weg haben. Mach' nicht so 'n dummes Gesicht, Staberow, und setz' dich hin. Das Stehen ist bloß für jiinge Beine."
Herr von Meck reagierte nicht mit einem Wimperzncken. Er zog eine Anzahl Papiere aus der Tasche seiner Jagdjoppe. Während er dieselben auseinanderfaltete, sagte er ruhig:
„Ich möchte zunächst meinem Bedauern Ausdruck geben, Herr Baron, daß das gnädige Fräulein die anderhalb Meilen zur Bahn wiederum zu Fuß gegangen ist. Ich habe wiederholt betont, daß Ihnen selbstverständlich jederzeit Fuhrwerk zur Verfügung steht. Und ich bitte doch sehr, davon Gebrauch zu machen."
(Fortsetzung folgt.)
Wie sich das KamrLe»weivchen die „Himmlische Herrlichkeit" daÄte
von Jeanette Baltzer.*)
Nachdruck verboten.
Jeden Sommer, regelmäßig wie der Wandervogel, hielt das Kamillenweibchen Einkehr bei uns.
Deutlich entsinne ich mich, wie es zum erstenmal vor mir stand: das hagere, siebzigjährige Mütterchen mit seinem weißen Haar, über die es ein schwarzes Tüchelchen geknotet, seinen treuherzigen Gesichlszügeu und seinem halb zur Seite geneigten Köpfchen. Kein Stäubchen lag auf seinem dunklen Kleid; mit sichtlichem Stolze strich es über die neue Schürze und schallte mich aus seinen hellen Aenglein sreliildlich an.
„Ihr bralicht doch Kamille — gelle?" sragte es zuversichtlich lächelnd.
Bevor ich überhaupt zu antworten vermochte, lvar es schon hinausgehuscht, vor die Haustür, wo es alls einem dort nieder- gelegten Riesensack einen anderen, von minderem Umfange entnahm und ihn mir unter die Augen hielt.
„Da guckt, Madamche — det heißt mer Kamille I"
Mit Windeseile hatte es den Sack aufgenestelt und ließ eine Handvoll dieser stark duftenden, getrockneten Blüten dilrch seine Finger gleite». „Uit fov wat die all gut sein?I For Halskrankheit un verkäst Geblit, for Gicht und Schiväre, for verbellte Hänn' un verfrorene Fiü, far Zähnweh, Leibweh. Koppweh, Ohreiveh —"
Mir schwindelte vor der Unzahl Wehs und anderer Gebrechen, denen wir armen Meilschenkinder ausgesetzt sind, imb die das Weiblein mit einer Geschwindigkeit sondergleichen an den Fingern herzählte.
„Da — braucht se mit Gesundheit I"
Mit diesen Worten suchte es mir den straff gefüllten Sack aufzudrängen.
„Alle diese Kamillen?" sragte ich zaudernd und ivog den Sack in meiner Hand. Meiner Ansicht nach hätte man mit Leichtigkeit eine Kuh in ihnen baden können.
„El gewiß I" nickte das Mütterchen eifrig; „bis ich det anner Jahr iviederkoimne, faiii die lcurg all l"
Bittend schaute es zu mir auf. „Wanit der ivißt, ivie hart's ein’in ankemmt, die Kamilleblume all ze suche! D,e Hitz us bene' Aecker und Rain un mein arme alte Knoche! Jederein ivill ab- geplickt seilt — inet will doch lerne--"
Ich war überwunden. Eilends griff ich nach dein Sack und händigte deut hocherfreuten Weibchen den lächerlich geringen Betrag dafür ein. •' ;-
Einen Augenblick stand es noch, dann sah es schüchtern in die Höhe, es schien irgend ein Anliegen auf dem Herzen zu habe». ;
„Wat Ihr eil scheu Kich halt!" lachte es sich umschauend und in halber Verlegenheit, „un — un —"
Ich folgte seinen Blickei,, die auf dem Herde hasten geblieben. Aha — Kaffee ! Ich verstand.
„Wollt Ihr vielleicht eine Tasse Kaffee trinken, Muttercheil? Es ist so heiß draußen und Ihr habt gewiß Durst!"
Freudestrahlend bejahte das arme Weibchen; fein kleines, runzeliges Gesicht errötete vor Vergnügen, als ihm der heißersehnte Labetrunk aufgetischt ward. Wie es ihm schmeckte! So gut war's ihm lange nicht geworden, versicherte es mir wohl ein Dutzendmal.
Voll Behagen schlürite es den Trank, nachdem es fein Brötchen hineiligebröckelt — es hatte ja keine Zähne mehr. Zwischendurch plauderte und kicherte es unaufhörlich; mit keinem König hätte es in diesem Augenblick getauscht.
Im stillet, schüttelte ich den Kopf. Diese Zufriedenheit samt der lelsenfesten Ueberzeugliug auf kommende, bessere Zeiten bei einem so hohen Alter, waren mir neu, erregten meine Bewunderung in hohem Grade. Glich es darin doch einem jungen Mädchen, das sich in den rosigsten Zukunststräumen wiegt !
Als hätte es mir meine Gedanken vom Gesicht abgelesen, stockte das Weibchen plötzlich und versetzte mit veränderter Miene:
*) Aus den reizenden „tz e i m a t b i l d e r einem Novelleu- buch, das bei Clauß & Feddersen in Hanau erschien und als Weihnachtsgabe vielen Freude machen würde. Die Ausstattung des Buches ist recht geschmackvoll.
„Gelle, Ihr wumieri Eich dadriwer, iveil ich so munter fein ? Sieb Madamche, et steht ei’nt nit us der Stern geschriwwe, wat mer als dorchgemacht hat! Awer wat soll ich lamendiere, annersch- ter tverd's dejsentweje doch nit, un ich muß unfein Herrgott danke, de mich gesund läßt, daß ich dem bische Verdienst nachgehn kann. Mein Mcwn is lang dod; er is int Steinbruch verunglückt un ließ mich mit drei Kinner sitze. Schlecht genung is et uns gange; manche Aivend fein mer hungrig in's Bett. No, mer Han uns dorchgerappelt, fo gut, wie et ging! Mein zwei Buwe sein, wie se knapp konfarmiert wäre, in's Bergische gemacht, sein da gebliwe und Han sich da verheirat'; mein Doch der, wat bet öannche is, hat en Berginann un fieiue leiuenbfge Kinner. Bei bein geringe Verdienst spirt's als mein Grosche ganz geherig! Bei so »er Herd fehlt's bald hie, bald da — die ville Schuh nlleins — ach (Sott, die ville Schuh I Ich wohne bei ent im kann sein Giltigkeit doch itit umsonst verlange. Freilich, bis mer die ville Kamille zesamme- geschleppt un getröckent hat — et femmt ei’m sauer genung an. No, zum Ariveite sein mer jo ns der Welt — et werd auch emol besser!"
Gedankenverloren starrte das Mütterchen eine Weile vor sich hin, bann aber sprang es hastig auf: „Jesses, die Zeit geht ernm; ich muß mache, daß ich mein Kamille loswere; ich Han en weite, weite Heimweg. Adjes — un seid villmals bedankt! Halt Eich muntcr!"
Wir schieden als gute Freunde.
Bon nun an kehrte es Jahr um Jahr wieder.
Wenn im Sommer die Sonne brannte, der Wind über die Halmen strich, die Kamillenblüten draußen aus Aeckerii und an Wegerändern mir auf meinen Spaziergängen zuzunicken schienen, bann mußte ich stets des Weibleins gebenden, besten Erscheinen um biefe Zeit täglich zu gewärtigen stand. Diesmal aber harrte ich vergebens — es kam nicht. War es gestorben, verdorben? Niemand vermochte mir Kunde zu geben. Wer fragte viel nach einem alten unscheinbaren Weibchen?
Der Winter kam mit feinem Eis und Schnee, feinen trüben, nebeligen Tagen und frostklaren, sternenhellen Nächten; der Frühling brachte lachendes Grün und duftige Blüten in Fülle. Heißer wurde es. Johanniskäferchen leuchteten in der linden Abend- luft, wenn des Tages Hitze vorüber. „Peter und Paul macht dem Korn die Wurzeln faul", schmunzelte der Landmanu mit zufriedener Miene die fich gelb särbenden, wogenden Saatfelder Überblickend. Roter Mohn, dunkelblaue Raden, weiße Kamillen mit ihren goldglänzenden Büfchelchen in der Mitte, wucherten längs der Feldwege und auf den Aeckern in holder Eintracht nebeneinander — nachdenklich blieb ich stehen, von neuem war mir das Kamillenweibchen eingefallen. Jetzt war die Zeit, daß es kommen mußte; ob cs der Fall fein würde, ober — —
Hub cs kam, kam wirklich zu meiner freudigen Üebcrraschuug. Heiter lächelnd wie sonst; eigentlich noch vergnügter, wie mich dünkte. Verklärten Blickes schüttelte es mir die Hand.
„Gelle, Ihr hatt mich arig vermißt vorig Jahr? Wat halt Ihr nur be Winter iwer ohne Kamille augefange, Mabamche? Awer", cs machte eine Pause und sah mich schalkhaft an, „rat' emol, wo ich gewest fein ? In alle Ewigkeit Bringt Ihr bet nit eräug! Im Himmel war ich — gewiß un wahrhaftig — im Himmel!"
Ich muß wohl ein sehr erstauntes Gesicht gemacht haben, beim bas Mütterchen lachte aus vollem Halse. „Hahaha — Wie Ihr mich anguckt! Ihr glaubt bet nicht? un boch is et fo! Ich war in ber himmlische Herrlichkeit brin; Golt — wo hält ich bann gebucht, daß et so ebbe» uf der Welt gab? Akrat so muß et im Himmel sein!"
Berständnislos blickte ich in seine straHlenden Augen; ich wußte mir seine Worte nicht zu beuten. Schon wollte ich fragen, sorfchen, als es mit einer zitternden Freude ben Kops gegen mich neigte und auf biefen zeigend, triumphierend ausrief: „Guckt emol, mein nei Dichelche, bet is auch böfter! Ja, ja" — fügte es selbstbewußt hinzu: „Ich wußt, Ihr bäht et nit rate! No, bann will ich et Eich sahn: In ber Gießener Klinik!"
In ber Klinik? Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen.
Augenscheinlich verursachte meine grenzenlose Ueberraschung dem greifen Weibchen großes Vergnügen, denn es lachte mit dem ganzen Gesicht: „Gelle, da guckt Ihr?"
In der Klinik! Mein Gott — ich war ordentlich entsetzt. Vor meinen Blicken tauchte ein weitläufiges, hohes Gebäude auf, in dem ich einmal eines ärztlichen Rates wegen vorübergehend geweilt. Jeder Tritt hatte in beit geräumigen Gängen wider- geftallt, ber bekannte „Lazarettgeruch" fich mir beängftigenb um Herz und Hirn gelegt, bie Aufschrift „Operationssaal" ein sröstelnbcs Grauen verursacht, und ich hatte meinem Schöpfer aus tiesinnerster Seele gebankt, als ich wieder draußen stand, draußen im herrlichen Sonnenschein und das Hans hinter mir wußte, dessen Mauern Qualen und Leiden ohne Ende umschlossen. Und diesen fürchterlichen Ort nannte das alte, lächelnde Weibchen da vor mir den Himmel!
Ein unsagbar wehes Gefühl durchzuckte mich. Welch ein Dasein mußte bie Aermste führen, um ben Aufenthalt in einer solchen Schmerzensanstalt ber himmlischen Herrlichkeit gleich zu preisen! Wie eine Heldin erschien sie mir, sie, bie Mit dem Ausdruck höchster Glückseligkeit von der Klinik sprach, an die ich nur mit Schaudern zu denken vermochte.


