „D, großer GottI Was soll ich tun? Laut fragte sie dann: „Sagtest du nicht, er habe Lord Wayne gefallen?"
„Ja, sehr gut. Du kannst dir denken, Marian, wie sehr er mir gefallen, wenn ich dir sage, mein größter Herzenswunsch ist es, meinen Raymond ihm ähnlich zu sehen. Ach, — da schellts zum Diner."
Und Lady Wayne, die Erregung ihrer Schwester ganz und gar nicht gewahrend, erhob sich und blieb einen Augenblick vor dem Spiegel stehen, indes sie ihre Handschuhe anzog und nach ihrem Fächer griff.
„Eve," sagte ihre Schwester matt, „ich glaube nicht, daß ich heute zum Diner hinuntergehe. Ich fühle mich nicht wohl; der Schmerz von eben quält mich immer noch."
Sie sehnte sich darnach, allein zu sein, um sich die schreckliche Wahrheit, diese fürchterliche Geschichte zu vergegenwärtigen; um sich im Geiste in den grellsten Farben die Tatsache auszumalen, daß ihre Schwester endlich dem Sohne, den sie tot wähnte, wieder begegnet sei; daß Mutter und Kind sich gesehen, ohne sich wiederzuerkennen.
Doch Lady Wayne schlang den Arm um ihre Schwester.
„Was, Marian?" sagte sie. „Mortimer wäre sehr enttäuscht. Hat er sich doch ebenso sehr wie ich nach dir gesehnt. Denk dir, ein Diner am ersten Tage deiner Wiederkehr, und du bist nicht dabei. Und wärs nur um das Vergnügen, dich anzusehen, kommen mußt du."
Und Marian, die zum ersten Male seit langen: wieder ihr Selbstbewußtsein und ihre Selbstbeherrschung verloren, fühlte, es sei ihr leichter, zu gehen, als zu widerstehen.
Aber das ganze Diner ging wie ein Traum an ihr vorüber. Sie sah Blumen, Lichter, Personen, alles wie durch einen Nebel. Lord Wayne versuchte mit ihr zu plaudern, vergebens; Evelyn war besser gelaunt wie seit langem; aber Marian West hatte ihren Mut, ihre Ruhe, ihre Sicherheit verloren.
Auch konnte sie sich später nicht mehr besinnen, wie der lange Abend eigentlich verflossen war. Sie hörte Lady Wayne fingen und fand sich dann plötzlich an der Seite des Lords wieder, der ihr seine Meinung über die demnächstigen Parlamentswahlen auseinandersetzte. Aber sie hörte rein Wort; ihr Gemüt war in Aufruhr; ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander, ihr schwindelte, nur mühsam vermochte sie sich soweit zu bemeistern, um nicht Aufsehen zu erregen.
„Bin ich nur erst einmal allein," war ihr einziger Gedanke, „so werde ich in allem schon klarer sehen."
Und doch schien es ihr Jahrhunderte zu dauern, bis fie. endlich allein war.
„Du siehst wirklich nicht gut aus, Marian," sagte Lord Wayne endlich. „Du sollst nicht länger mehr aufsitzen."
Dann fühlte sie, daß sie Evelyn küßte und den fast unwiderstehlichen Antrieb hatte, ihr um den Hals zu fallen und laut zu rufen:
„Es ist dein Sohn, Eve, — dein Sohn, den ich all diese Jahre her von dir ferngehalten, von dem ich dir erzählt, er sei tot — dein Sohn, Eve!"
Doch mit eiserner Willenskraft bezwang sie diese wahnsinnige Regung und begab sich scheinbar ruhig und gefaßt wie immer auf ihr Zimmer. Dort war alle mühsame Selbstbeherrschung vorüber. Sie verschloß die Tür, stellte die Lampe auf den Tisch und starrte mit großen, wilden Blicken in das Licht.
„O, HimmelI" stöhnte sie leise, „was soll ich tun — was kann ich tun? Wer hat sie zusammengeführt? Wenn ich das nur wüßte — ist es das Schicksal, der Zufall oder die Vorsehung?"
Sie rang die Hände und blickte verzweiflungsvsll empor.
„Warst du es, mein Gott?" rief sie angstgepreßt.
Zum ersten Male in ihrem Leben fühlte sie sich unsicher, ob das, was sie getan, das Rechte gewesen. Hatte sie denn irgend ein Recht, Mutter und Kind zu trennen, sie in der
Welt als sich fremd aufwachsen zu lassen, — aus eigener Machtvollkommenheit zwei Personen zu trennen, die sich gegenseitig alles in allem hätten sein sollen?
Zum ersten Male hatte sie ernstliche Zweifel darüber, ob nicht die stets von ihr als löblich betrachtete Handlung am Ende verbrecherisch gewesen. Welches Recht hatte sie, das kleine, unmündige Wesen aus den Armen seiner Mutter zu reißen und es in eine ganz andere Lebenssphäre zu verpflanzen?
„Ich tat es in bester Absicht," stöhnte sie. „O, mein Gott, ich bitte dich, gedenke, daß ich es in bester Absicht getan I Es geschah ihretwegen, ihrer Zukunft, ihres Glückes willen! Ich wäre für sie gestorben!" ---
(Fortsetzung folgt.)
Gemüse und Gesundheit.
Bon Dr. med. W. Kühn, Leipzig.
Ein großer Mängel für junge Leute und solche, drei feine eigene Häuslichkeit haben, sondern aus die Wirtshauskost angewiesen sind, besteht anerkanntermaßen darin, daß sie zu wenig Gemüse erhalten, wobei wir aber unter Gemüse in strengerem Sinne des Wortes Gewächse verstehen, die entweder ganz oder mit ihren Wurzeln, wie die Rüben und Möhren, oder in ihren Stengeln, wie der Kohlrabi und auch der Spargel, oder in den Blättern, wie dis Kohlarten, oder endlich in ihren Früchten und Samen/ wie die grünen Erbsen und Bohnen, zur menschlichen Nahrung Verwendung finden. Ich weiß wohl, daß in manchen Gegenden unseres Vaterlandes auch die Getreide» sorteu und die trockenen Hülsenfrüchte, sowie Kartoffeln in entsprechender Zubereitung zu dem Gemüse gerechnet werden, was aber, wenn wir die Zusammensetzung der letzteren mit der der ersteren vergleichen, falsch ist, da sich zwischen beiden große Unterschiede zeigen, namentlich in dem Gehalte an Salzen.
Es ist nicht nur das Verlangen, der täglichen Kost neue Reize zu verleihen, welches die Einführung der Gemüse in die Volksernährung veranlaßt hat, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß sie in Gemeinschaft mit Obst in erster Linie Berufen sind, die Kost der ärmeren Klassen vor einer ertötenden Einseitigkeit und Reizlosigkeit zu bewahren. Ferner spielen die Gemüse und Salate, die mit hierher gehören, wenn man sie auch für die menschliche Gesundheit nicht als ganz unentbehrlich ansehen kann/ doch in dieser Beziehung eine große Rolle. Das geht am besten aus h'em Umstande hervor, daß bei der aus sMelfleisch, Zwieback und ähnlichen Konserven bestehenden einseitigen Nahrung, wie sie früher auf Schiffen allgemein gebräuchlich war und auch jetzt noch auf Segelschiffen als Schiffskost dient, eine schwer« Krankheit auftrat, nämlich der Skorbut, bei dem die Fäule des Zahnfleisches ein besonderes Kennzeichen darstellte. Er ist durch nichts zu heilen als durch frisches Gemüse, und somit dürfen wip mit Rubner wohl annehmen, daß Gemüse und Obst eine durch einseitigen Genuß von Nahrungsmitteln entstehende Schädigung des Körpers „abgleichen" und somit eine wichtige Ernährun gs aufgabe erfüllen.
Ohne Zweifel finden nichr alle Pflanzen, die zum menschlichen Genüsse tauglich sind, auch wirklich Verwendung. Der Arzt kann tagtäglrch die Erfahrung machen, daß Patienten verschiedene Gemüsesorten, die er aus bestimmten Gründen empfiehlt, gar nicht kennen. Sicherlich sind die einheimischen Pflanzen längst nicht alle daraufhin geprüft/ um sie als genießbar zu schätzen. Einige müssen wir wohl in die Klasse der Genußmittel verweisen; so find Zwiebeln und Knoblauch bei uns, mit Ausnahme des berühmten Zwiebelgemüses in Sachsen, mehr Würzen, während der Italiener soviel davon ist, daß sie nährende Wirkungen entfalten. Wir sollten also die Juden wegen ihrer Vorliebe für Knoblauch nicht verspotten, ebenso wie auch Rettig, Radieschen, Meerrettig und Schnittlauch, die man ebenfalls gern mit zu den Würzmitteln rechnet, von vielen Leuten — man denke nur an Bayern! — zu Brot und Butter genoffen werden. Als Genußmittel to-fcreit diese und andere Gemüsearten deshalb, weil sie riechende und schmeckende Stoffe enthalten, die eine angenehme Abwechslung der übrigen Nähr unas lost dardieten, die Berdanungs- säste zu einer reichlichen Absonderung günstig beeinflussen. Darin besteht ebenfalls ein Unterschied zwischen Gemüsen


