1906.
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Jem Wahren, ßdken, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der Graf hatte sich in die Wagenecke gesetzt und verzog das Gesicht.
„Lieber Heros," entgegnete er, „ich habe nichts dagegen, wenn Du einmal mit meiner Frau in irgend ein Theater gehst. Ich gönne ihr das von Herzen — und mich selber nimmt der Hofdienst so in Anspruch, daß ich über meine Zeit nicht zu verfügen vermag. Also wie gesagt: dagegen habe ich gar nichts. Ich drücke selbst beim Residenztheater ein Auge zu, obwohl — na . . . Aber, Heros, diese inodernen Kabaretts sind doch nichts weiter als verwilderte Ableger der Tingeltangel! Es soll da fürchterlich zugehen — über alle Beschreibung —"
„Asyle zur Bewahrung der Sittenreinheit sind sie natür» lieh nicht," warf Arenstein ein, und der Graf zuckte mit den Achseln.
„Das ist so eins Deiner spöttischen Schlagivorte," erwiderte er. „Aber es irritiert mich nicht. Du hast auch vorhin meine Bemerkungen mit allerhand Glossen versehen. Wäre ich eine empfindliche Natur, so würde ich mir Deine ganze Art und Weise mir gegenüber längst verbeten haben. Doch ich kenne Dich, Heros. Zu ändern bist Tu nicht mehr; nicht einmal zu belehren — und den Ton überlegener Cchnoddrigkeit, verzeihe den Ausdruck, aber er klappt, den nehme ich Dir nicht weiter übel. Wir schauen beiderseits die Welt mit grundverschiedenen Augen an. Ich streite mit Dir nicht darüber, ob Du oder ich —*
„Pardon," fiel der Prinz von neuem ein, „es scheint niir doch, als ob Du streiten wolltest, vielgcbietender Hofmarschall. Immerhin irrst Du vom Thema ab. Wir sprachen davon, ob Freda einmal in meiner Gesellschaft und sozusagen in tiefstem Inkognito ein Kabarett besuchen dürfe. Ich hätte bejahendenfalls den „Karrierten August" oder den „Drei- beinigen Pegasus" vorgcschlagen."
„Was das schon für greuelvolle Namen sind!" rief Graf Frehlinghaus und breitete seine von einem Windzug zerzausten Favoris wieder vorsichtig über dem Paletot aus. „Sie sind charakteristisch für die Afterliiteratur, der man dort Unterschlupf gewährt! . . . Also, Arenstein, ich sage nein, ich muß bedauernd nein sagen. So tief herabsteigen lasse ich Freda nicht!"
Er legte den Ton auf das „nicht" und fuhr zur Bekräftigung mit der rechten Hand durch die Luft, eine unsichtbare Linie zeichnend, gewissermaßen die Grenzlinie gesell
schaftlicher Möglichkeiten, die unbedingt innegehalten werden müsse.
Prinz Heros nickte.
„Na, da ist es ja gut,* erwiderte er. „Lieber Eugen, Freda verliert an diesen Künstlerkneipen nichts, wenigstens nicht viel. Es wird da doch nur ein schwach gesalzener Aufguß der Montmartrckunst verzapft. Aber vielleicht hätte sie sich trotzdem amüsiert, Nichts anderes wollte ich, Sie fühlt sich ein wenig einsam, taxier' ich .
Das Gesicht des Grafen verfiiisterte sich. Er sah in Momenten des Aergers mit den etwas hervortretenden wässerigen Augen, den großen Zähnen des Oberkiefers und den hängenden Barlflossen wie die ins Menschliche übertragene Karrikatur eines Walrosses aus.
„Taxierst Tu", wiederholte er. „Na, lieber Freund, laß das nur meine Sache sein! . . ." Er drückte sich tiefer in die Polster, brummte etwas Unverständliches in sich hinein und fuhr dann eifriger fort: „Warum fühlt sie sich einsam? Es ist ihre eigene Schuld. Wer die Hofluft nicht vertragen kann, der soll sich freilich fernhalten. Aber das hätte sich Freda früher überlegen sollen. Ms lvir uns Verlobten, hatte ich bereits meinen Abschied eingereicht — eben um die Hofkarriere zu ergreifen. Und sie war einverstanden !"
„Weil sie es mußte, Eugen. Tein Wille stand fest; da hätte ein Widerstand schwerlich etwas genützt."
„Nichts, sage ich Dir! Es :st noch ein Glück, daß ich einigermaßen Willenskraft besitze —"
„Nur daheim, mein Lieber. Sonst nicht. Sonst hast Tu einen recht flexibel» Rücken und spielst auch den Verschrobenheiten Deiner Prinzessin gegenüber alleweile den Nachgiebigen, statt ihr einmal ehrlich die Wahrheit zu sagen. . ."
Jetzt wurde der Graf oiftiK „Donnerwetter", fluchte er, „nun hör' endlich auf mit Deiner Bevormundung! Tie Stelle als Hofchef bei der Prinzeß Luise ist mir angeboten worden, und ick) habe sie gern übernommen und fühle mich glücklich in den Diensten einer Fran, an deren seelische Größe Deine spottende Skepsis nicht heranreicht."
„Allerhauo Achtung", sagte der Prinz lachend, „nun hast Tu es mir aber ordentlich gegeben. Daß Du Dich als Oberlakai so übermäßig glücklich fühlst — siehst Tur das verstehe ich eben nicht recht. Tas versteht, glaube ich, auch Seine Freda nicht . Die Geschmäcker sind ja verschieden. Wie aber ein Edelmann aus gutem altem Hause, den sein Reichtum völlig unabhängig macht, sich dazu verstehen kann, die Schranze einer kleinen Prinzessin zu werden, die —"
In diesem Augenblick stieß Graf Frehlinghaus geräuschvoll den Wagenschlag auf und fuhr den Diener an, weil dieser nicht rechtzeitig genug vom Bock gesprungen war. Er war wütend. Aber er fürchtete Arenstein; er hatte eine eigentümliche Scheu vor ihm. Nun suchte, er nach einer;


