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gegen alles hätte, was nach Wein aussicht. Kannst dn dir vorstellen, Staberow, das; das Mädel den Wein als den Anfang von allein Unglück ansieht? Was eine Unvernunft, nicht wahr? Nee, trink inan allein ans! Mir ist gerade jetzt, als wenn die blauen Mädelsaugen über Wald vntr Heide hinweg durch die Wände sehen bis tief hinein in das alte schwache Herz."
Er ließ sich schwerfällig und unter leisem Ausstöhnen in den Sessel sinken. Tas Hvlzbein steif von sich gestreckt, die kurzen, gichtisch verkrümmten Finger über dem respektablen Bäuchlein verschränkt, schaute er angelegentlich auf die Chaussee hinaus. Tie letzten braunen Blätter rieselten von den Bäumen, und die kahlen Zweige zitterten wie fröstelnd im Herbstwind.
War es das, was ihn da draußen fesselte? Schaute er nach der Tochter aus? Oder wollte er nur nicht zusehen, wie sich Jochen Staberow den guten Tropfen zu Gemüte zog? Letzterer schien das anzunehmen; denn bei jedem Schluck wandte er sich diskret zur Seite und vermied jedes Schnalzen oder jede sonstige Aeußerung des Behagens. Erst nachdem er die Flasche geräuschlos beiseite gestellt und dann umschichtig mit beiden Handrücken die Lippen wischte, konstatierte er einfach:
„Nu ist's alle, Baron."
„Tas ist es wohl", erwiderte dieser mit einen; so schweren Seufzer, daß Herr Staberow in seinem beeidigten Reinigungsgeschäft überrascht innehielt. Aber er begriff bald, daß diese schmerzvolle Resignation sich nicht auf den Wein bezog. „Komplett alle", fuhr der Alte mit abgewandtem Gesichte fort; „da pickt kein Hahn ein Tippelchen von ab. Und für mich sollt' mir das schon egal sein. Ist man denn überhaupt noch 'n Mensch —, Mit seinen halben Knochen und den verflüchtigen Polypen? Ta ist es schon am besten, man kriegt mit den; Spaten was hinten vor und legt sich um. Aber das Mädel, Staberow! So ein Wurm von knapp achtzehn! Herrgott im hohen Himmelszelt! Kannst du dir vorstellen, wenn das so mit dem Regenschirm in der
einen und mit dem eingebündelten Sonntagsschen
in der andern Hand auf der freien Landstraße steht und nicht weiß, ob es "rechts oder links gehen soll? Jochen Staberow, wenn mir „der" Gedanke kommt, dann hab' ich's im Halse wie eine Nudelgans, der man einen zu dicken Kloß remgewürgt und die dran sticken muß. Brüllen könnt'- ich — und mich dann wieder über eine Bank legen und mir mit meinem eigenen Holzbein fünfundzwanzig aufzählen, daß es nur so hagelt!"
„Fünfundzwanzig langen nicht, Baron."
„Tu bist ein alter Esel, Jochen Staberow, und eine rohe Natur obendrein. Wieso meinst du? Bin ich denn wirklich so schuldig? Wie hat denn überhaupt das ganze Unglück angefangen, he? Denk' doch mal zurück, was der Pardubitzer Knieper für ein Mensch gewesen ist, solange feine Frau noch lebte. Alleweil nüchtern wie ein Milchkalb — mit alleiniger Ausnahme beim Vieh- und Wollmarkt. Plötzlich fällt es der Frau nach zwölf Jahren ein, noch 'was Kleines zu kriegen. Gut, denk' ich, und freu' mich. Wie es aber soweit ist — just zu Weihnachtsheiligabend — legt sie mir das kleine Menschenkind wie eine Julklapp in die Arme, dreht sich auf die andere Seite, als wär' alles in schönster Ordnung, und stirbt. Damit hat's angefangen. Mit dem Menschen ist's wie mit'»; Pferd, mußt du wissen. Wenn so 'n alter Krippensetzer, der an Kandarre gewöhnt ist, Zaum und Zügel verliert, dann kriegt er Rücken. Ich hab' auch welche bekommen; erst 'n paar, dam; immer mehr. Wie mir dann der Rotfuchs, dem ich mit dem Trokar zu Leibe wollte, das Bein zerschmetterte, hast du ja miterlebt. Wenn ein Landwirt heute zurechtkommen will, braucht er sechs Beine und nicht bloß anderthalb. Dn hast auf Roten- buchen auch Pleite gemacht, weil du man zwei gehabt hast und die zwei auch noch eigensinnig immer nach der Stadt gingen, anstatt auf deinen Klutenacker. Kiek mich nicht an, als wenn du mich fressen wolltest! Es ist so! Nachher bist du ja vernünftig geworden, hast deine letzten paar Kröten in ein Haus vor dir selber sichergelegt und mir dann als ein treuer Freund geholfen — in der Wirtschaft und mit dem Portwein. Tu gehörst zu den Menschen, die durch Schaden klug werden. Ich nicht. Anstatt der Klugheit hab' ich die Polypen in die Nase gekriegt, den Reiß- mirtüchtjg in die Pfoten und den Sequester auf den Hals. Fehlen mir bloß noch fünfzig Taler, damit ich mich
nicht 'runterärgern zu lassen brauche, sondern freiwillig abziehen kann von der Scholle, auf der die Kniepers zwei-- hundert Jahre mit Ehren gesessen haben."
Nach diesem längeren Vortrage war es eine Weile totenstill im Zimmer. Endlich schneuzte sich Jochen Staberow gewaltig in sein buntes Sacktuch und räusperte sich.
„In Deinen Memoarjen sind Dir verschiedene Irrtümlichkeiten nntergelaufen, Baron. Besonders was mich betrifft und den Portivein. Aber ich will Dir das nicht Nachträgen, weil du einen Knacks in den Nerven und auch man bloß anderthalb Beine hast. Außerdem habe ich schon in der Stadt gehört, wie es um dich steht. Deshalb bin ich hergekommen und um es kurz zu sagen —"
Er unterbrach sich mit offenem Munde. Theobald von Knieper mußte aus der Chaussee etwas erspäht haben, was ihn in eine lebhafte Unruhe versetzte. Zunächst griff er nach seiner Schnupftabaksdose, als wenn er draußen jemand damit iverfen wollte. Dann aber erwischte er das Vergrößerungsglas, dessen er sich beim Lesen bedienen mußte, klemmte es wie ein Monokel ins Auge und meckerte ein lantschallendes „Mä—ä—ä—öl"
„Wieso bist du ein Zickenbock, Baron?" fragte dec andere konsterniert.
„Nachher, Staberow, nachher! Wenn du mein Freund bist, mach' auch määäää — und das so laut du kannst! Mä—ä—ä—ä—ä!"
„Oha, du bist mir doch nicht brägenklüterig geworden, Baron? Ja, ja, ich mach' ja schon, wenn es dich freut! Also — määäää!"
Das sonderbare Konzert brach erst ab, als ein hochgewachsener junger Mann nach einigem vergeblichen Klopfen die Tür öffnete und ins Zimmer trat. Das schmale arilto- kratische Gesicht war in Unmut gerötet, und als er das provozierende Brennglas des Barons sah, zwinkerte er mit einer heftigen Bewegung sein Monokel aus dem Auge. Daß er dieses nicht bloß zum Staat trug, ergab sich aus dec eigentümlichen, seitlich nach vorn geneigten Kopfhaltung, die er nun einahm, nnd aus dem unsicheren Blick. Der Unmut verschwand jedoch aus seinen Zügen. Ec hatte sich bezwungen, und zwar mit einer Leichtigkeit, die darauf schließen ließ, daß er derartige Scherze gewohnt war und in der Selbstbeherrschung einige Routine hatte. Er verbeugte sich mit vollendeter Artigkeit.
„Verzeihen Sie, meine Herren, daß ich das Ende ihrer angeregten Unterhaltung nicht abwarten konnte. Ich habe ein unruhiges Pferd draußen, das ich nicht lange ohne Aufsicht lassen darf." Dann stellte er sich unter abermaliger Verbeugung dem Gaste des Barons vor: „von Meck — aber nur mit dein einfachen kurzen „e", wenn ich bitten darf, nicht Määääck, wie das vielfach mißverständlich an- genomincn wird."
„Spinöser Kerl," knirschte der Baron in sich hinein, indem er das Glas beiseite legte und seinen; Freunde einen äußerst mißbilligenden Blick zuivars. Jochen Staberow hatte nämlich nicht nur seinen Namen genannt, sondern auch ein verbindliches „sehr angenehm" hinzugefügt und außerdem mit dem rechten Hinterfuß derart hinten ausgescharrt, daß die Portweinflasche mit lautem Bums umfiel.
„Tritt dir man nicht auf 'n Shlips, Staberow," ließ sich der Baron grollend vernehmen. „Komplimentiert wie ein Hammel vor dec verschlossenen Stalltür! Die Herren kennen sich doch überhaupt schon. Das ist der Oberste von meinen Aufpassers, Jochen Staberoiv, und wohl auch dec nämliche, der dich vereidigt hat, mir nichts zu pumpen —*
„Ich hatte noch nicht das Vergnügen, dem Herrn zn begegnen," erwiderte Herr von Meck gelassen. „Sollte einer meiner Beamten etwas dergleichen nahegelegt haben, so geschah das pflichtgemäß im Sinne der vormundschaftlichen Bestimmungen."
„Nu weißt du's also ganz genau, Staberow! Heute sind Grünschnabels nicht mehr Grünschnabels, sondern Vormünder, und zwar deshalb, weil sie das Maul immer vor-


