Ausgabe 
20.6.1906
 
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einer

einen

heraus sein.

Unterdes gab es mannigfache Beschäftigungen und Be­sorgungen, welche die Aussteuer und die Einrichtung

2.

Eines ivenigstens blieb ihr erspart. Sie brauchte nicht stündlich das Liebesglück der jungen Schivesier vor Augen zu haben, sie konnte sich ungestört in ihre» Schmerz ein­spinnen, ohne daß noch die Außenwelt in der offenen Wunde verdoppelte Qual anfrührte. Suse galt bereits völlig als Brockhaus Tochter, sie hatte sogar ganz feierlich tränenreichen Abschied von Ruth und dem nltcn Heim genommen, als sie sich ihre sämtlichen Sachen zusammengekramt nnd mitge- nommen halte.

Die Schäfern hatte heulend dabei Hilfe geleistet. Der allmorgcndliche Schwaß mit dem lustigen Fräulein Suse hatte ihr schrecklich gefehlt nun war das für alle Zeiten vorbei. Suse war sehr gerührt über diese Anhänglichkeit. Sie schenkte ihr großmütig einige abgelegte Kleidungsstücke und lud sie ein, zu ihrer"Hochzeit Brautschaucn zu kommen. Auch Hoch­zeitskuchen versprach sie.

Sie lebte bereits nur in dem Gedanken an die Hochzeit, die im Mai, da auch Major von Bcockhaus wieder in der Heimat angelangt sein würbe, erfolgen sollte. Bis dahin mußte auch Trautcndorfs Beförderung zum Hauptmann

verlieren.

Kam Trautcndorf gegen Abend, so mußte er seinen Schatz erst aus ganze» Wolke» weißer Leinwand hercuissuchen, die sie vorher geschickt um sich her drapierte. Dann durfte sie Feierstunde halten und 0111 Halse des Geliebten wonnige Zukunftspläne spinnen. Sie zählten die Tage bis zu ihrer Hochzeit. Suse hatte neben bei» Sofa, auf dem sie stets saßen, ein kleines Täfelchen aufgehängt, das in Strichen die Tage bis zum 16. Mai bezeichnete und jeden Abend strich sie selig lächelnd einen hinweg.

Trautendorf nahm sie dann ebenso regelmäßig in die Arme und küßte sie so lange, bis sie ganz außer Atem war nnd schmollend aufMuttchens" Gegenwart verwies.

Schämst Du Dich denn garnicht, Du abscheulicher Mensch?"

Aber in dieser Beziehung war er doch ein hartgesottener Sünder er schämte sich nicht.

Und Meta verzieh gern den ungestümen Gefühlausbruch, denn sie war in ihr Töchterchen fast ebenso verliebt wie Trautendorf. Suse gewann sich eben alle Herzen. Jetzt in ihrem Glückscausch, ihrer kindlich demütigen Dankbarkeit gegen die Verwandten war ihr vollends nicht zu widerstehen.

Alle guten Eigenschaften, die verbitterter Troß gegen ihr hartes Schicksal früher unterdrückt hatte, sproßten jetzt in ihr auf wie köstlich duftende Blüten.

Sie umgab Meta mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten, sie, die früher stets andere hatte für sich sorgen lassen, die gestöhnt hatte, wenn sie sich allein ein Glas Wasser ans der Küche holen sollte. Sie legte überall mit Hand an, stand frühzeitig auf, um den Kaffeetisch zu besorgen, half der dicken Ida kochen und backen, lernte bei ihr plätten und ließ sich theoretisch in die Geheimnisse der Wäsche und des Früchte­einkochens einführen. Und die Köchin war ganz stolz auf ihre Schüler.

Die würde sich gewiß von so einer Berliner Küchenfee nicht auf der Nase herumtanzen lassen sie würde die er­fahrene Hausfrau würdig vertreten, so jung sie auch war. Suse war sehr stolz auf das Lob der perfekten Ida. , Sie freute sich kindisch auf den eigenen Haushalt. Vor einem

Wohnung erfordern.

Meta ging von dem vernünftigen Grundsatz aus, Suse nicht zu sehr zu verwöhnen, um ihrer Leichtlebigkeit nicht von neuem die Tore zu öffnen und so bestellte sie nur einen Teil der Wäscheausstattung fertig aus einem Geschäft. _ Zu den einfachen Gegenständen kam eine Weißnäherin ins Haus imb Suse mußte tüchtig mit Hand anlegen, was sie auch freudig und lernbegierig tat. Sie jubelte wie ein Kind über das erste tadellos geratene Knopfloch und säumte mit glühenden Wangen viele Dutzend Handtücher, ohne dabei die Geduld zu

Jahre noch hätte sie hell aufgelacht, wäre ihr prophezeit worden, daß ihr einmal die Besorgung ihrer Kücheneinrichtung mehr Vergnügen machen würde, als das Auswählen ihrer Salonmöbel. Aber es wär wirklich so. Die Küche sollte ein wahres Schmuckkästchen werden. Die Möbel wurden alle modern, aber ganz einfach gewählt, doch durfte Suse sich all das gestatten, was eine Wohnung gemütlich zu machen pflegt, recht mollige Teppiche und Felle und viele weiche Kissen. Das besorgte das junge Paar sich allein, wenn sie nach­mittags suchend und prüfend von Schaufenster zu Schaufenster schlenderten. Sie endeten dann, wenn es irgend anging, in der kleinen Konditorei, in der sie ihr Wiederfinden gefeiert hatten und Suse schwelgte in Süßigkeiten und schönen Er­innerungen.

Bei einem solchen Besorgungsgange prallten sie an dec Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße mit einem'langcn, rot­blonden Infanterie-Offizier zusammen, der sie einen Moment wie geistesabwesend anstarrte. Dann ging ein strahlendes Lächeln über sein häßliches Gesicht.

(Fortsetzung folgt.)

157 Hage korsischer Wauömörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Ticmann.

(Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)

Als ich am 30. Dezember nachts 9 Uhr am Telegraphen­schalter die Depesche aufgab, näherte sich mir ein Herr, der dringend fragte, was ick von dein Vorfall wüßte, ob ich mit dem Verblichenen verwandt oder befreundet wäre usw. Ich hätte beinahe den Menschen gepackt und verhaften lassen. Da ich aber sah, daß im Pvstburean ein Gendarm saß, nahm ich wohl mit Recht an, daß der Fragende im Dienst der Polizei stände. Wenn ich nicht irre, war es der deutschlehreude Professor des Ajaccioer Gymnasiums. Er diente später bei allen Verhören als Dolmetsch. Ich sagte ihm, was ich tonyte und fürchtete, daß ich aber den Ausdruckverunglückt" gewählt hätte, da ich noch nichts Bestimrntes sagen könnte. Ich hätte an den Sohn des Ermordeten, wie dieser später bemerkte, telegraphieren sollen, konnte aber nicht wissen, daß er noch am 30. Dezember bei seiner Mutter weilte.

Alm 31. Dezember haben, wie mein Rechtsanwalt er­wähnte, die Ajaccioer Hoteliers den Präfekten der Stadt gebeten, daß die Sache als Selbstmord ausgespielt wurde. Tie inspirierten Blätter brachten dementsprechende- gaben. mich die fürchterlichste Zeit! Auf

dem Wege nach dem Telegraphenamte hatte ich mich, der ich in den letzten Monaten nie nach Sonnenuntergang außer dem Hause gewesen war, in der eiskalten Sturm­luft stark erkältet, sodaß ich furchtbar fieberte. Als ich von diese!» trostlosen weiten Gang durch die fürchterliche Dunkel- heit und schaurige Menschenverlassenheit heimkehrte, häm­merte mein Blut wie wild gegen die Schläfen. Meine Nerven waren zum Zerspringen überspannt. Und so war es ^ag für Tag. Wie habe ich Wend für Abend zu Gott geschrieen, daß er den Mörder der Gerechtigkeit ausliefern sollte.

I Warum bäumte sich die Erde, die das unschuldige Blut getrunken hatte, nicht auf gegen den Mörder?

I Warum stand nicht die Welt still? Gab es noch einen ge­rechten, allwaltenden Golt im Himmel! Und dann Die furchtbare Angst! Der Raubmörder, der nur wenig bei dem einfachen alten Herrn gefunden haben konnte, mußte zu einem zweiten Raubmord schreiten, um sich Mittel zu verschaffen, von Korsika fortzukommen. Wie leicht konnte ich das zweite Opfer sein, der ich ständig allein Ausflüge unternahm und damals viel Geld bei mir trug. Ueverall bis an die Wege erstreckt sich die Machia, ein verwilderter, verstrüppter Wald, der Schlupfwinkel der Banditen. Wie schnell konnte ein Räuber and ihm hervorbrechen und in ihm wieder spurlos verschwinden.

Mein einziger Trost war, daß der Sohn des Ermordeten I am Sonntag kommen sollte, ein Landsmann, der mir eine Hilfe sein konnte. Der Sonntag kam, auch den Dampfer, der früh morgens einlief, hörte ich das Signal mit der Dampsfeife geben. Ich würde den Sohn an der Frühstück»- täfel treffen und könnte mich ihm gegenüber aussprechen.