Ausgabe 
20.4.1906
 
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DaS Mädchen steht vor der ersten Kommunion. Da wird auch die Mutter von dem Drange ergriffen, sich lvieder Gott zu nähern, und ihr schlummernder Glaube erwacht durch den des Kindes. In ihrer Seelenpein nimmt sie zum greisen Pater Ewrard, einem würdigen Oratorianer, Zuflucht. Statt Trostes empfängt sie die Gewißheit, das; von der Kirche ihre erste Ehe noch immer als die allein giltige betrachtet wird. Einen Konflikt zwischen ihrem 23 jährigen Sohn erster Ehe und dessen Stiefvater be­trachtet sie als unmittelbare Strafe für dassündige" Bündnis. Lucien will eine Studeictin heiraten, die sich 'in freier Liebe einem Manne hingegeben hat und von diesem verraten worden ist. Darras sträubt sich 'im Einverständnis mit seiner Gattin gegen diese Mißheirat. Lucien, der so weit geht, mit einem solchen Verhältnis das seiner Eltern zu vergleichen, hält an der übrigens edlen Geliebten fest und löst sich Äon der Familie los. . In diese Kämpfe fällt der Tod von Gabrielles erstem Gemahl. Sie hofft, das; Darras seht mit ihr zum Traualtar gehen werde. Mer er fürchtet, durch eine nachträgliche kirchliche Trauung den Anschein zu erwecken, als ob seiner bisherigen Ehe die Volke Legitimität gefehlt habe, nnd dadurch seine Tochter zu beschimpfen. Die verzweifelte Frau flieht mit Jeaune aus dem Hause des Gatten, kehrt jedoch auf den Rat des Ora­torianers in denKerker" zurück. Selbst wenn sich Darras später ans Mitleid entschließen sollte, ihr nachzugeben das Glück ihres Heims bleibt unter allen Umständen vernichtet.

Dieser Abschluß, der keine Lösung bringt, wird als Halb­heit empfunden. Ein Ende mit Schrecken wäre besser gewesen, als ein Schrecken ohne Ende. Mer letzteren wollte der Dichter wohl niit Absicht als die Wirkung des Ehescheidungsgesetzes hinstellen. Es kann hier nicht auf die sozial-ethische Frage als solche, sondern nur auf die künstlerische Gestaltung des Problems ein- aegaugen werden. Ihre Schwäche 'liegt in der Verquickung der Gewissengeschichte Gabrielles mit Luciens Liebeshandcl. Die Spannung zwischen Stiefsohn und Stiefvater hätte ebenso scharf sein können, auch wenn Darras mit ihr durch den Segen des Priesters, nicht bloß auf dem Standesamte verbunden gewesen wäre. Gegen die zweite Ehe in jeder Form und unter allen Unlständen will aber Bourget doch lvohl nicht zu Felde ziehen. Der Don, den er anschlägt, ist durchaus würdig. Logische Klarheit nimmt die Stelle der Phantasie ein. Die Gefühle und Gedanken der handelnden Personen werden zergliedert, und die Reflexionen dehnen sich über weite Strecken des Büches aus. Die Uebersetzung ist recht verständig und geiwmbt.

Vermischtes.

* Woraus b e st e h e n die eßbaren V o g e l n e st e r? Ueber die Frage herrschen, wie derPrometheus" schreibt, ver­schiedene Ansichten. Die Salanganen es sind vorzugsweise zivei Arten, der Labet (Collocalia nidifica Gray) und der Lintjih (Collo- calia fueifuga seu escnlenta) bauen ihre löffelartigen Nester an steilen Felswänden oder in Höhlen an den Küsten der ostindischen Inseln, besonders an der Südküste Javas. Die in den Handel gebrachten Nester gleichen etwa dein Viertel einer Eischale, sind 23 Zentimeter hoch, 57 Zentimeter breit und etwa 10 Gramm schwer; sie bestehen ans einer der weißen Hausenblase ähnlichen, harten und spröden Masse, die sich durch Kochen in eine zähe Gallerte von fadenc oder schwach salzigem Geschinack auflöst. Für die Chinesen sind die indischen Vogelnester die feinste und darmn acich nm teuersten bezahlte ein einziges Nest der besten Qualität kostet in Hongkong über 2 Mark, in Europa etwa 46 Mark Delikatesse. Die Chinesen weichen die Nester zunächst ein, geben sie dann mit einem selten Kapaunen oder einer Ente in einen fest verschlossenen Topf und lassen sie bei gelindem Feuer 24 Stunden lang kochen. Die Japaner kochen sie zu einein schleimigen Brei, den sie mit Zucker vermengen und kalt genießen. Europäische Feinschmecker lassen sie, in düiiiie Streifen zerfchnitten, mit stark geivürzter Fleischbrühe kochen; sie gelten als stark stimulierend, welche Wirkung jedoch zum Teil ivohl den Geivürzen zukommen dürste. Die Nester sollen mm nach der einen Ansicht von den Salanganen zum größten Teil aus den verschiedenen MeereSalgen mit Hilfe ihres Speichels aufgebaut werden, während ste nach der Ansicht anderer (Marshall) nur aus dem klebrigen Speichel bestehen, welcher aus zahlreichen Drüsen in der Mund- und Rachenhöhle von den Tierchen abgesondert ivird. Durcki eingehende Unter- suchcingen, ivelche Proseffor Dr. I. König (Münster) in Gemeinschaft ncit I. Bettels in der Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs­und Genußinittel 1905, Band 10, Heft 8, bekannt gibt, wurde nun­mehr festgestestt, daß in beit Vogelnestern 5060 Prozent dem Muein nahestehende Stickstoffsubstanz imb nur etwa 1520 Prozent Kohlehydrate enthalten sind. Ihre Zusammensetzung weicht daher vollkommen von derjenigen der Meeresalgen und der daraus her- gestellten Produkte (z. B. Agar-Agar) ab, sodaß mit Sicherheit an- zunehmen ist, daß die eßbaren Vogelnester mir ein Erzeugnis des Speichels der Seeschwakben bilden.

>,:Iushobung der Frauen zum Militär verlangt allen Ernstes der 'Schriftsteller Hans Eschelbach in einerIn die Kaserne mit der Frau!" betitelten Broschüre. Wenn man fo ;agt er dem 'Staate das Recht zuerkennt, ohne Ansehen

von, Person und Stellung jeden gesunden jungen Mann zwei, drei und unter Umstanden mehr Jahre ganz für seine Dienste m Anspruch zu nehmen, dann steht ihm dieses Recht auch der Frau gegenüber zu. Gestüt darauf verlangt er, daß, wie der Mann für den Krieg, die Frau zwangsweise vom Staate zu ersprießlicher, bürgerlicher Tätigkeit für den Frieden erzogen werden solle. Zil diesem Zwecke sei die Dienstpflicht aller Frauen zu proklainieren. Mehnlich tvie die männlichen Soldaten sollest me zum Dienste heranzuziehenden Mädchen ausgelvst werden. Kürzer als' zwei Jahre möchte der Herr Eschelbach die Dienstzeit der Frauen nicht bemessen wissen. Die erforderlichenKasernen", waren zunächst nur in größeren Städten einzurichten; die Orga- iliiatioir des Dienstes wäre ganz ähnlich wie beim Militär; auch müßten die Mädchen während ihrer Dienstzeit Uniformen tragen. Ob auch- Hosen, tvird leider nicht verraten. Die Ausbildung hätte ftch u. a. auf folgende Zweige zu erstrecken: Ordnung, Sauber­keit, Pünktlichkeit, Turnen, Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen/ Kochen und alle dabei Vorkommendm Arbeiten, ferner Schneid dern, Putzen, Servieren, Waschen, Migeln, Flicken, 'Stopfen, Nähen, Krankenpflege, Kinderernährung nnd -Pflege u. a. m. Hans Eschelbach strebt damit ob bewußt oder unbewußt, sei &$iiigei'tel(t die Bildung einer Elite-Küchendragoner- und MädchenfüralleÄ-TruPpe zu Fuß an, deren Reservisten später wahrscheinlich all die Klagen der Hausfrauen überunsere Dienstboten" ganz aus der Welt schaffen würden. Bedacht hat aber dieser Schwärmer fürs weibliche Militär sicherlich nicht, daß vorerst durch die notwendige Aüfangsrekrutierung ein ganz gewaltiger Dienstboten-Mangel sich fühlbar machen müßte, nicht für die Hausfrauen, sondern auch für die männlichen Soldaten . . . Nun, die Herren Kriegsminister werden sich den Vorschlag ja wohl erst noch reiflich überlegen; inzwischen aber hat Hans Eschelbach die Lacher noch auf seiner Seite, denn den unfrei­willigen Humor der Sache wird niemand verkennen.

Gesundheitspflege.

Was können wir tun, um die Muskeln un-- seres Kindes zu stärken? Man halte es zu regelmäßiger Leibesübung an, welche ein wohltätiges Gegengewicht gegen die starke nnd anhaltende Arbeit des Geistes, wie sie die Schule verlangt, bildet. Zudem muß unser Kind in der Schule täglich mehrere Stunden hintereinander ruhig sitzen, meist in ge­zwungener, nachteiliger Körperhaltung. Deshalb soll die häus-i liche Pflege alles aufbieten, um diese Nachteile auszugleuhen, indem sie das Kind zur Bewegung im Freien und zum Spiele anhält, namentlich zum Ballspiel. Von hohem Werte für die Gesundheit unseres Kindes ist besonders das Schwimmen. Es veranlaßt die Tätigkeit aller Muskeln des Körpers, daneben aber auch eine kräftige Ausdehnung des Brustkorbes, während die Wirbelsäule gerade gerichtet wird. Gleich günstige Wirkung auf die Gesundheit des Knaben wie des Mädchens hat das Schlittschuhlaufen, wenn es mit richtigem Maße betrieben wird. Es gibt dem jugendlicheir Körper edle Haltung und verleiht ihm eine gewisse Anmut der Bewegungen; dabei bewirkt es eine ausgiebige Erweiterung des Brustkorbes, durch welche die Lungen gestärkt werden.

Eingegangene Bücher.

Bayer, Dr. Heinrich,Die Menstruation in ihrer Beziehung zur Couceptioussähigkeit". Straßburg 1906. Verlag von Schlesier und Schweikhardt.

B j ö r n s v u, Björnstjerne,Der Redakteur". Schauspiel in vier Akten. Einzige berechtigte Uebersetzung von Cläre Greverns Mjöen. Preis 2 Mk. München 1906. Verlag Von Albert Laugen.

T a g e b u ch einer anderen Verlorenen." Auch von einer Toten, Nach dem Originalmanuskript herausgegeben Von Rudolf Felseck. 3 Mk. (Leipzig, Walther Fiedler.)

Magisches Quadrat.

Nachdruck verboten.

In die Felder nebenstehenden Quadrates sind die Buchstaben ABBBBEEEEEINN BRR derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeulen: 1. Eine Naturerscheinung.

2. Ein Getränk.

3. Stadt in der Schweiz.

4. Mädchennamen.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer:

Hofen Eic£)e Ischl Nebel Beiher Illinois Cicero Heine Veilchen Orten Neisse Serbien YcooU Beit E(be Lero;

Heinrich von Sybel.

Redaklwn: Ernst Heß. RotalionSdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.