Ausgabe 
20.4.1906
 
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Mittellose Mädchen.

Roman von H. E h r Hard t.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ein Taumel, der Keine, feurige Punkte vor ihrer: Augen tanzen ließ, verwischte in ihrem Herzen alles klare Be- firtnei:. Ihre Augen schlossen sich in einem erschauernden Wonnegefühl, das von dem kräftigen Arme ausging- der sich fest und stützend um ihre wankende Gestalt legte.

Suse, liebe, kleine Suse!" raunte eine zärtliche, bebende Stimme dicht an ihrem Ohr dann brannte der erste Kuß der Liebe auf ihren: junger: Munde.

Erzitternd nrerkte der Mann, daß die weicher: Mädchen- lippen nicht widerstrebten, aber als er sie freigab, sah er fast ungläubig in ein völlig verstörtes) erblaßtes Gesicht. Groß, starr, mit brennendem Vorwurf richtete Suse den Klick auf ihn. Der Taumel ihrer Sinne war dem schreck­lichsten Erwachen gewichen.

Um Gottes willen, was hab' ich getan?" schluchzte sie tränenlos auf, sich heftig seinen Armen entwindend.

Vor ihrer echten Verzweiflung mußte er die Augen senken. Sekundenlang standen sie sich, schweigend gegenüber.

Suse!" begann der Hauptmann endlich, und wollte sie beschwichtigend wieder an sich ziehen, aber sie wich vor ihm zurück. Ihre Äugen'hatten sich jäh mit Tränen gefüllt, Tränen der Scham und des Zornes.

Das war schlecht von Ihnen, Herr Hauptmann!" brach sie aus,Sie haben mich geküßt und ich ich liebe Sie gar nicht, ich kann Sie überhaupt jetzt nicht mehr leiden."

Und ohne eine Entgegnung des fassungslosen Mannes abzuwarten, lief sie ivie ein gehetztes Wild davon, über den Hof, den kein Sonnenstrahl mehr verschönte, die Treppe hinauf, ohne zu bedenken, daß jeder Begegnende sich über jihre sichtliche Aufregung wundern mußte. Auch oben im Entree fiel es ihr nicht ein, Vorsicht zn gebrauchen, um unbemerkt in ihr Zimmer zu gelangen. Die Entreetür klappte geräuschvoll ins Schloß und wie auf ein erwartetes Signal öffnete sich zur selben Sekunde die Tür zum Zimmer der Hausfrau und Meta erschien ans der Schwelle.

Die intriguante Zofe hatte ihre Rolle gut gespielt. Tropfenweise, anscheinend ganz harmlos, war das Gift des Mißtrauens der sich noch immer dagegen wehrenden Frauenseele beigebracht worden.

Tie Ahnung von etwas Schlimmem legte sich wie ein Reif um Suses klopfendes Herz, als Meta eisig sagte:

Darf ich Dich bitten, einen Moment zu mir herein­zukommen?"

. Und die weiche, reuige Stimmung, welche beim Anblick der verratenen Frau das Mädchen erschüttert hatte, starb dahin.

Ganz gegen Meins sonstige Gewohnheit, die rosige,

gedämpfte Beleuchtung für ihr Zimmer bevorzugte, wäst der dreiflammige Gaskronleuchter an der Decke entzündet«

In dieser erbarinungslos hellen Beleuchtung standen die beiden Cousinen sich gegenüber, Suse blutrot, mit trotzig geschürzten Lippen, Frau Meta grauweiß im Gesicht, Hohn intb Verachtung im müden Blick, der langsam über die MädchMgestalt vor sich glitt.

Wo kommst Tu her?" fragte sie nachdrücklich,

Wie hilfesuchend irrten die großen Blauaugest durch den elegante» Raun:.

Nur Mut! Nickst verblüffen lassen!" flüsterte einst innere Stimme, und so klang es mit leidlicher Fassung^

Aus dem Stall!"

Wo Tu Dir ein Rendezvous mit meinem Manne gäbst,

Tas entscheidende, inhaltsschwere Wort ivar gefallen« Suse fühlte ihr Herz ungestüm schlagen und ihre Lippen zitterten ein wenig, als sie Zuflucht bei ihrer angeborenes Keckheit suchte und schnipfnsch erwiderte:

Ich gebe mir keine Rendezvous) am allerwenigsten mit Deinem Manne. Er winkte mir zum Fenster herauf, ich solle herunterkommen, und da ging ich eben. Ich amüsiere mich ja oft unten im Stall mit den Pferden."

Ein spöttisches Lächeln, unter dem nur ein schärfest Beobachter die innere Verzweiflung entdeckt hätte, zuckte um die blassen Lippen der Frau.

Tas Amüsement nruß ganz besonderer Art fein, wenn es imstande ist. Dich so aufzuregen. Sieh' Dich doch mal in dein Spiegel an und dann behaupte noch, daß Deist Zusammensein mit Max ein harmloses gewesen."

Unwillkürlich gehorchend, ivar Suse der Weisung, ge­folgt und warf einen Blick in den großen Kristallspiegel über dem behaglichen Ecksofa. Tas Bild, was er zurück­strahlte, zeigte eine schlanke Mädchengestalt in hellblauest Bluse und schwarzem Rock, der deutliche Spuren vom An­lehnen an die Futterkiste in: Stall zeigte um die Schul­tern hing unordentlich, mit einen: Zipfel im Rücken, dep schwarze Spitzenschal, der weiche Haarknoten, heut nust nachlässig aufgesteckt, hatte sich gelöst und ivar tief in den Nacken gerutscht und das purpurn glühende Gesicht mit deutlichen Trän en spuren an Augen und Wangen vervoll­ständigten bei: Eindruck der ertappten Sünderin.

Suse wurde es in dem Moment klar, wie verdächtig ihr Aussehen erschien, und die beschämende Situation, ist der sie sich befand, reizte sie zu ohnmächtigem, erbittertest Zorn. Sie vergaß jede Rücksicht und Schonung für sich unh die Verwandten.

Nun ja!" stieß sie hervor, während die kaum ver­siegten Tränen von neuem flössen,es ist wahr, es wast nicht harmlos. Dein Mann hat mir gesagt, daß er mich liebt, daß er sich von Dir scheiden lassen und mich heiratest will und er hat mich geküßt"

Sie konnte nicht weitersprechen vor Schluchzen und es wär gut so, denn Frau Meta hatte die schonungslose Wahrheit wie einen brutalen Schlag ins Gesicht empfunden«