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Meine Neugierde war geweckt; ich mußte wissen, welcher Art das Leiden, das sie dorthin geführt. ., ,
„Was hat Euch denn gefehlt, Mütterchen?" fragte ich das zufrieden seinen obligate» Kaffee trinkende Weiblein.
„Ach, ich Han en schwer, schwer Operation dorchgemacht! Wat et gewest is — ich kann's Eich selwer nicht recht expleziere. Awer ich Han jo iiix gespirt dervon! litt e Bett hatt ich, so weiß un weich un fein, ich lag drin als wie en Prmzesim! Sache gab's zu esse, von dene ich garnit glaubt, daß et so ebbes uf der Welt gab, nn Wein, sovill ich nur trmke wollt. Denkt Eich nur, bet erschtemal war ich gaiiz duselig, awer gut Hot'/ geschmeckt. De Dag iwer saß en Schwester bei mir, die mer alsfort die Ansprach' hielt nn nachts kam se aach alle Mmut. llit erscht, de ein, de fürnehmst .Herr Professer, so fteindlich un gemein*) Han ick meiner Lebdag noch kein Mensche getrofse. Alle morrens gab er vier die .Hand, wann er an mein Bett kam nn hat mit mer geschwäzt wie mit seinesgleiche un aach de anner .Herr P-rvfesser nn die Dokter un die Ville Studente. Na, so gute Dag hatt ich mein Lewe nit! Wie ich erscht emol drauße sitze dorft, in dem scheue Blumegarte uf ner Bank, orndlich schanier- lich >var mer bet. Wat weiß unsereins von Blumegärte! Wie ich die Ville Blume sah, fiele mer aach die Kamille m un die Leit, die nun dies Jahr kein krieht Han. Ach, wenn mem Mann selig nur den Spaß erlebt hält, mich da in der Klmik ze lehirs Kein Sorje, keine Kummer, kein Abrackern im sich — guttle von morgens bis awends. Un erscht, wie ich fort ,ern aus Gieße — die ganze Nacht Han ich geheult vor lauter Leibmut — btt hat mer de fürnehmst .Herr Professer hie det letde Dtchelche geschenkt, weil ich aach immer so munter gewest wär, un de anner en schwarz Scherz, die ich nur Sonntags in die Kirch anduhn, int die annern Herrn Han Geld gesammelt, weil ich in dem Jahr doch teilt Kamille Hütt sammele könne! Jederemer hat mer die Hand gewe un Glick gewinfcht un die Schwester is mit mer an die Bahn gange: .Ha» ich dann nit recht, wann ich sahn, ich wär i» der himmlisch Herrlichkeit gewest?" schloß es seine Erzählung, der ich voll tiefer Bewegung gelauscht.
Tie Arme, sie wifchle sich die Angeit bei der Erutiiertmg an die goldenen Tage, die sie an jenem Orte verlebt, und die nun vorüber.
Längst hatte daZ Mütterchen unser Haus verlaßen, als ich noch in Nachdenken versunken dastanb. Tie leuchtenden Blicke, mit denen es seine Erzählung begleitet, wollten mir nicht aus dem Sinn. Von Herzensgrund beneidete ich das arme Kamillenweibchen um seine Zufriedenheit und sein heiteres Gemüt, die ihm jedermanns Freundschaft erwarben und des irdischen Daseins Not und Kampf in allzeit srenndlichem Lichte zu schauen vergönliten.
Heute ist cs in Wahrheit zur „himmlischen Herrlichkeit" em- gegangen; ob diese wohl einen Vergleich mit der Klinik m Gießen auszuhalten vermag? _______
Weihtrachtsgebräuche in Oberhessen.
(Original-Artikel der Gießener Familienblätter.)
EL ist noch gar nicht solange her, da ivar in den entlegenen Dörfchen Oberhessens der Christbäum ein unbekanntes Ding, das man nur von Hörensagen kannte nnb das in den Familien sein Bürgerrecht noch nicht erworben hatte. Jetzt aber, seitdenr man allenthalben in den Kirchen zn Weihnachten einen geschmückten Christbaum auf den Altar stellt, ist er auch in die Wohnungen der Bauern und Arbeiter eingezogen. In manchen Orten am Bescherabend, in anderen aber auch am ersten Weihnachtstag, ivirb das mit Glasperlen, buntem Papier, Aepfeln, vergoldeten Nüssen und bunten Kerzen geschmückte Tannenbäiiinchen ange- äüttbet.
Wenn die Familie in der Stube versammelt ist, kommt das Christliiidchen mit dem Nickelsmann. Ein erwachsenes Mädchen und eilt älterer Bursche haben die Rolle übernommen. Das Christkindchen ist meist weiß gekleidet, trägt vor dem Gesicht einen Schleier und auf dem Kopfe ein Tuch oder einen breitrandigen Strohhut. In der einen Hand hält es ein Körbchen mit Aepseln, gedörrten Zwetschen nnb Nüssen, in der anderen ein Scheuchen, mit dem es auf seinen Gang durch die (Ortsstraßen und namentlich int Hausgang sein Erscheinen ankündigt.
Der Nickels erscheint weniger vertrauenerweckend; er hat auf bei» Rücken einen Sack hängen. Gesicht und Hände sind geschwärzt, und in der Rechteit droht die gefürchtete Ritte. Wahrend das Christkindchen fein und zart spricht, hat der Nickels eine tiefe Baßstimme, mit der er die ängstlich harrende Kmderschar an- schreit: „Bet e mol!" So geht es der Reihe nach, und icbegi Kind spricht sein Berschen. Nicht selten bekommt er zu hören:
„Uch du, mein lieber Nickelsmamt, Ich will dir bete, was ich kann. Alte Schuh und alte Schlappe, Du sollst dich gleich dem Haus naus packe."
Wer nicht beten kann, oder gar von beit Eltern als „bös" bezeichnet wird, der bekommt wohl Prügel, aber nichts von den mitgebrachten Sachen des Christkindchens. Der Nickels droht sogar, das ungezogene Kind in den Sack zu stecken und mitzunehmen.
Erst, nachdem das Christkind und der Nickels das Haus wieder verlassen haben, erfolgt die eigentliche Bescherung im Familienkreise.
Am Abend erzählt dann die Großmutter den andächtig lauschenden Kindern, daß zu Mitternacht vor dem ersten Feiertage alles Wasser int Bach und Brunnen zu Wein wird. Noch am Christmorgen behält das Wasser besondere Kraft. Wahrend die Glocken den Feiertag einläuten, gehen Frauen und Mädchen zum Bach oder Brilnnen und schöpfen das eiskalte Wasser, um damit die Blumen, das Gemüse und das Kraut im Fasse zu begießen. Auch als Waschwasser wird es bevorzugt, da es als gutes Schutzmittel gegen Haut- und Augenkrankheiten angewendet wird..
Am ersten Feiertag versammelt sich die Gemeinde im schwarzen Sonntagsstaat zum Gottesdienst in der Kirche. Gar stolz rückt die Familie aus; wenn gar der Sohn in der schmucken Uniform auf Weihnachtsurlaitb nach Haufe gekommen ist und nun von allen Kirchengängern ob feiner Strammheit bewundert wird. Wer nicht durch Krankheit ober dringende häusliche Geschäfte abgehalten ist, der kommt heute zum Gotteshaufe, denn nur so glaubt der biedere Oberhesse gesegnete Weihnachten feiern zu können. B.
Weih uachts-Literaiur.
Eine Spielneuheit, die unfern Kindern viel Spaß machen wird, ist das Gießener „Jahrmarktsspiel" von H. Ml- brecht. Ein glücklicher Gedanke war es, den Kirmeszauber im Spiel zu fixieren und für Albrecht war es eine dankbare Aufgabe, die schönsten Szenen (man hätte das! Spiel wohl besser „Gießener Mrmesspiel" benannt) bunten Kirmestreibens auszusuchen und sie zur Belustigung der Kiiiderwelt in Prachtbildern vorzuführen. Unter feinem Künstlerstift wird die Kirmes zum Volks- und Kinderfest, an dem nicht nur die Jugend, sondern auch Alte Freude haben. Gern schließen wir uns den Kindern an und bewundern mit ihnen hier im Spiel Kunstreiter, Riesen und Zwerge, Seiltänzer, Schnellphotographen, Schießbuden, Karussell, Kameltreiber, Panorama, Moritaten, Würstelbnde, Menagerie, Ballons, Kasperltheater, Pfefferkuchenbude und wie die schönen Dinge sonst heißen, die für Kinder Reiz haben. Preis 2.50 Mk.
— Ein gutes Weihnachts-Album, das selbst beit höchsten Anforderungen an gute Weihnachtsmusik genügt, hat das Verlags- Haus C. F. Kähnt Nachfolger, Leipzig, herausgegeben. Dieses Album enthält 22 Weihnachtslieder mit brillanter und doch einfacher Klavierbegleitirng, schöne Kinderchöre mit Begleitung, zwei- und vierhändige Klavierstücke. Eine Festgabe, welche allen Freunden von guter Hausmusik empfohlen werden kann. Preis 1.50 Mk.
— Ganz eigenartige Ideen sind es, die Sibylle v o nj O l f e r s in ihren neuen Bilderbüchern verwirklicht. Zu deich im Vorjahre mit Beifall ausgenommenen „Was Marilenchech erlebte!", in dem wir von den Schneeflockenkindern in das Feenreich und den Palast der Schneekönigin geführt werden, hat sie für den diesjährigen Weihnachtsmarkt ein treffliches Pendant! geschaffen, das nicht verfehlen wird, die Kleinen, die fich bannt beschästigen, in seinen Fesseln zu halten. Es ist betitelt: „Etwas von den Wurzelkindern"., Auf 10 in feinstem; Farbendruck ausgeführten Bildertafeln versinnbildlicht die Beri- fasserin das Erwachen, Sichbeleben und Erstarren der Natur'. In graziösen Versen erzählt sie von dem Leben der Wurzel^ kinder unter und über der Erde. Schlafend finden .totr srck in ihrem unterirdischen Reiche, wo sie mit dem Beginn desj Frühjahrs von der Erde ans dem Schlafe gerüttelt werden und dann in ihren selbstgefertigten schmucken Kleidchen ihren Einzug auf der Erdoberfläche halten. Hier verweilen Jte, bis! der Herbst sie mit Sturm und Wind in ihre unterirdische Bö-, hausung zurücktreibt, wo sie ihren Winterschlaf von neuem beginnen. Das Bilderbuch ist im Verlag von, Jl F. Schreibet? in Eßlingen erschienen und der Preis ist 2,50 Mk.
— Ein hoch bedeutsames Standardwerk der populären und der Jugendliteratur ist „Das große Weltpanorama" der! Reisen, Abenteuer, Wunder, Entdeäungen und Kulturtaten nt Wort und Bild, ein Jahrbuch sür alle Gebildeten, erschienen im Verlage von W. Spemann in Stuttgart (Preis 7,50 Mk.). Alle wichtigen Tagesereignisse ans den mannigfachsten Gebieten des Lebens, der Naturforschung, der Entdeckung usw. findet der Leser in dem über 600 Seiten starken Prachtband in geschmackvollen Bildern illustriert und klar und interessant geschildert vor. Welche Freude wird es dem Heranwachsenden Jüngling nicht allein, sondern jedem Bildungsbeslissenen bereiten, aus» deut vielseitigen Inhalt dieses so überaus instruktiven Werkes immer neues Material zur Unterhaltung zu schöpfen.
Auflösung des Rösselsprungs aus voriger Nummer:
Wer eines Menschen Freude stört, Der Mensch ist keiner Freude wert.
Wo inan von Frömmigkeit mit vielen Worten spricht, Da suche nur den Frommen nicht. Gleim.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversttäts-Buch- unb Steindruckerei, R, Lange, Gieße«.


