Ausgabe 
20.6.1906
 
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1906

Mittellose Mädchen.

Roma« von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.) ' r '

Walters Jubel war echt und impulsiv er forderte auch keine Erklärungen er wußte ja nichts Von all dem Borangegangenen, er staunte nur darüber, daß die wilde Schwester, die so oft mit ihm getollt, nun eine Frau tverden sollte, worunter er sich etwas sehr gesittetes, ruhiges und sanftes vorstellte. Den Schwager fand er famos und machte große 'Augen, als er erfuhr, daß er soeben erst aus China gekommen war ivle viel interessantes würde er da hören! Seine Äugen leuchteten. Er sah jetzt frisch und wohl aus.

Suse küßte ihn für ferne Freude tüchtig ab. .

Auch Heinz bekam seinen Kuß, trotzdem er ein mehr verlegenes als beglücktes Gesicht zur Schau trug und den ehrlichen 'Augen des neuen Schwagers scheu auswich.

Trautendorf empfand kerne Sympathie für ihn. Er hatte das bestimmte Gefühl, als habe der mürrische blasse Bursche nach irgend einer Richtung hin ein schlechtes Ge­wissen.

Schade! Er wirkte förmlich störend in der Harmonie der schönen, gutgearteten Geschwister. Was ivar der Jüngste auch für ein prächtiges Kerlchen! So viel Offenheit und Temperament in deür hübschen Gesicht.

Und diese Genügsamkeit in der grenzenlosen Freude, die er über die Wageufahrt zu Brockhaus äußerte. Er zappelte förmlich vor Vergnügen auf dem Kutschbock.

Wie erregten sie die allgemeine 'Aufmerksamkeit, worüber Suse sich jetzt köstlich amüsierte.

Meta hatte unterdes mit Hilfe eines durch freit, Portier rasch herbeigerufenen Lohndieners, der die zu einer er­krankten Mutter beurlaubte Zofe vertreten mußte, eine kleine Festtafel hergerichtet, in einem,nahen Restaurant war zu dem kleinen Diner rasch noch ein Gang nachbestellt, aus der Konditorei eine Torte geholt worden, in den silbernen Eiskübeln blinkten goldhalsige Sektflaschen sodaß es an nichts zu einer richtigen Verlobungsfeier fehlte.

Suse mußte noch eine weiße Bluse anziehen, um das Trauermäßige der kleinen Tischgesellschaft zu verwischen, und Ruth bekam trotz ihres Sträubens eine helle Schleife vorgesteckt. . ...

Sie war die einzige, die an der allgemeinen Fröhlich­keit innerlich keinen Anteil hatte. In ihr war zu viel zer­brochen und vernichtet. Sie sah elend aus mit tief in den Höhlen liegenden Augen und schmal gewordenen Wangen. Sie fühlte sich alt, den Ihren in ihrer Heiterkeit heut ganz entfremdet.

Sie grollte Suse fast wegen ihres glücklichen Anpassungs- vermögens. Ihr tat cs direkt weh, wenn sic das schelmische

Muttchen" hörte, mit dem der Ucbermut nicht sparte. Die blasse, vergrämte Frau, die sie geboren und die ihnen trotz allen Kümmern und Sorgens hatte kein Glück verschaffen können, stieg vor ihr auf und lächelte ein wehestSo schnell vergessen?" sie sah das müde, verbitterte Gesicht des fleißigen, nie rastenden Vaters

Stiefkinder des Glücks I Gelebt und gestorben als solche. Ihr war das gleiche Los gefallen. Ein entsetzliches Kältegefühl durchrann sie. Wäre das Essen nur bald vor­über!" Nur nicht so dasitzen, jeden forschenden Blick fürchten müssen.

Fritz Trautendorfs feinfühlige Natur hatte sich mit NuthS wehmütigem Empfinden getroffen. Nachdem cr den abwesen­den Hausherrn und die anwesende Hausfrau mit warmen Dankesworten gefeiert hatte, bat er kurz und bewegt, ein stilles Glas den Toten zu weihen, die den Freudentag der Tochter nur von lichten Höhen aus mitfeicrn konnten. Er knüpfte die Hoffnung daran, daß er auch den verstorbenen Eltern ein willkommener Sohn gewesen wäre, daß er auch ihres Segens gewiß fein möge.

Suse fiel ihm leise weinend um den Hals und erwehrte ihren Tränen nicht.

Ueber ihren blonden Kopf hinweg tauschte er mit Ruth, die wie erstarrt dasaß, einen Blick. Und ihre Augen sagten ihm deutlich, wie viel höher sie ihn seit wenigen Minuten noch schätzte, als vorher. Es war eine solche Freude, die sie ihm damit gab. Er hatte eine große Hochachtung vor diesem Fraucncharakter. Was mochte es fein, das diese stolzen Schwingen gebrochen? Nur der Kampf um das tägliche Brot? Suse mußte das zu erfahren suchen. Suse!

Tas ganze Glück ihres Besitzes überflutete ihn plötzlich wieder, jeden anderen Gedanken hinwegschwemmend.

Er nahm mit zärtlichen Händen das blonde Köpfchen von seiner Brust empor und küßte die letzten Tränen von den schönen blauen Kinderaugen.

Die gerührte Stimmung ebbte ab, die übermütige Heiter­keit, die der Stunde angemessen, kam wieder zu ihrem vollen Recht.

Die Frühlingsblumen dufteten berauschend dazwischen und durch die hohen Spiegelscheiben stahlen sich, schimmernden Goldpfeilen gleich, noch ein paar Strahlen der tiefer sinkenden Wintersonne.

Und Suse breitete die Arme aus und jauchzte aus über­vollem Herzen, berauscht von Liebe und Wein, Duft und Wärme und Licht:Ach, das Leben ist doch schön."

Alle lachten zustimmend, nur Ruth lächelte bitter.