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I dvch nur der Hauptmann der zu Verurteilende! Sie zuckte nicht mit der Wimper, als Betty beim Frisieren harmlos eimvarf, daß „gnädige Frau so elend sei, daß sie kaum! erne Haarnadel aus den, Kopf ertrüge, sie habe gewünscht, bis zum letzten Augenblick mit der Toilette zu warten und habe sich in ihren, Toilettenzimmer eingeschlosstm">
Trotzdem ihr Herz rasch klopfte, brachte sie doch leidlich unbefangen heraus, daß sie die „gnädige Frau" schon früh schlecht aussehend gefunden habe. Gern hätte sie erfahren, ob der Hauptmann nach der Szene im Stall mit seiner Fran zusammen gewesen war, aber sie brachte eine dies!-! bezügliche Frage doch nicht über die Lippen. Einmal wollte sie schon den Mund offnen, Bettü mitzuteilen, daß sie! morgen ganz plötzlich abreisen müßte, aber es lag so etwas Lauerndes in dem hübschen Zofengesicht, daß sie schwieg. Ilnd die intriguante Person schlüpfte wenig befriedigt von I ihren Beobachtungen von dannen.
12.
„Entzückend! Süß! Bravo! Ta capo!"
Ein wahrer Sturm des Beifalls folgte dein letzten I Märchen bilde und immer noch einmal mußte der rote Bor- hang von der iinprovisiertcn Bühne im Kasinosaale zurückgezogen werden.. Keine der vorhergehenden Gestalten hatte! aber auch in seiner Vertreterin eine so überzeugende Verkörperung gefunden, ivie das Dornröschen durch Suse Me^ ridics.
Sie lehnte, die zierliche Gestalt Von den iveichen Falten des rosig glänzenden Seidenkleides umflossen, in einem! tiefen, altväterischen Sorgenstuhl, das feine Köpfchen, von I dem die hellblonden Haare über Schultern und Brust fluteten, war in süßer Müdigkeit gegen das schwarze Leder-. Polster gesunken nnd die dunklen Wimpern lagen beschattend! auf den schlafgeröteten Wangen. Nachlässig hielt die kleine herabhnngende Rechte die verhängnisvolle Spindel. Ter Ritter, der sich, atemloses Entzücken im Blick, ihr entgegenneigte, war in seiner schlanken, brünetten Schönheit ein wirksames Gegenstück zu dem blonden Dornröschen. Einer der ebenfalls in N. garnisonierenden Artilleristen hatte die Rolle aus besonderer Liebenswürdigkeit über-, nommen, weil das Jufanterieregünent seine bühnenfähigsten Erscheinungen bereits zu den anderen Bildern hergegeben hatte, und Trautendorf als Arrangeur auf jede Mitwirkung verzichten mußte. Er hatte aber auch fei»’ Bestes geleistet und besonders für das letzte Bild keine Mühe gespart nndi die Bühne durch grüne Blattpflanzen, die dicht mit täuschend nachgeahmten Rosenblüten besteckt waren, wirklich in einen Rosenhai,r verwandelt.
Er erschien nun strahlend, siegessicher an der Seite: seiner liebenswürdigen Gönnerin und heimste die Lvbsprüchej ein, die alle Anwesenden bis zum hohen und höchsten Vorgesetzten ihm spendeten.
In, Saal herrschte zunächst ein großes Durcheinander, denn die Stühle sollten beiseite geschafft werden, um Raum für den Tanz zu gewinnen, und es dauerte eine ganze Weile, ehe dies den Gästen klar wurde und die einzelnen plaudernden Gruppen sich lösten. Die verschiedenen kleineren Neben- räume, die heut alle noch besonderen Schmuck in grünen Gewächsen und blühenden Pflanzen erhalten hatten, gaben den Anwesenden Gelegenheit, sich wieder nach Wunsch zu- sanunenzusinden. Dort stand auch der hübsche Artillerist schon wieder in Uniform und ließ sich von den Kameraden hänseln wegen des noch fehlenden Dornröschens, das ja sicher noch in, tiefsten Zauberschlafe lag, da s niemand etwas von einen, weckenden Kusse gesehen hatte.
„So ein feiger Kerl! Die günstigste Gelegenheit und küßt nicht!" wunderte sich ein dicker, rotwangiger Oberleutnant, den, die Fähigkeit, jeden Genuß auszukostcn, aus den kleinen, begehrlichen Augen funkelte, und ein junger, grüner Leutnant fügte leise singend spöttisch hinzu:
„Ich hab' noch nie ein Weib geküßt."
„Ist bei Ihnen auch noch gar nicht nötig, Sie Jüngling", warf einer trocken dazwischen, „so ein Kuß ist wat ganz Scheenes, aber manchmal hat er einen verteufelt bitteren Nachgeschmack."
„Na, den hat der Prinz leicht auch gespürt, als er sein Dornröschen erst zum Altar geführt hatte."
„Aha, mir geht ein Licht auf. Daher so spröde, schöner Ritter?"
Sie wußte auf einmal, daß sie im Grunde nie ernstlich an einen Treubruch von seilen ihres Mannes geglaubt hatte.
Alles um sie begann sich zu drehen. Ihrer Sinne kaum mehr mächtig, Ivies sie nach der Tür:
„Morgen verläßt Du mein Haus!" sagte sie mühsam, sich mit beiden Händen auf die vergoldete Lehne eines zierlichen Salonst'uhles stützend, „heute darfst Tu des lebenden Bildes wegen dem Ball im Kasino nicht fernbleiben — aber ich will Dich hier in diesen Räumen nicht mehr sehen."
_ „Meta!" schrie da das weinende Mädchen fassungslos auf und stürzte auf die Cousine zu, angstvolles Flehen in den tränennasseu Augen, „was tat ich denn unrechtes? Sei doch nicht so hart, das hab' ick doch nicht gewollt, ich hab' mir doch nichts schlimmes gedacht —"
Eine verächtlich abwehrende Handbewegung.
„Nichts schliinmes?" höhnte die schwer beleidigte Frau, sich nur noch mit Mühe vor dem Unisinken bewahrend, „ist bas nichts schlimmes, sich in den Mann einer anderen zu verlieben, ihn mit allen Künsten der Koketterie zu umgarnen? Oder liebst Du ihn vielleicht nicht?"
In das weiche Mädchengesicht grub sich ein harter, feltsain unkindlicher Zug. Ein grenzenloser, wütender Schmerz schlug feine Krallen um diese junge Seele, der eine frevelhafte Hand heute den zarten Schmelz mädchenhafter Unwissenheit und Reinheit abgestreift hatte. Ihr war's, als könnte sie den Mann, dem sie diese entsetzliche,, Minuten verdankte, kalten Blutes morden.
Langsam und klar sagte sie, den Blondkopf in den Nacken biegend:
„Nein, ich liebe ihn nicht."
Ein ungläubiges Lachen antwortete ihr.
„Tas könnt' ich mir ja denken — schweig'", fiel sie ge- I vteterisch ein, als Suse die Lippen offnen'wollte, „mich gelüstet nicht nach weiteren Erörterungen. Tein Geständnis von vorhin genügt mir — und nun geh — ich erwarte, daß Du heut abend die Beherrschung zeigst, mit der auch jch die Welt tauschen werde."
Suse sagte kein Wort mehr. Die Zähne fest aufeinander gebissen, mit geballten Fäusten verließ sie das Zimmer. Ein fröstelndes Grauen ging mit ihr. Was würde nun aus ihr werden? Morgen um diese Zeit saß sie wohl schon iit dem armseligen Stübchen daheim und vor der Tür zum verlorenen Paradies würde ewig der Engel mit dem feurigen Schwerte stehen, ihr zornig den Eingang, verwehrend.
Sie sank wie vernichtet in den Stuhl am Fenster und stierte entsetzt dort hinüber, wo der Bahnhof mit zahl- I reichen Dichtern durch die graue Tänimerung winkte und | Sweben ent Zug mit hellerleuchteten Fenstern vorüber- ^r fuhr m der Richtung nach L. - Ein Frostschauer schüttelte ihre Glieder. j
Und plötzlich warf sich mit der vollen Wucht tief- I Unersten Schmerzes der Gedanke an die Trennung von dem Geliebten auf ihr Herz. |
... "Wtz' ach Fritz!" wimmerte sie leise. Konnte sie ihm überhaupt nocy einmal frei in die zärtlichen braunen Augen er sich nicht verächtlich von ihr wenden, von der Koketten, die ihr frevles, leichtsinniges Spiel mit Mannerherzen so weit getrieben, daß ihre Mädcheuehre in den Sturm, den sie aufgewühlt, mit hineingezogen wurde und darm verloren ging? Niemand würde da sein, sie stutzend zu umfangen, wenn sie schmachbeladen morgen diel es Haus verließ.
., Eine sinnlose folternde Angst ließ sie auffpringen und I ^.^s^rnden Fingern Lampe und Lichter entzünden. Im ^.nukeln erscheint alles Unangenehme noch schwerer, jedes | t=-U1I-Uwr^o-9??rer,r Ibder Schmerz uuüberwind- n'Jrn ’ Licht gab dem verzweifelten Mädchen
halbwegs ote Fassung wieder. Ter ausgebreitete Ballstaat maynte sie daran, daß es Zeit war, sich zu sammeln, um I zu können* 1 em l^lndes, unbefangenes Gesicht zeigen
. Sie begann die verweinten Äugest zu kühlen und als Sunde darauf Betty, im Bewußtsein ihrer Schuld dienstbeflißener beim je, erschien, verrieten nur noch I Nachmittags^^" W^mgen etwas von der Erregung des I Suse hatte in der kurzen Zeit schon allerlei Entschul- ^ungen für sich selbst gesunden und begonnen, die ganze I ^ocfie von der leichten eeite zu nehmen. Im Grunde war I


