Ausgabe 
20.1.1906
 
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Ablenkung für seinen Aerger. Nach dem Diener kam der Kutscher an die Reihe. Er wurde gerüffelt, weil der Silber- besailag der Geschirre nicht dell genug glänzte.Bummel- Wirtschaft!" schimpfte er.B.chen müssen , die Beschlüge! Grappenthien, ich bitte mir uns bitte mir aus, daß das nicht wieder vorkommt! . . ."Befehlen, Herr Graf", sagte der Kutscher, ohne eine Miene zu verziehen, und griff an den Hutrand.

Ter Graf ließ die rollenden Augen noch einmal über Gesparln und Wagen schweifen, streichelte seine Favoris und wandte sich der Haustür zu, an der Prinz Ärenstein auf ihn wartete. Heros schmunzelte.

G.

Tie beiden Herren schritten anfänglich schweigend neben­einander die Treppe hinauf. Ter Graf brummte wieder vor sich hin und zupfte an seinen Bartspitzen. Auf dem ersten Podest blieb er stehen.

Tu weißt ja doch nun Bescheid", sagte er;ich wünsche nicht, daß Freda diese ekelhaften.Spelunken besucht."

Schön, schön", antwortete Ärenstein ruhig und ging weiter.

Was willst Der denn da noch bei Freda?" fragte Frehlinghaus.

ll ihr Deinen Wunsch mitteilen, sanfter Eugen." Tas kann ich allein!"

Ta würde sie erschrecken. Ich mache das betulicher. Ich möchte auch ein Butterbrot bet Euch essen, Hofmarschall; vielleicht kriege ich ein Glas Sherry dazu. Und dann eine Zigarette. Bon den Morris-Papyros Deiner Frau. Tie rauch' ich am liebsten. Und dann möchte ich eine Viertelstunde mit Freda plaudern. Du brauchst nicht dabei zu sein, wenn Tu nicht willst..."

Der Graf sagte kein Wort weiter; er stieß nur ein leises Grunzen aus.

Seine Ankunft war Pont Portier aus bereits in die Dienerstube telephoniert worden. Oben stand ein Galo- nierter und hatte die Tür geöffnet.

Was neues?" fragte Frehlinghaus.

Ter Diener nahm sofort eine militärische Haltung ein. 'fehlen, Herr Graf. Herr Kammerherr Freiherr von Stenzmer haben den Entwurf wegen der Reisedispositionen Ihrer Hoheit geschickt. Tann war eine Ordonnanz aus der Kabinettskanzlei hier und hat ein Paket abgegeben. Es ist auch Besuch da."

Wer ?"

Herr und Frau von Seeben."

,,'Aeh! . . ." machte der Graf. Es klang halb ärger­lich, halb verächtlich Tie beiden Herren lteßen sich die Paletos abnehmen, und der Diener öffnete die Salontür. In di s Augenblick flüsterte Frehlinghaus dem Prinzen zu: .ipauderöser Kerl, der Seeben ich weiß gar

nicht, was er bei mir will. . ." und dann trat er ein und schritt mit ausgestreckten Händen dem Besucher ent­gegen und sagte:Mein lieber Herr von Seeben das freut mich aber wahrhaftig ... es ist ewig lange her, daß wir uns nicht gesehen haben! . . ."

Herr von Seeben war ein schon älterer Herr: klein, sehr zierlich gebaut, mit fast haarlosem, blank poliertem Schädel und einem spitzgedrehlen pechschwarzen Schnurr­bart in dem faltenzerÜtitterten geistreichen Jntriganten- gesicht. Er hatte eine merkwürdige Karriere gemacht. Er war einst ein flotter Husarenosfizier gewesen, und als solcher ohne Glanz und Glorie, aber unter lebhafter An­teilnahme seiner Gläubiger zusammengekracht. Tann ließ er seine hübsche, wenn auch nicht bedeutende Stimme aus- bilden und gmg zum Entsetzert seiner Familie zur Oper. Aber das Entsetzen störte ihn nicht. Ta er von seinem Water mit Wut und Fluch enterbt worden war, so machte er sich den Spaß, die Kantmerzofe seiner Mutter zu bei» taten. Bei einem Besuch in Monte-Carlo hatte er oas Glück, sich binnen drei Tagen ein Vermögen zu erspielen; nun ließ er sich scheiden, söhnte sich mit seiner Familie wieder aus und wurde auf allerhand Protektionswegen Tirektor der Stuttgarter Oper. Tort heiratete er ein Hof- främein, von deren Vater er sich allerhöchste Verbindungen versprach und intrigierte nun frisch drauf los, um sich den Jntendanteuposten zu verschaffen. Dabei scheiterte er aber, mußte Stuttgart verlassen und begann ein ziemlich regelloses Abenteurerleben. Er führte eine Operntournee durch Rußland, gründete eut neues Theater in Cincinnati, richtete ein Festspielhaus für Wagneraufsührungen in Pa­

lermo ein, führte auch einmal die Opernregie in Stock­holm und kam schließlich nach Dresden, wo für ihn, wieder durch Vermittlung höfischer Freunde, die besondere Stellung eines Tirektionsrats geschaffen wurde. Aber auch hier hielt er nicht allzu Lange aus. Bet einer verunglückten Orchester­probe warf er dem Kapellmeister eine gewichtige Siegfried- Partitur an den Kopf, sodaß der arme Teufel ms Kranken­haus geschafft werden mutzte. Seeben aber wurde an ge­halten, freundlichst seinen Abschied zu erbitten und bekam! ihn auch ohne den mildernden Trost eines Ordens, dtun zog er nach Berlin, wo er in allen Kreisen verkehrte und! gelegentlich auch einmal zu Ho,e gezogen wurde. Ter Ein­fluß seiner Verwandten und der seiner Frau reichten noch immer weit.

,9Jlein verehrter Herr Hofmarschall*, sagte er, die Hände des Grafen schüttelnd,ah voyons Prinz Aren- steinl . . . Ganz gehorsamst, meine verehrte Durchlaucht wieder einer von meinein alten Regiment! Aber auch bürgerlich geworden, wie ich höre ich hatte noch den Tncksen als Kommandeur das ist ein halbes Menschen­leben her, und Tncksen kommandiert längst eine Eskadron himmlischer Heerscharen ... Sie kennen meine Frau, Prinz Ärenstein?" . . .

Gräfin Freda Frehliitghaus hatte bereits die Vorstellung übernommen. Fran von Seeben war lang und hager und hatte ein gelbes, verwittertes, glückloses Gesicht, auf das selten ein Lächeln trat. Im Gegensatz zu ihr wirkte die Gräfin wie Frührotschein. Ihre ganze Erscheinung stand so­zusagen unter dem Einfluß ihres köstlichen tizianroten Haares, das ihren hübschen Kopf wie mit einem Leuchtfeuer um­kleidete. Der Rotkopf machte sie auffallend. Es paßten dazu die von Temperament und Leben sprühenden grünen Augen und auch der Schnitt des Profils, dem jede Schönheitslinie fehlte und das als Ganzes doch reizend war. Sie war eine Kusine des Prinzen Heros, eine geborene Prinzeß Arenilein- Bisingen; aber ihr Gemahl meinte zuweilen, man könne glauben, daß sie Soubrette bei Wallner gewesen sei.

Die Herren hatten Platz genommen. Herrn von SeebenS schmalschultrige Gestalt versank beinahe in den Polstern des Fauteuils, und seine rosige Glatze hob sich schimmernd ab von dem Dunkelgrün des Ueoerzugs. Während seine Gattin mit der Gräfin über ein Frühlingsfest sprach, das zum Besten der Volkskinderküchen int Zoologischen Garten stattfinden sollte, schnitt Seeben sofort das Thema des neuen Theaters an. ES schien, als sei er nur hierher gekommen, um den Hofmarschall für seine Interessen zu gewinnen.

Ich bin außerordentlich glücklich, mein verehrter Herr Graf", sagte er,daß auch Sie dem Aufsichtsrat beigetreten sind. Ich hoffe, Sie werden so eine Art Gegengewicht bilden, damit die ultramodernen Strömungen nicht gar zu sehr an Boden gewinnen. Herr Graf, ich habe akzeptiert; ich will die Direktion übernehmen; ich bin inst ßeib und Seele bei der Sache. Aber ich fühle schon heute, daß meine Stellung nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehören wird. Denken Sie, es ist nicht zu glauben, da hat man mir zu Zivecken der Organisation einen verbummelten früheren Opern­sänger an die Seite gegeben, einen gewissen Imhoff, der mit mir zusammen die Engagementsverträge abschließen soll. Nun frage ich Sie, Graf Frehlinghaus ich frage Sie: die Ge­winnung eines geeigneten Personals, ist das nicht lediglich Direktionssache?"

Es werden viele Fehler gemacht", erwiderte der Graf» sehr viele schon jetzt." Dazu nickte er, und seine FavoriS zitterten wie in leiser Erregung.

Ich fürchte, es geschieht manches Unverantwortliche ja, das fürchte ich. Die Leitung des Schauspiels ist dem dicken Giesecke übertragen ivorden. Haben Herr Graf den Namen je gehört?"

Nie, Herr von Seeben."

Na, sehen Sie. Giesecke war zuletzt Regisseur in Chem­nitz. Ich sage nichts gegen Chemnitz. Aber wer an die Spitze eines Berliner Schauspiels treten will, darf sich nicht nur auf provinzielle Erfahrung berufen. Er bringt eine ge­wisse Tora Held als erste Liebhaberin mit mit einem