Ausgabe 
20.7.1906
 
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weisende Tatsache wurde bei den Verhandlungen entdeckt 20 Zeugen defilierten vor dem Gerichtshof und sprachen von allem andern als von dem furchtbaren Verbrechen Und Herr Tlemann, wie wir, erwartete Aufklärung die ausblieb. Doch ich täusche mich. Das Verfahren ergab, daß ain 30. Dezember 1903 zwei Individuen aus der Macchia hervorbrachen, verjagt von einem Hunde, der vor­beikam fiiif der nunmehr berühmten Salariostraße, in deren Nähe ein Mann lag, von Blut überströmt, das Haupt durch­löcherte Wer waren diese Individuen? Die Polizei suchte sie nicht! Aber es bedurfte eines zweiten Opfers; Herr- Meyer schlief den letzten Schlaf auf dem Kirchhofe von Ajaccio und Herr Tiemann Ivar im Kerker begraben fünf Monate lang, wie in einem Grabe. Welche gesunde Re­klame für Korsika da unten in Deutschland! 250 Briefe und eine Note des Botschafters dem Gerichtshöfe zugesandt, die sämtlich die vollständige Rechtlichkeit des Angeklagten bezeugten, konnten die Behörden nicht überzeugen, vom 7. Januar bis 12. Juni hatte Herr Tiemann die Vision des Fallbeiles der Guillotine, die unsere barbarischen Ein­richtungen trotz der reißend fortschreitenden Ausbreitung der Ansichten von Moral und Fortschritt ertragen. Ha! Ich verstehe den Schauder und Ekel, der den Saal bewegt, bei der Erzählung der Qualen, die der stoische Ausländer er­trug. Ich verstehe die Empörung der Herren Decori, Cam- piglia, Roux, die sich dadurch ehrten, daß sie ganz laut gegen die blinde Entfesselung heimlicher Leidenschaften protestierten. Das Urteil vom Samstag hat unser Gewissen beruhigt, Herr Tiemann ist mit Beifall begrüßt worden, wie Märtyrer begriißt werden müssen, Opfer unserer so­zialen Ungerechtigkeit. Er verläßt unter dem Donner end­loser Beisallsbezeugnngeu am Tage der Genugtuung die Anklagebank mit einer Stirn, die nicht zu erröten braucht. Ich komme auf diese traurige Sache zurück; sie verdient, daß mau sie bespricht und Erläuterung dafür fordert. Für jetzt begnüge ich mich, die öffentliche Bewunderung und Sympathie Herrn Tiemann auszudrückeu, der stolz nicht weinte und zu hoffen verstand.

Man muß die Mörder des Professors Meyer suchen! Gerechtigkeit! Rene Sangy."

Edle Worte, schöne Reden, große Gelübde! und Herr Bojanowsky, der durch den Gymnasiasten Mannei lüg­nerisch der versuchten Zeugenaussageubeeinflussung verdäch­tigt worden war, schreibt mir am 14. August 1904:

Neues ist iu der Angelegenheit nicht erfolgt", und am 4. April 1905:Daß sonst noch etwas in Ihrer An­gelegenheit geschehen wäre, ist nicht zu meiner Kenntnis gelangt, auch kaum anzunehmrn."

Als ich mir am 13. Jüni auf dem Bastianer Postamt Briefmarken kaufte, stürmte das ganze Bureau an den Schalter, um mich zu scheu. Ich hätte den Beamten am liebsten versichert, daß man mich ebenso gut hätte anklagen können, nach der Kaiserkrone Frankreichs getrachtet zu haben, als nach dem Ruhme eines korsischen Banditen.

Ich komme zum Schluß.

Meine korsische Raubmörderschaft begann sieben Tage nach der Ermordung des Direktors M. und endete am 12. Juni 1904 mit meiner einstimmigen Freisprechung. Wenn ich ein echter korsischer Raubmörder gewesen wäre, hätte mir die Ehrenpflicht abgelegen, den Oberstaatsanwalt von Bastia, den Staatsanwalt von Ajaccio und ihre Verbün­deten, die drei falschen Zeugen, die beiden Faggianellis und den Gymuasiastcu Maunei, uiederzuschießen.

Zn diesem Zweck hätte ich aber erst den nie besessenen Revolver kaufen und schießen lernen müssen.

Ich zog es daher vor, mir eine Fahrkarte zurück nach Magdeburg zu kaufen und meine Sache in die Hände des Auswärtigen Amtes iu Berlin zu legen. Leider ohne allen Erfolg, und ich warte noch heute selbst auf die Deckung des mir zngefügteu großen pekuniären Schadens.

Milder vom 15 deutschen Wundesschießen.

Von P a u l S ch >v e d e r. , München, im Juli.

, Ganz München und mit ihm die in seinen Mauern ver- W'suelte deutsche Schützenschast, steht noch unter dem tiefen Eindruck des Festzuges und der politisch hochbedeutiamcn Rede oes Thronfolgers Prinzen Ludwig beim Schützensestmahl,ant der EKstensestwiese, deren Mahnung an die östreichrschen Schutzen. mk'bt vor allem gut östreichisch! als eine deutliche Absage an die alldeutschen Bestrebungen iu Wien und Deutsch-BöWcn auf- aifaßt wurde. .Der Hinweis ans das Beispiel der m der viel­

sprachigen Eidgenossenschaft deutsch gebliebenen Schweizer erregte lebhaften Beifall, ebenso der Wunsch des Redners, daß auch dre Reichsdeutschen untereinander einig sein möchten. An den Tischen der Oestreicher herrschte während der Rede des Prinzen Ludwig tiefes schweigen, auch die ungarischen, kroatischen, sla- vonlschen mild tschechischen Gaste enthielten sich jeder Meinungs- äußerung. Dor Hinweis des Prinzen aus die nicht ganz gleich gelegenen Verkehrs,ntercssen der verschiedenen deutschen Bundes­staaten und seine Forderung, in dieser Beziehung den einen Staat nicht zu Gunsten des anderen zu schädigens erregte bei den Bayern stürmische Zustimmung, die darin eine erneute Kund- gebung des Prinzen zugunsten des Aiusbaues der süddeutschen Wasserstraßen und der Abgabcnfteiheit erblickten.

Nach Beendigung des Festmahles begann in der Schichhalle bus K o n k n r r e n z s ch i e ß e n, dessen Beginn Prinzregcnt Luit- pold, Prinz Ludwig und der ganze Kgl. Hofstaat beiuwhnte. Das schießen glich einem ununterbrocheneli Salvcnfeucr; da auf zirka 401) Standen zu gleicher Zeit geschossen nmrde. Bald hörte man auch bei den Zielern draußen die Böller knallen, ein Zeichen', daß cm Kernschuß gefallen war. In der Halle herrschte ein wrchtcrliches Gedränge, und dieKonkurrenzler" schossen mit fieberhafter Eile, um möglichst schnell die auf Stand und Feld geforderten Ringe zusammcnzubringen und damit einen der für wde «cheibe gestifteten Kvnkurrenzbeck>er für sich zu tanden. Kaum 20 Minuten hielt das Schnellfeuer an, da hatten auch schon die heiß umstrittenen Becher ihren Mann geftlnden. München, Wien und Frankfurt a. M. schnitten nm besten ab.

Während brinncit die Büchsen knallten, entwickelte sich draußen aufder Wies'u" ein malerisches Volkstreiben. Die Wettev- propheten, welche für den Festsonntag strömenden Regen nngekün- digt hatten, wurden gründlich ad absurdum geführt. Der Himmel hatte in den Laudessarben geflaggt und so war neben den Schützen aus aller Herren Länder auch ganz München draußen. Mehr als 100 000 Besucher wurden gezählt und ca. 5000 Schützcn- bücher ausgegeben, sodaß das Münchener Bnndesschießen die weitaus größte Beteiligung aufzuweisen hat. Die Abstinenzler, Temperenzler und sonstigenMkohokantiier" mögen ihr Haupt verhüllen. Was iu diesen Tagen in München getrunken wird, bringt den, Reiche allein an Steuern ein neues Kriegsschiff ein, das man folgerichtig mit Münchener Bier taufen sollte. Man höre dieBierstatistik" des gestrigen Sonntags: Im Hof- bränhans 200 Hektoliter, in der Festhalle allein 150 Hektoliter Spaten", iu der Mathäserbrauerei 270 Hektoliter. In dir alten Liest" ans dem Schützenplatz wurden 170 Hektoliter Bier verschänkt und 14 000 Schweinswürsteln, 4000 Paar Wiener und 5000 Regensburger konsumiert. Im Bürgerbräu gelangten 100 Hektoliter zum Ausschank, 3000 Mark wurden in der Küche ver- cinnahmt. Den größten Konsum weist das Löwenbräu auf: 225 Hektoliter Bier, 15 000 Schweinswürstel, 10 000 Paar Wiener, 8 ZentnerRipperl" und 35 Schinken imirdcn aufgeschnitten, 150 Gänse nnd 250 Hühner verzehrt. Beim Festmahl wurden 16 000 Mark in Wein un,gefetzt. Dazu kommt natürlich der Konsum bei den zahllosen kleineren Vergnügungsstätten des Festplatzes und ber in der Stadt München hinzu. Dassolide" München ist darüber mit Recht entrüstet, denn cs fürchtet, daß diese Vachanalien am Schlüsse des Jahres der Münchener Bier­statistik eingerechnet werden und München dann ivieber an her Spitze ber irinkstohen Städte marschiert.

Einzigartig war der Verkehr des Hofes mit den Schützen. Da war nichts von polizeilichen Absperrungen zu merken, weder beim Festznge noch auf der Festwiese. Dagegen standen überall Feuerwehrleute und Sauitätsbeamte zu etwaigen Hilfeleistungen bereit. Der.85 jährige Prinzregent bewegte sich mit einer tln- gezwungenheit unter den Menschenmassen, die den norddeutschen Besuchern des Festes allgemein aufsiel. Er sprach mit Jedem gleich liebenswürdig nnd fteundlich, ob er nun Osfizier oder Maler, Kommerzienrat, Schauspieler oder gar Journalist war. Den mitwirkenden Damen im Festzuge spendete er reizende kleine Geschenke und den ihm gereichten Ehrenpokal leerte er fast bis zur Neige. Als in die Hoch- und Heilrufc auch ein gilt« berlinischesHurra!" sich mischte, nnd die Festversammlnng fröhlich lachte, stimmte er herzhaft in die allgemeine Heiterkeit ein. Jeder militärische, höfische und sonstiger Prunk bei den Ausfahrten nsw. war vermieden worden. Nur die in ihrer lxisto-- rischen Tracht erschienenen Wackersberger Schützen, unter ihnen der stämmige Dr. Ludwig Thoma, derPeter Schlcmihl" des Simplizissimus, in kurzen Ledcrhoseu, nackten Knieen und Wadel- strümpfen, machten am Eingang zur Festhalte mit ihren un­glaublich schwerfälligen historischen Donnerbüchsen die Honneurs, wobei auf einer mehrere hundert Jahre alten unförmigen Riesen- trommcl das Spiel gerührt wurde. Das Ivar mit eine der wundervollsten Szenen des ganzen Festes. Ucbcrhaupt hatte Münchener Künstlersinn wieder einmal das Richtige für ein solches Fest getroffen. Der Wagen Fritz Erkers im Festznge war eine lebendig gewordene Zeichnung des talentierten Künst­lers ans derJugend". Er hatte das nur in München Mögliche ocwagt und seine 'Knaben- und Männergestalten säst nackt aus Wagen und Pferde gesetzt. Die Enakssöhne des bayerischen Hoch­gebirges mit ihrer bronzenen Haut gaben prächtige Fahnen­träger für den Wagen der Glücksgöttin ab, die eine reizende Münchener Ballctcusc in ebenfalls sehr offenherzigem Kostüm