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„Ich weiß eS nicht, ober hoffentlich reicht e3 nuS, um dich schadlos zu halten — bn sollst alles haben."
Ihre Augen funkelten gierig, ’
„Und bald?"
„Sofort nach unserer Ankunft in Bernstadt."
Sie fand es nun nicht mehr nötig, ihn von seiner Absicht, - so rasch wie möglich heimzukehren, zurückzubriugen. Und schon am nächsten Tage waren alle, die das Gastspiel von Della Brandt nach Berlin geführt hatte, nach den verschiedensten Richtungen abgereis
Der Künstlerin und ihrem Vater gab Doktor Hübner das Geleit in die Heimat. Er fand ihre Nerven noch nicht so beruhigt, um sie mit bem alten Herrn allein reifen zu lassen.
Unter grünem Lampenschirm hervor qiwll ein sanftes Licht auf den Arbeitstisch Doktor Hans Hübners.
Er saß aber nicht davor, um wie gewöhnlich seinen wissenschaftlichen Forschungen und Studien seine Aufmerksamkeit zu schenken, sondern um einen Brief zu lesen, der ihm viel Freude zu bereiten schien. Ein helles Lächeln diirch- sonute sein ernstes, männliches Antlitz und die Gedanken, die seinen Geist beschäftigten, waren offenbar sehr angenehmer Llrt. Nach einer kleinen, nachdenklichen Pause nahm er das Schreiben wieder zur Hand und las:
„Bernstadt, im Dezember.
„Mein lieber Freund I
, Ich weiß wirklich nicht, ob die alte Jugendfreundin oder die neue Patientin an Dich schreibt. In mir ist jetzt beides vereint. Die eine, mit der treuen, anhänglichen Erinnerung mt die schönste Zeit ihres Lebens, eine Erinnerung, die hier in vollster Stärke und innigster Empfindung mich ergreift, dre andere in dem herzlichen Vertrauen, daß sie Dir die seelische und körperliche Genesung zu danken hat. Ich fühle es in frischer Kraft und frischem Lebensmut durch meine Seele gleiten, und ich weiß, daß damit zugleich auch mein Körper feine Elastizität wiedergewinnen wird.
Eines war die Folge des anderen, und unter den schreckhaften, angstvollen Eindrücken, die damals auf mich einstürmten, wäre wohl auch eine Stärkere zusammengebrochen als ich. Du ober worst es, der mich stützte, ermutigte und iwr ollen Dingen mich der dumpfen, ober sage ich, sumpfigen Atmosphäre entriß, in ber ich, ohne es selbst zu wissen, seit Jahren lebte. Dieser krankhaften, überreizten, mit tauseub- fcUtigen Strömungen burchsetzten Atmosphäre, bie meiner innersten Natur fremb, mich wie mit einem ekstatischen Rausch erfüllte. Ich wäre bieser Narkose erlegen, wenn nicht Hilfe gcfommen wäre zu rechter Zeit, so tief war sie unb so lange währte sie.
Du haft mir zwar verboten, bavon zu sprechen unb bnron zu benken, mein lieber Hans, um mich vor den Aufregungen der Rückerinnerung zu schützen. Aber das geht doch nicht ganz so, wie Du es wünschest und verlangst. Man kann seinen Gedanken nicht immer gebieten und den Flug, den sie nehmen, sowie die Richtung kann man nicht willkürlich bestimmen. Wenigstens nicht immer. Du kannst mir glauben, daß ich sehr folgsam bin unb in meiner Lebens- weife genau ben Anorbnungen Nachkomme, bie Du ge- gebcn, als Du mich hergebracht — matt unb mübe unb gebrochen — verzweifeln!) am Leben, an meiner Kunst unb an mit selbst!
lu*e mt*rt 6uteS Mütterchen unb mein Vater barauf bebocqt sinb, baß alles geschieht, was Du angeorbnet hast, c-aw2 erst zu sagen. Ader gerobe baS ist es.
>)ch bin in ber Zeit meines Hierseins genesen, ober ich fühle mut) auf bem besten Wege bozn. So viel Liebe unb Sorg»
11 *3anri die wunbervolle Ruhe, die mich umgibt, müssen das Wunder bewirken. Diese himmlische Stille, dieses friedvolle Ausruhen nach der Hetzjagd meines Lebens müßten ein Nch schon wie ein Heilmittel auf meine zerrütteten Nerven
. Mit ber Wachstuben Kraft wächst aber auch ber .USiKe, sich zu betätigen, unb bas führt meine Gebauten naturgemäß zu bem zurück, was war, und erweckt in meinem Geiste die bange, zaghafte Frage, was fein wirb?
Nun sitze ich hier eingeschneit in bem lieben, guten Stäbtchen. Warm, gcf- ">cn, behaglich. Nichts bringt au mein Ohr vom Lärm Außenwelt, nichts umgibt mich als ber innige Friede dieses schlichten Herdes, au dem Liebe unb Güte in Wahrheit bas heilige Feuer hüten. Nach Deinem Wiinsche habe ich einstweilen alle Verbinbung mit ber Welt, ber ich angehörte, abgebrochen. Kein Brief, keine Zeitung, kein Besuch gelangt zu mir — aber ben Gebauten kann ich ben Eingang nicht wehren — jetzt nicht mehr. Der wieber- erwachende Lebensbrong öffnet mit bem Ausblick in bie Zukunft auch ben Erinnerungen ber Vergangenheit Tür unb Tor. Ich holte mich als eine artige Patientin, bie ihrem Arzte nichts verschweigen soll, verpflichtet, Dir dos mitzuteilen. In ben vielen, vielen Stunben, bie ich einsam verbringe, kommen bie alten Geschichten unb wollen mir Gesellschaft leisten. Menschen unb Ereignisse. Ich weise sie zurück, aber sie sinb aufbringlich unb pochen immer wieber an, unb weil ich Furcht habe, mit ihnen allein zu fein, wollte ich Dich fragen, ob Du nichts bagegen hättest, wenn ich sie zu Dir brächte?
Sieh einmal, Hans, das Schicksal hat es so gefügt, daß Du in der schwersten Stunde meines Lebens an meine Seite tratest. Es machte Dich zu meinem unfreiwilligen Vertrauten, willst Du jetzt freiwillig Dich dazu machen? Damals fragtest Du nicht viel und sagtest nicht viel, ich denke auch, die Situation sprach deutlich genug für sich selbst. Auch war idj wohl so schwach und erschüttert, baß ich nichts zu sogen vermocht hätte — heute kann ich es! Unb baß ich es kann, reinen Herzens, befreiten, entlasteten Gemütes, bas ist Dein Werk!.
Daß Du an jenem fürchterlichen Nachmittage nichts in mir auswühltest, nicht durch Fragen, nicht durch Zuspruch — daß Du mich durch Deine Anwesenheit, Deine feste, bestimmte Zuversichtlichkeit mich beruhigtest — mich aufrichtetest und die Schrecken, das Entsetzen jener Stunde banntest, war das erste Linderungsmittel für meine kranke, tobcgwun.be Seele. Und wie Du mich dann hierher brachtest und für meine Behandlung alles fandest, was mir Wohltat, war ebenso das Werk des klugen, umsichtigen Arztes wie des Jugendfreundes, der nichts vergessen hatte von dem, was mir einst teuer und lieb war, was mir Freude und Befriedigung gewähren mußte. Das alles umgab mich, verscheuchte das Traurige, das mich gequält hatte, und ich genas.
Vater und Mutter würden nicht verstehen, was in bem Leben ihres Kinbes war. Nicht bas Hohe und Niedrige, nicht bas Gute und Böse, was sich in bie Jahre meines Fernseins brnngte. Dem Himmel sei Dank! Ich möchte biese köstliche Schlichtheit, biese liebe, reine Herzenseinfalt auch nicht trüben, indem ich ihnen einen Einblick gewährte in die wunderliche Welt, in der ich lebte. Ganz allein über sie hinauszuwachsen aber fühle ich mich nicht stark genug, und so komme ich zu Dir!
Willst Du mit erlauben, für Dich aufzuschreiben, was ich erlebt auf meiner Wanderschaft, in mir und neben mir?
Ich denke, es wird ben Arzt interessieren, ber ja auch als ein Seelenarzt sich bewährte, unb ben Freunb.
3>n losen Blättern, jeben Tag nur ein Stündchen, werde icl) es aufzeichnen und ich denke, das wird mich zerstreuen, wird mir manche Anregung geben und endlich'wird es sich ganz und gar loslösen aus meinem Innern. So lange es unausgesprochen dort ruht, ist es wie eine Last, bie ich mit mir herumschleppe — willst Du mir gestatten, mich bavon zu befreien, willst Du mir sie tragen helfen? Deine lieben Söorte beim Abschied haben wohl darauf hingedeutet.
Schon ber Entschluß macht mich mutig unb froh! Ich befinbe mich wirklich viel besser, lieber Hans, als Du vielleicht glaubst, unb bitte, sage: Ja! Erlaube, baß ich mich beschäftige, bie unruhig wandernden Gedanken festhalte und ihnen ei» bestimmtes Ziel gebe.
, . Mit vielen guten Grüßen Deine im wohligsten Winterfrieden sich wärmende Della.*
(Fortsetzung folgt.)


