43
Bombengehalt. Das ist' — Seoben warf einen raschen Seitenblick auf die beiden Damen und dämpfte seine Stimme — »das ist seine Gemahlin linker Hand".
(Fortsetzung folgt.)
Ei« Tag im ElyfSe.
Da§ Tagewerk des französischen Präsidenten.
Es heißt, Herr Emile Loubet habe, als man ihn fragte, ob er eine Wiederwahl annehmen würde, die kurze und bündige 'Antwort gegeben: „Lieber Sechstmord!" — In der Tat steht der oberste Machthaber des französischen Freiheitsstaates kaum weniger unter dem Zwang emes fest gefügten Zeremoniells und einer unerbittlichen Etikette, wie irgend ein gekrönter Monarch. Und ein Mann von dem einfachen Herkommen und den bescheidenen Lebensgewohn- heilen Loubets konnte sich daher wohl nach sieben Jahren zu seiner früheren Freiheit und seinen alten Taseins-- gewohnheiten zurücksehnen. Tabei hat gerade Emile Loubet es mehr verstanden als irgend einer seiner Vorgänger, sich diesen Zwang so erträglich als möglich zu gestalten, indem er stets eine strenge Unterscherdungslinie zog zwischen Loubet, dem Präsidenten der Republik, und Loubet, dem Privatmenschen. So wich denn auch seine Tageseinteilung in einigen Punkten nicht unerheblich von der seines unmittelbaren Vorläufers Felix Faure ab, dem allgemach seine eigene Größe etwas zu Kopf gestiegen war und der sich nur allzu häufig in den Allüren eines Souveräns von Gottes Gnaden verfiel, wie er denn auch den kleinsten Verstoß gegen die ihm geschuldete Achtung sehr übel aufzunehmen pflegte. Es bleibt abzuwarten, welchem von diesen beiden Vorbildern sich der neugewählle Präsident mehr nähern wird, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Tageseinteilung im Elysse im großen und ganzen die gleiche bleiben dürfte, wie sie bis jetzt gewesen ist.
Betritt man durch das hohe Straßenportal den Ehrenhof der Residenz des französischen Staatschefs, so fällt einem zunächst die Wache auf, die an Kopfzahl stärker ist wie die der meisten europäischen Königs- und Kaiserschlösser. Sie besteht aus einem ganzen Jnfanteriebatarllon, und wenn der Präsident seinen Palast verläßt oder nach ihm heimkehrt, so'nimmt diese Truppe feierliche Paradeaufstellung mit einem Fahnenträger auf dem rechten Flügel, und der Klang der Trommeln begrüßt ihn auf kriegerische Weise. Ist doch auch in der nächsten Umgebung des Präsidenten das militärische Element stärker vertreten als das bürgerliche. Sie setzt sich zwar aus einem „Militär-General-Sekre- tariat und Militär-Haushall" und einem „Zivil-General- Sekretariat und Zivil-Haushalt" zusammen, aber der erste ist viel größer als der zweite uub in seinen Händen ruhen in Wirklichkeit die meisten Funktionen innerhalb der vier Wände des Elysses, wie überall da, wo der Präsident sich gerade aufhält. An der Spitze des militärischen Haushaltes befindet sich ein Tivisions-General, zurzeit der General Tnbois, und diesem stehen nicht weniger als acht höhere Offiziere der Armee und Marine als Adjutanten zur Seite. Ter Zivil-Haushalt ist dagegen nur aus dem Ehrenpräfekten Combarieu und dem Privatsekretär Poulet, sowie einigen Unterbeamten gebildet. Ter eigentliche und gefürchtete Zeremonienmeister des Elysöe ist indessen der Chef des sogenannten „Protocole", zugleich Einführer'des diplomatischen Korps, Herr Mollard, der mit großer Gewissenhaftigkeit und Strenge über der strikten Innehaltung des vorgeschriebenen Reglements wacht.
Ms Bauernsohn war Loubet ein Frühaufsteher, gewohnt um sechs Uhr morgens, Winter und Sommer, an seinem Arbeitstische zu sitzen, wo ihn ein frugales Frühstück, bestehend aus Kaffee und einem Hörnchen, erwartete. Nachdem er dann die Zeitung gelesen hatte, unternahm er oft schon um acht Uhr früh mit Herrn Combarieu oder Herrn Poulet einen Morgenspaziergang, auf dem der kleine unscheinbare graubärtige Herr meist unerkannt blieb, Bedeutet doch für Paris, wenigstens für die eleganten Pariser und Pariserinnen, die achte Morgenstunde eigentlich noch die reine Nacht. In dieser Beziehung dürfte also vielleicht eine Aenderung eintreten und den Elysse-Bewohnern jetzt eine verlängerte Nachtruhe vergönnt werden. Das übrige Tagesprogramm wird aber jedenfalls das gleiche bleiben. Es umfaßt bis um die Mittagsstunde die Erteilung von Audienzen. Ta kommen Generäle, Präfekten, Gerichtspräsidenten aus der Provinz, um sich zu melden, oder fremde
Diplomaten machen ihre Aufwartung. Punkt zwölf Uhr erfolgt im kleinen Speisesaal des Palastes das Frühstück, das alle Präsidenten bisher int Kreise ihrer Familie, einiger Personen ihrer Umgebung und einiger geladener Freunde einzunehmen pflegten. Tiese Mahlzeit beansprucht nur wenig Zeit, und es schließen sich an sie eine Tasse Kaffe« und eine Zigarre im Rauchzimmer. Loubet wie Faure waren leidenschaftliche Raucher. Tie nächste Stunde ist wieder der Arbeit gewidmet und zwischen zwei und drei wird eine Spazierfahrt ins Bois unternommen. Nach der Rückkehr empfängt der Präsident dann diesen oder jenen Minister zum Vortrag, und auch die Führer der Parteien des Parlaments, die sich mit ihm zu besprechen wünschen. Pünktlich um sieben Uhr ist das Tiner serviert, zu dem saft täglich eine Anzahl von Gästen zugezogen wird. Dann plaudert man noch eine Weile, aber spätestens um zehn Uhr zieht der Präsident sich zurück, und es ist noch längst nicht Mitternacht, wenn, mitten in dem vergnügungsreichstcn und tollsten Teile von Paris, schon im Elysöe-Palaste alles zur Ruhe gegangen ist und die Lichter erlöschen.
Natürlich erfährt dieses normale Programm beständige Abweichungen und Unterbrechungen, denn die Last der Repräsentation, die auf den Schultern des Präsidenten ruht, ist recht bedeutend . Kleinere und größere Tiners, Soireen und Bälle setzen namentlich des Winters einen viel größeren Apparat in Szene und bringen die Entfaltung eines Glanzes mit sich, der kaum einen Vergleich mit der Pracht monarchischer Höfe zu fürchten braucht. Auf diesem Felde ist das Debüt für das neue Staatsoberhaupt vielleicht am wenigsten angenehm, da es ihn den nicht immer wohlwollenden Blicken und Kritiken so Vieler aussetzt. Man erzählt auch, daß sogar Herr Loubet, der doch einen recht ausgeprägten eigenen Willen besaß, sich inbezug auf sein Auftreten bei diesen Gelegenheiten, wenn auch mit Widerstreben, vom Chef des Protocole sozusagen erst anlernen lassen inußte. Und das erste, was damals Herr Crozier, der Vorgänger Mollards, au ihm bemängelte, war — fein Frack, den er einfach für „unmöglich" erklärte. Herrn Loubet blieb schließlich nichts anderes übrig, als seinem alten Kleiderlieseranten nach dreißig Jahren die Freundschaft zu kündigen und die Tienste eines weltberühmten Schneiders anzunehmen, der einst — ein amüsantes Zusammentreffen — die Ehre hatte, dem Kaiser Napoleon III. die Garderobe anzufertigen. . . . Man sieht, so ganz leicht ist es selbst in einer Republik nicht, sozusagen von heute auf morgen das Oberhaupt eines großen und mächtigen Staatswesens zu spielen. N. G. C.
Das preußische Heer vor 100 Fahren.
In diesem Jahre werden 100 Jahre verflossen sein, daß Preußens siegesstolzes Heer bei Jena den Regimentern und dem Feld- herrngenie eines Bonaparte unterlag. Um den damaligen furchtbaren Zusammenbruch der preußischen Armee ganz zu verstehen, ist es nötig, sich ihre Organisation vor Jena einmal zu vergegenwärtigen. Wie von der Goltz in der Januarnummer der „Deutschen Revue" ausführlich darlegt, beruhte die Organisation des preußischen Heeres auch vor der Katastrophe von Jena theoretisch schon auf ber Wehrpflicht der Landeskinder, aber leider nur theoretisch. Tatsächlich gebrauchte das verhältnismäßig noch kleine und arme Preußen sein Meuschenmaterial noch zu anderen Ztvecken, weshalb das Gesetz über die Wehrpflicht durch zahllose Ausnahmen gn Gunsten von Städten, Landstrichen, Gesellschaftsklassen ufw. durchbrochen werden mußte; nur auf dem ärmsten Teil der Bevölkerung blieb die Wehrpflicht lasten, eo mußte denn als Ersatz, nm die Reihen zu füllen, die ausländische Werbung hinzutreten. Die meist lebenslänglich Angeworbenen bildeten die eigentliche stehende Armee, die etwa ein Drittel der mobilen Armee ausmachte. Aus Sparsamkeitsrücksichten hielt man aber diesen Teil der Armee nicht dauernd unter den Wasten. Für gewöhnlich blieben nur ganz schwache Stämme zusammen, bet der Infanterie Wachtkommandos, bei der Reiterei Pserdepflcge- truppen Die ausgehobenen Landeskinder, die Kantonisten, deren Dienstzeit etwa 20 Jahre währte, verbrachten nur einen sehr geringen Bruchteil dieser Zeit wirklich im Dienst, sie machten zu ihrer Ausbildung eine einiährige Rekrutenzcit durch und wurden dann beurlaubt, um nur in jedem Frühiahr zu einer b Wochen dauernden Ererzierzeit wieder eingezogen zu werden Aber auch aus dem Rekrutenjahr wurden meistens nur drei Monate und die Einziehung zur Exerzierzeit erfolgte statt mhrlich nur alle 2 Jahre Bei diesen Einrichtungen war den Offizieren natürlich nur äußerst weiiig Gelegenheit zu größeren kriegsmäßigen Ueb- ungen geboten, hauptsächlich mußten sie sich auf eine theoretische Vorbildung für ihren Beruf beschränken, vorausgesetzt, daß sie es auch wirklich taten. — Und ebenso unheilvoll, tote bei der Kriegsausbildung des Heeres, wirkte das Sparsystem bei der


