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And Ireuve auf Krdet,!
Eine Werktagsgeschichte.
Von Karl Neurath. - -
Eirl schwerer Schlaf hatte mich auf mein Nachtlager gestreckt und sonnige Träume spielten mit meiner müden Seele, die tagsüber bunte Gedanken bestürmt und ermattet hatten. Ich schlief sanft und süß wie ein sorgenloses Kind und träumte von meinem trauten schönen Glück, das einsam in dem kleinen weißen Häuschen am See. wohnt,, wo die hohen dunkeln Kastanien sonnenfrohe Märchen raunen und die Liebe mit leuchtenden Augen umhergeht. Ich war glücklich in meinem Traume; so glücklich wie eine junge Mutter, die ihr erstes Kind zum erstenmale wollüstig an die weiche, schwellende Brust legt, es liebend zu nähren, auf daß es werde wie sie so schön und so stark.
Mutterglück — «ein, das ist mir versagt — nur Maienlust und Jugendglück jubelten in meinem Herzen, das sich nach dem Liebesmärchen am See sehnt.
Da plötzlich, als ob die Hölle einen schauerlichen Püan in meine Ohren kreische, klang das Rasseln der Weckuhr durch meinen Körper und scheuchte meine träumenden Sinne rauh und hart auf; das Bewußtsein, das wie eine Hyder an uns nagt, bis uns der Tod gütig erlöst hat, kehrte langsam wieder.
Mit rosigem Finger pochte die Morgenröte an die glänzenden Fensterscheiben meines Schlafgemaches und die ersten Strahlen der Sonne brannten einen flammenden Fleck auf die Wand. Liebeleuchtende Rosen trugen mir frohen Gruß von draußen herein, Ivo der Frühling lustlachend dahineilte.
Ich freute mich des Morgens und war glücklich, denn noch war ich jung und das lachende Leben wartete noch auf mich. Und es war Frühling und Freude auf Erden.
Ich erinnerte mich niemer Pflicht und kleidete mich an; und wie ich an das dachte, was da kommen mußte, erbebte ich bis ins Mark. Der Kragen würgte mich, meine Pulse sausten mit wahnsinniger Hast.
In den öden Straßen hallt mein Schritt klappernd wieder, und je näher ich meinem Ziele komme, desto mehr Menschen begegnen mir. Sie haben alle denselben Weg.
Mühsam bahnen wir uns durch die plaudernde Masse, die sich vor dem gewaltigen Gebäude gestaut hat, und treten in die dumpfe Halle. Gendarmen halten mit gezogenen Säbeln Wache wie die, die draußen vor dem Gebäude stehen. Wie bunte Wachspuppen stehen sie, regungslos, bleich, wie ohne Leben. Wie ein Spielzeug.
Aus der geruhigen Dämmerung des öden Hofes starrt das schwarze Gerüst in die Morgenluft und hebt sich scharf vom blassen Himmel ab. Oben, zwischen zwei schmalen Balken hängt das Fallbeil lüstern, als ob es sich des neuen Fraßes freue.
Langsam füllt sich der Hof mit schwarzen, ernsten Gestalten.
Der Uhrzeiger des Kirchturms, der schlank emporsticht, kriecht langsam dahin.
Manchmal ■— wenn sich die Stimme hebt, hört man den Gesang des Pfarrers, der pflichtig seine Messe liest.
Männer in langen schwarzen Amtsgewändern treten aus dem. massiven Gebäude, hinter dessen vergitterten Fenstern kahlgeschorene Menschen das Ende ihrer Entwertung erwarten oder ganz verwildern.
Die Richter setzen sich um einen schwarzverhüngten Tisch, aus dem ein schwarzes Kreuz steht, und flüstern miteinander.
Ein Glöcklein beginnt zu stöhnen und winselt langsam und schaurig.
Aus einer schmalen Pforte führen sie einen großen starken Mann. Sein Gesicht ist tränenbleich und seine blauen Augen gehen trostlos umher bis sie starr auf das glünzeude Beil geheftet bleiben. Seine Glieder zittern fast unmerklich. Hoch aufgerichtet steht er vor dem schwarzen Tische-.
Der Richter verliest mit klebenden Lippen das Urteil. Es ist das erste Todesurteil, das er vollstrecken muß, und daheim ringt sein junges Weib um ein Kind mit ihrem Leben.
Ein dünnes Stäbchen kracht splitternd — und zwischen dem Mörder und der „Menschheit" ist keine Gemeinschaft mehr. Alle Beziehungen, sind gebrochen wie das hölzerne Stäbchen.
Der Verurteilte steht regungslos und starrt auf das kalte, glänzende Beil; dann rafft er sich auf. und sieht uns alle der Reihe nach mit tiefen, wehmütigen Augen an, während seine schmalen Finger den langen Schnurrbart hastig in die Höhe ftreidjen.. Seine Mundwinkel klemmen sich zusammen, seine Nasenflügel zittern, seine Arme spannen sich, seine Nägel bohren in dre Handflächen.
O Gott, mein Weib und meine armen, armen Kinder! schreit er plötzlich und bricht in die Knie.
Sechs Hände fassen ihn, zerren ihn zu dem Gerüst hinauf. Gellend schreit. er auf in wahnsinniger Todesangst, nnd hatte nicht gezittert, als ihur im Kugelregen bei St. Privat das Blei die Brust zerfetzt hatte.
, —■ — noch einmal atmet er tief, tief auf---noch
einmal saugen seine Augen das glänzende Morgenlicht — Riemen knirschen — das Brett jault — ein lauter Schlag — ein gräßp- licher, gräßlicher Schrei — ein Wink — die Henkersknechte springen zuruck,— das Beil rasselt in den Eisen —.
Ein dumpfes Zittern schüttelt die gesesselte Leiche. — Leise
hört man das Blut verströmen; es ist als ob es weine und unt Rache schreie.
Das entsetzliche Gewimmer der.Totenglocke verstummt.
Der Nachrichter erstattet den Geschworenen seine Meldung.
Ein fürchterlicher Ernst hat sich in unsere Gesichter gegraben und in totem Schweigen verlassen wir den Hof.
Nur der Henker ist noch an schauerlicher Arbeit.
Der Mord ist nun einmal sein Geschäft.
Langsam gebe ich nach d em kleine« weißen Häuschen ant See, wo mein Glück in traulicher Einsamkeit wohnt und bleiche Gedanken furchen meine heiße Stirne.
Fröhlich strahlt die srühlingsvolle Welt in goldigem Glanze. Von allen Seiten gehen Menschen an ihre Arbeit.
Das Leben schreitet vorwärts; unaufhaltsam, rastlos vorwärts; über Leichen und über Moder vorwärts.
Hinauf zum Licht?
Rechte hat nur das Leben, das lachende, volle Leben!
Und hier war ein Leben geschlachtet worden um einer Idee! willen.
So hatten sie einst auch jenen Jesus von Nazareth hingerichtet, den sie des Hochverrats beschuldigt hvtten.
Sie hatten ihn auch um einer Idee willen hingerichtet. Aber ihre Idee war schwach und zerbröckelte und der Segen des Gekreuzigten wandelte sich in Fluch und trieb sie hinaus in die Welt. Sie verhöhnten den Geist des Helden von Nazareth.
Später viel später, machten sie ihn zu ihrem Götte und beteten zu ihm. — Das nennen sie Christentum und haben nichts gemein mit als das Aeußere.
In seinem Namen war heute das Beil gesaust, denn er ist ja der Gott der Liebe und des Friedens auf Erden.
Meine Gedanken klettern immer weiter.
Blendend leuchtet die wohlige FrüMngssonne vom blanken,- goldblauen Himmel uud gleißt über das glühende Leben des Frühlings, das tausendfältig keimt und blüht. Frühling--
weiter und weiter bis zur Reife. — Dann kommt der Tod!
Der Gerichtete war aber noch nicht reif gewesen. Sein Weih und seine Kinder wimmerten unter Not «nd Verzweiflung.
Und es war niemand der ihnen beistand in ihrer Kümmernis. Mit dem Frühling kam ihnen auch der Tod.
Der Frühling und der Tod aber sind Freunde von alters und zwischen ihnen lacht und leidet das Leben trotz aller Liebe und Freude auf Erden.
VermSschSss,
— Frau Lily Braun — und König Järömtz von Westfalen. In einem Frankfurter Blatte wurde kürzlich darauf hingewiesen, daß die bekannte sozial-, demokratische Schriftstellerin, Frau Lily Braun, sich in einem biographischen Lexikon selbst als eine Urenkeliw des Königs Joröme von Westfalen bezeichnet habe, Tas ist zutreffend, und es dürfte nicht uninteressant sein, die Angaben der Frau Braun in dem -fraglichen Werke etwas genauer anzusehen und. zu prüfen. An sich berührt' es ja als ein Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, wenn die begeisterte Anhängerin der radikalsten deutschen Partei in ihrer selbstverfaßten Lebensbeschreibung an-, scheinend Staat damit machen möchte, daß sich Baroninnen, Gräfinnen, Generale, Minister und sogar ein König, wenn auch nur der Operettenkömg „Morgen wieder lustick" unter! ihren Vorfahren befinden. Frau Braun ist eine Tochter des verstorbenen Generals der Infanterie z. D. v. Kretsche- man, aus dessen Ehe mit Jenny von Gustedt, —i hier begeht die Parteigenossin des Herrn Bebel den ersten genealogischen Irrtum, indem sie fälschlich: „Baronin" von Gustedt schreibt. Als Großeltern von mütterlicher Seite der Fran Braun ergeben sich nun: Werner von Gustedt, Landrat des Kreises Halberstadt, und dessen Gattin Jenny, die von ihrer Enkelin — zweiter Irrtum — eine „geb. Gräfin Pappenheim" mit dem Zusatze: „mit Goethe und seiner Familie befreundet" genannt wird. IN Wirkq lichkeit hieß die Großmutter Frau Jenny von Gustedt, geb'. Rabe von Pappenheim. Jetzt sind wir auf der Brücke, die uns zu der westf. Majestät hinüber hilft. Wilhelm Rabe von Pappenheim, sachsen-weimarischer Major a. D., trat in den Hofdienst des Königs Jeröme uud rückte zu seinem! ersten Kammerherrn und Oberzeremonienmeister auf. Es wird behauptet, daß er diese Ehreu der Schönheit seiner! Frau verdankte, die eine Elsässerin, eine Freiin Diana! Waldner von Freund st ein war. Sie hatte ihm schon in Weimar einen Sohn geschenkt, bescherte ihm einen zweiten nach der Uebersiedelung nach Kassel, und drei Jahre später, 1811, eine Tochter Jenny, Jerome, die spätere Frau von Gustedt. Aus der Tatsache, daß der Oberzeremonienmeister' bald darauf den westfälischen Grasenstand erhielt, zieht nun wohl Frau B. den seltsamen Schluß, daß Jdröme sich!


