618
aus ihrem Gemüte schwand, die Furcht zu Boden fänk, wie der Morgennebel vor dem warmen Strahl der Sonne.
„Und denke auch daran, Eve, dies soll das letzte Mal sein, daß die Sache zwischen uns erwähnt wird; und jetzt laß uns von etwas anderem sprechen. Ich hoffe, meine Liebe, wenn Raymond nach Cambridge geht, werde ich meinen Aufenthalt dort doch wohl nicht nehmen brauchen?"
Miß West lachte bei diesen Worten.
„Nein; das ist etwas anderes. Ich hätte Elfte nicht nach Paris schicken können, ohne das beruhigende Bewußtsein, Dich in ihrer Nähe zu wissen. Du bist mein Turm der Starke, Marian. Ich hatte die bestimmte Ueberzeugung, daß dem Kinde nichts Mißliches widerfahren könne, wenn Du in der Nähe seiest."
„Und wie hast Du Dich kürzlich amüsiert, Eve? Lord Wayne sagt mir, Du wärest sehr munter und lustig gewesen."
„Wir haben einen sehr angenehmen Besuch auf Down- Ham gemacht. Ich habe die Romseys so gern, Marian. Lady Romsey ist eine der liebenswürdigsten Frauen, die ich kenne, und ihr Sohn, Lord St. Gilbert, ist vollständig entzückend. Er erkundigte sich sehr liebenswürdig nach Dir."
„Er ist von Cambridge also wieder zurück", sagte Miß West gleichgültig.
„Ja; — ä propos — ich hatte in meinen Briefen vergessen, Dir von dem Unglücksfall zu berichten, der ihm zugestoßen. Seine Mutter wird ihn jetzt sicher nie wieder äus den Augen lassen, das steht fest. Er ist, wie Du weißt, alles eher, wie stark, und nun ging er aus, rudern, Mit zweien seiner Freunde, fiel in den Fluß, und wäre ertrunken ohne den Heldenmut eines der Kollegen, der ihn rettete. Er ist wirklich so eben davvngekommen — noch eine Minute länger im Wasser, und das Leben wäre entflohen gewesen, sagten die Aerzte."
„Es freut mich sehr, daß er gerettet worden; Lady Romsey würde andernfalls von diefem Schläge sich nie wieder erholt haben."
„Der junge Held, der ihn gerettet hat, ist jetzt auf Downham; sie wollen ihn überhaupt nicht wieder gehen lassen; er ist dort gerade wie ihr eigenes Kind."
„Sicherlich werden sie ihm äußerst dankbar sein", bemerkte Miß West zerstreut. „Heute wird aber spät gespeist, Eve."
„Mortimer und ich verliebten uns beide sofort in diesen jungen Studenten, Marian; es ist mein vollkommenes verkörpertes Ideal; ist alles, was ein junger Mann sein sollte — schön, denn sein Gesicht ist so hübsch und geistvoll; begabt, etn Dichter, ein Künstler, und von so bezauberndem Ungekünstelten Wesen —"
„Meine liebe Eve, Mortimer Mrd eifersüchtig werden", Unterbrach die Schwester lächelnd.
„Nein, nein, Mortimer gefällt er eben fo gut Me mir; er hat ihn gebeten, nach Kenninghall herüberzukommen. Er ist keine Zwanzig", fügte sie mit einem Lächeln bei, '„sodaß wohl sehr wenig Grund zur Eifersucht vorhanden sein dürste."
Miß West schien kein besonderes Interesse für den Günstling ihrer Schwester zu empfinden.
„Wie heißt Dein junger Held denn?" fragte sie zerstreut, nur um etwas zu sagen.
„Er hat einen sehr romantischen Namen, wenigstens Bornamen — Werner Jefferies. Marian, Märian, was gibt's?" rief sie dann plötzlich erschreckt, denn Miß West war in ihren Stuhl zurückgefallen, Todesblässe auf dem Gesicht.
„Liebste Schwester", schrie Lady Wayne, „um's Himmels- willen, was gibt's?"
„Nichts", erwiderte Marian und versuchte, sich mit größter Willenskraft wieder autzurichten und ihren Zügen den gewohnten gleichmütigen Ausdruck zu geben. „Sieh Nicht fo erschreckt drein, Eve; es war nur ein Schmerz, ein scharfer, stechender Schmerz, der zu Zeiten kommt und mir durchs Herz schießt."
„Du solltest einen Arzt Zu Rate ziehen", sagte Lady Wahne ängstlich.
„Es ist wirklich, nichts. Sieh, — jetzt ist es schon horüber."-
Lady Wayne legte ihren juwelenbesetzten Fächer Hin, Lengte sich über die Schwester und küßte sie zärtlich.
„Ach, die Farbe kommt in Deine Lippen zurück", sagte sie besorgt. ,,Marian, tote hast Du mich erschreckt!"
„Das tut mir leid, Liebling. Siehst Du, Eve, ich werde älter und kann nicht erwarten, eine so andauernde Gesundheit zu behalten, wie ich mich ihrer bis jetzt, Gott sei Dank, erfreut habe; es kann nicht rmmer so bleiben."
„Ich möchte Dir all meine Kraft geben", sagte Lady Wayne, sie liebevoll und besorgt ansehend.
„Ich weiß, das würdest Du, Liebling", erwiderte Ma- rran und drückte ihr die Hand. „Aber es interessiert mich sehr, was Du mir jetzt gerade erzähltest, Eve; ich habe den Namen nicht recht verstanden — wer, sagst Du, hat Lord St. Gilbert gerettet?"
19. Kapitel.
Die grünseidene Börse.
Lady Wayne lächelte.
„Du wirst ihn ebenso gern haben, wie Mr, wenn Du ihn siehst, Marian. Sein Name ist Werner Jefferies. Was mich als so merkwürdig frappierte, ist, daß ich den Namen Werner sicher schon früher gehört haben muß."
„Sehr wahrscheinlich", sagte Miß West. Nur sie selbst wüßte, welche Anstrengung es ihr kostete, ihre steifen blassen Lippen frei und deutlich reden zu lassen. „Ich selbst habe zwei Personen des Namens Werner gekannt, sodaß es also ein wohlbekannter Name sein muß. Ich denke, er gehört irgend einer sehr feinen Familie an."
„Q nein", widersprach Lady Wayne. „Ich muß Der noch sagen, weshalb Mortimer und ich ihn so gern leiden mögen. Die meisten Leute machen, wie Du weißt, das Beste aus sich selbst; versuchen sich als von besserer Herkunft hinzustellen, als es tatsächlich der Fall ist. Nun' ist er aber fo ganz anders: er erzählte uns ganz offen und frei, daß fein Water ein armer Arbeiter, ein Bahn-, Wärter gewesen, der verunglückt sei; seine Mutter sei eins biedere, gewöhnliche, hausbackene Frau; sein Heim ein sehr ärmliches. Bewunderst Du nicht den Mut des jungen Mannes, der eine derartige Geschichte vor Leuten erzählt,^ die die Welt aristokratisch nennt?"
Miß West antwortete nicht sogleich. Ihre Hände hatten sich krampfhaft zusammengeballt, und ein verzweig feltes Gebet um Kraft stieg ihr auf die Lippen.
Dann, sich bemühend, einen gleichgültigen Ton anzuschlagen, sagte sie: .....
„Aber wie kam Dein Held auf die Unwersttat, Eve?, Bahnwärter senden ihre Söhne selten nach Cambridge."
„Sein Water starb, als er noch eiri ganz kleines Kind wär, wenigstens habe ich ihn so verstanden, und seine Mutter lebt von einer kleinen Pension. Er gewann ein Stipendium! in Ferryhill bei Elton. Du hast von der Grammatikschule in Elton 'mal gehört, Märian?"
„Das ist ja ein ganzer Roman", erwiderte sre, aber ihre Lippen zitterten so heftig, daß sie sich kaum enthalten konnte, 'laut aufzufchreien.
„Ja", sagte Lady Wayne, erfreut darüber, däs Inter-! esse ihrer Schwester erregt zu haben; „ich habe mich sehr gut Lei ihm unterhalten. Er erzählte nnr auch, er hätte eine Fee zur Patin."
„Eine Fee zur Piatin?" wiederholte Märian West stam-- melnd. „Was meinte er damit?"
„Eine unbekannte Freundeshand sendet ihm' Geld und Geschenke, jedes Jahr. Er hat auch einen Talisman —■ eine grünseidene Börse."
„Eine grünseidene Börse?" wiederholte Miß West äber-- mals langsam; es schien ihr, als ob ihr Herzschlag jeden Augenblick aussetzen müsse.
„Jawohl", lachte Lady Wayne. „Wenn Du mich für abergläubisch hältst, Marian, so bin ich gespannt, wie Du ihn nennen Nullst. Er sagte mir, er habe so eine bestimmte Ueberzeugung, daß es ihm gelingen werde, Liesen unbei kannten freundlichen Spender vermittelst der grünseidenen Börse ausfindig zu machen."
Miß West würde noch blasser; ihre Lippen zitterten.
„Und Du", sagte sie — „Du hast ihn gesehen?"
„Natürlich doch, Märian. Wäs für eine Frage! Ich habe während des Abends in der Hauptsache mit ihm geplaudert."
’ „Kannte er Dich, das heißt, ich meine, hatte er Von Dir gehört?"
„Ich weiß nicht. Ich schien ihm sehr zu gefallen; und — Marian, ich sollte mich wirklich schämen, daß ich'S feige# aber dir kann ich's wohl sagen — weißt Du, als ich mich


