1906
M. 155
Samstag den 30. Hklober
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UAM
Im Wanne des Geheimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Lady Wayne lächelte gleichgültig.
„Es freut mich, daß du das glaubst, Marian. Ich möchte meine Schönheit auch noch nicht verlieren."
„Du wirst eines Tages doch wohl abdanlen müssen, Eve, und zwar zu gunslen Elsie's. Es wird ein sehr schönes Mädchen werden; — aber wie? Ich finde bei genauerer Betrachtung, daß du deine Farbe verloren hast. Bist du krank gewesen? Du siehst nicht ganz so strahlend oder so glücklich aus."
„Du hast mir gefehlt, Marian", sagte Lady Wayne und fächelte sich etivas schneller. „Was sollte ich ohne dich wohl anfangen? Ich habe dich so sehr vermißt."
„Und worum nur, Liebling?" fragte die ältere Schwester, sie besorgt anblickend.
„Weil ich so nervös und furchtsam geworden war —; einen ganzen Tag und eine Nacht dachte ich an nichts als an jene schreckliche Zeit in Abbotsville. Es schien mich förmlich zu verfolgen — ich konnte mein Gemüt, meine Ge- d'anken nicht davon abwenden; und dann, Marian, hatte ich noch einen so gräßlichen Traum — ich muß ihn dir erzählen — er hat mich fast wahnsinnig gemacht."
„Träume sind Schäume, Liebling", sagte Miß West.
„Aber dieser war so schrecklich, so gräßlich, Marian, ich muß ihn dir erzählen", und mit einem Gesicht, das immer blasser wurde, je weiter sie sprach, erzählte Lady Wayne ihren Traum.
„Weißt du, Marian", sagte sie, „es niachte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich jedesmal, wenn ich seither zum Himmel empor sah, in flammenden Buchstaben „Lady Wayne's Geheimnis" daran zu lesen glaubte".
„Meine liebe Eve, du bist nervös, das ist alles, und deine Nervosität zeigt sich nun in dieser Form. Es ist nicht zu verwundern, wenn du einen Tag und eine Nacht lang an nichts anderes gedacht hast. Ich riet dir stets, es zu vergessen, birg aus dem Kopf zu schlagen."
„Ich konnte es nicht, es überwältigte mich", versetzte sie. „O, Marian l liebe Marian, vergieb, wenn ich deine Geduld auf die Probe stelle. Glaubst du, mein — mein Geheimnis sei sicher?"
„Ja; ich weiß, daß es das ist; wenn cs das nicht wäre, so würde, so könnte ich dir nicht mit einem Lächeln ins Gesicht sehen. Ich bin ganz so besorgt um dich, wie du es selbst um dich nur sein kannst. Ich habe für dich gelebt,
Eve. Ich bin dir Mutter, Schwester und Freundin gewesen. Eine dich bedrohende Gefahr muß mich zuerst treffen."
Lady Wayne sah um vieles erleichterter aus.
„Und du glaubst wirklich, alles ist sicher, Marian — diese ganze dunkle Vergangenheit?"
„Sicher, wie im Grabe. Bedenk doch nur, ich habe keinen Schlüssel zu unserm ferneren Leben hinterlassen, als wir Bristol Tcrrace, Belgravia verließen. Niemand kann uns finden, denn cs würde keinem im Traume einfallen, dich auf Kenninghall zu suchen. MrS. Ford hielt dich für eine junge Frau, deren Mann im Auslande weile, und deren Verwandte mit der Heirat nicht ganz einverstanden gewesen. Sic kannte dich nur als Mrs. Folksivorth, und sie ist weit weg in Amerika, wahrscheinlich tot, jedenfalls ist es aber ganz unwahrscheinlich, daß sie je zurückkehrt. Und Dr. Rurke hat mir sein Stillschweigen eidlich zugesagt. Du sichst, Liebling, es kann tatsächlich nichts über die Vergangenheit bekannt werden."
„Ach, ich habe beinahe verzweifelt", versetzte sie. „O, Marian, können die Blätter im Walde, oder der Gesang der Bögcl cs verkünden, wie ich geträumt habe?"
Miß West lächelte. „Du erlaubst den Nerven den Vortritt vor der Klugheit", sagte sie. „Blätter plaudern nicht. Du mußt etivas gesunden Menschenverstand zu Hülfe rufen, Eve. Du kannst aber wirklich ruhig und zufrieden sein. Ich setze mein Leben zum Pfand dafür, daß dein Geheimnis sicher ist. Ich würde deine Heirat nicht zugegeben haben, wenn es sich nicht so verhalten hätte. Nun, Kopf hoch, Liebling — und sei wieder dein früheres, munteres Selbst. Lächle und sag mir, daß du dich solcher kindischen Furchtgcbilde schämst."
Lady Waynes schönes Gesicht klärte sich auf.
„Ich bin die letzten Jahre so sehr glücklich gewesen, Marian", sagte sie gedankenvoll; „Mortimer hat mich so lieb, und ich liebe ihn so sehr. Ich vergöttere meine Kinder; ich bin so glücklich, so geehrt, so geliebt in meinem Heim, daß es tausendmal jammerschade wäre, wenn diese schreckliche Vergangenheit jetzt ans Licht käme. O, Marian, cs wäre mein Tod ober cs würde mich zum Wahnsinn treiben."
„Du weißt doch, daß eS nie sein kann, Eve. Nun schlag dirs vollständig aus dem Kopf; denke überhaupt nicht wieder daran. Bedenke, ich habe dir mein Leben als Pfand für deine Sicherheit geboten, und ich habe dir gesagt, daß das, was du nervöse Furcht nennst, nichts weiter als angegriffene Gesundheit und nervöse Einbildung ist. Nun sei auch wieder glücklich, Eve!"
Lady Wayne hatte es gelernt, sich so rückhaltlos auf das Mort ihrer Schwester zu verlassen, daß der Zweifel


