Nr. 187
1906
77MZMW tiR
MiLirvoch den 19. Ktzemöer
L . f
ZM
And zürne nicht!
Weihnachts-Erzählung von Deo von Torn.
Nachdruck verboten.
I.
„Nee, Stäüeroiv — tote ich mich freue! Wahrhaftigen Gott! Ist doch mal wieder 'n Mensch! Wo man so lange keinen gesehen hat! Haben dich denn die Aufpassers überhaupt ’retngelassen?"
Der alte Baron von Knieper hatte den Krückstock unter den Arm geklemmt, um beide Hände frei zu habet:. Mit diesen beiden Händen betastete er glückselig die Stopepl-- wangeu und die Glatze seines einstigen Gutsnachbarn und späteren Oberinspektors Jochen Staberow, der sich das auch friedlich gefallen ließ. Nur als der Baron die schwachen Augen zu dicht an sein Gesicht brachte, sodaß die gelb- weißen Lambrequins des kolossalen Schnauzbartes ihn kitzelten, machte er eine krause Nase und wandte den Kopf Lin wenig zur Seite.
„Wenn du mir 'n Kuß geben willst, Baron", sagte er in jener ernsten und bedächtigen Art, durch welche Jochen Staberow auch der unwesentlichsten Bemerkung einen Anstrich von Wichtigkeit zu geben wußte, „denn mach' 'n -bischen fix, weil ich sonst niesen muß, Setz' dich man Merhaupt hin mit deinen kranken Knochen. Wieso meinst du, daß sie mich nicht 'reinlassen sollten?"
„Weil das eine Schwefelbande ist! Deshalb. Sieh'mal, Vorige Woche hatte ich mir bei Behncke in Lübeck ein Faß Roten bestellt, wovon ich dir nu so schön ein Glas vorsetzen könnte. Glaubst du, sie haben's durchgelassen? Gott bewahre! Vorgestern war der Lewin hier — du weißt doch: der buckelige Lewin aus Neubrandenburg, mit dem ich immer meine Geschäfte gemacht habe — den haben sie gar nicht erst auf den Hof gelassen. Die Seffi hat gesehen, wie Lr mit seinem alten Fliegenschimmel wieder hat abfahren Müssen. Und ich sitz' da ohne die fünfzig Taler, die ich so nötig brauche. Ist das eine Zucht!"
Jochen Staberow pfiff leise durch die Zähne und machte Lin Gesicht, als hätte er eins der schwierigsten Rätsel des Lebens gelöst.
„Nu weiß ich auch weshalb ich beinah' hab' schwören Müssen, daß ich dir kein Geld borgen tu'."
„Siehst du, da hast du die Katzenpastete! Diese verflüchtigen Triddelsitze! Verweigern einem alten Mann auf seinem eigenen Grund und Boden — ist dir was, Jochen Staberow?"
„Nee, mich hat bloß mal gehüstert. Ich muß mich wo verkühlt haben."
., .//Ra denn schon' dich man, daß du nicht auch den verfluchten Reißmirtüchtig in die Scharniere kriegst. Also
sollt' ich doch sagen? Ja: sie verweigern einem ^ch^.^oßden standesgemäßen Unterhalt, sondern auch- die Möglichkeit, daß man sich was Pumpt. Mach' die einen
Begriff, Staberow, wüs bas für ein Zustand ist! Abey ich weiß, daß du mein Freund bist und dich nicht beschwatzen läßt von der Schwefelbande. Ich mein’, fünfzig! Taler sind schließlich auch kein Geld —"
Der emeritierte Landwirt beantwortete den zwischen Zuversicht und Zagheit auf ihn gerichteten Blick mit den verständnislosen Frageaugen eines Schwerhörigen.
„Du siehst eigentlich noch ganz gut aus, Baron", sagte er mit einer Ueberzeugung, als wenn er die ganze Zeit über an nichts anderes gedacht. „Verändert hast du dich gar nicht in den zwei Jahren, wo wir uns nicht gesehen. Bloß in den Nerven mußt du einen kleinen Knacks weg- gekriegt haben — wegen der allgemeinen Unruhigkeit. Wes-, halb hnmpelst du immer in der Stube 'rum, Baron?"
„Weil ich suche, was ich dir vorsetzen könnt'. Die Seffi ist in der Stadt — und außer dem greulichen Sauerbrunnen seh' ich nichts. Oder magst du vielleicht ein Glas Sauerbrunnen?"
-Dieses weniger. Du wirst schon noch was anderes finden. Geh man immer deiner Nase nach, die sieht so schön bunt aus, als wüßte sie eine bessere Quelle".
„Das sind doch die Polypen, Staberow", erwiderte der alte Herr in einem tiefen, vorivurfSvolleii Brusttöne. Gleich darauf nahm das verwitterte Gesicht einen listig geheiumis- vollen Ausdruck au. Er legte den Finger an die Nasenwurzel und machte: „Sssssssfs—t! . Mir fällt was ein, Staberow. Wie man vergeßlich wird mit den Jahren, das glaubt kein Mensch. Ich hab wahrhaftig noch eine Flasche von dem bewußten Portwein. Und wenn du mir schwörst, daß du der Seffi nichts sagen und dir hinterher ordentlich den Schnabel wischen wirst, dann sollst du was 'von abhaben".
Jochen Staberow nickte ernst und verfolgte mit Interesse, wie der Baron zu seinem Lehnstuhl stelzte, den Sih desselben aufhob und nach einem sichernden Blick aus bem Fenster sowie unter allerhand unistündlichen Vorsichtsmaßregeln eine Flasche hervorholte. Als der Schah gehoben war, niekte Jochen Staberow noch einmal — und zwar befriedigt.
„Du kannst dich ganz auf mich verlassen, Baron. Wenn ich schon beeidigt habe, daß ich dir nichts borgen werbe, weshalb soll ich nicht schwören, mir den Mund zu wischen! Das geht in einem hin. Du scheinst aber in aller Vergeßlichkeit schon ganz hübsch genascht zu haben an der Flasche? Es ist man kaum noeh ’n Viertel drin —*
„Wahrhaftig!" rief der Alte in ziemlich glaubwürdiger Ueberraschung, indem er die Flasche gegen das Licht hob. „Das muß teilt ausgelaufen fein. Aber das kommt davon, wenn man mit der edlen Gottesgabe Versteeken spielen muß. Ich würde es auch nicht tun — nu trink' mal erst, Staberow, aber vorsichtig, daß du dich nicht verschlüekerstl — würde es nicht tun, wenn die Seffi nicht gar eine so große Abneigung


