Ausgabe 
19.11.1906
 
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Nein, das sagte sie nicht", unterbrach sie Jack;sie wußte, es wäre nutzlos gewesen."

Versuchte sie atfo: nicht, irgend jemand anders die? Schuld zuzuschieben?"

Nein, weshalb hätte sie das tun sollen? Miß West hat eine gute Portion gesunden Menschenverstand."

Und nicht zufrieden mit dem, was Sie von ihr er­preßt haben, verraten Sie jetzt ihr Vertrauen so schmählich und kommen zu mir, um zu sehen, was Sie von mir noch erpressen können."

Nein", erwiderte er,das nicht. Ich will nichts von Ihnen, als nur Ihre Tochter."

Wenn ich Ihnen jährlich zweitausend Pfund anböte?"

Es ist nicht Geld", erwiderte er mürrisch.Ich will Ihre Tochter. Ich will nun mal Elsie zur Frau haben und Ihr Mann würde meiner Karriere in der Welt ordent­lich nachhelfen."

Er würde Sie eher erschlagen", erwiderte sie stolz.

Er lachte höhnisch.

Gewiß, das wäre besser um der Ehre und des hohen Namens der Familie willen, wenn ich tot wäre", sagte er;aber ich habe noch ein ganz nettes Leben vor mir. Menn mau alles bedenkt, was vorgefallen, könnte Miß Elsie eine schlechtere Partie machen."

Sie gab diesmal keine zornige Erwiderung.

Herr Jefferies", begann sie kaum hörbar,würde es vielleicht helfen, wenn ich Sie bäte, Mitleid mit mir zu baben und Geld- Juwelen, kurz alles, was ich sonst habe, zu nehmen, aber meine Tochter zu schonen?"

Es ist hart,nein" zu sagen, Lady Wayne, aber ich will nun einmal nichts anderes als das, was ich verlangt habe Ihre Tochter."

Aber ich habe doch", fuhr sie fort,ich habe doch etwas von einem jungen Mädchen gehört, bei Ihnen zu Hause, das Sie liebten und das Sie heiraten wollten?"

Ja, das habe ich mir eingebildet. Ich glaubte, ich liebte sie, bis ich Ihre Tochter sah, Lady Wayne; da ent­deckte ich, daß ein dmmmes Bauernmädchen keinen Reiz für mich haben konnte."

Ein ganz schwaches Rascheln im dichten Gebüsch.

Wenn Sie doch nur diese unselige Idee aufgeben wollten", begann Lady Wayne wieder,wenn Sie doch nur wieder nach Hause gehen und dies Mädchen, von dem Sie sagen, Sie liebten es, heiraten wollten so wollte ich Sie reich machen"

Und wären mich mit guter Manier los", unterbrach er sie mit einem kurzen Auflachen.Aber die Zeiten haben sich für mich geändert. Ich weiß noch nicht recht, ob mir dies Mädchen, das ich früher mal gern hatte, jetzt noch als Magd passen würde."

Das waren seine letzten Worte. Klar und deutlich fielen sie in dias brütende Schweigen der lauen Nacht. Lady Wayne sah auf, um ihm zu antworten, und das Mondlicht fiel auf ihr blasses, verzweifelndes Gesicht.

Doch die Antwort sollte nicht über ihre Lippen kommen. Sie hörte einen kurzen scharfen Knall, dann einen schreck­lichen Schrei warmes Blut strömte ihr über Kleider und Hände, dann schwankte Jack Jefferies einen Augenblick, strauchelte und fiel vornüber gegen sie.

Zuerst war sie wie gelähmt; instinktmäßig wich sie zu- rück, und er siel, mit dem Gesicht nach vorn, schwer und dumpf in das dichte Gras; und das brütende Schweigen der Nacht sank wieder hernieder und hüllte sie ein, als sie da in Todesschrecken wie angewurzelt stand.

Sie hörte nicht ein leises Geraschel in ihrer Nähe, als ob jemand im Dickicht sich bewegt habe. Sie stand gelähmt, halb bewußlos, keines Gedankens mächtig vor Schrecken. Ein leiser Schrei entfuhr ihr.

O, mein Gott/ sagte sie,was ist das?"

Sie sah ihre Hände von Blut gerötet, ihre Kleider da­von befleckt, und der Anblick ließ ihr das Blut fast in den Adern erstarren.

_ Sie verstand zuerst gar nicht, was vorgefallen, sie be­griff nicht, daß er erschossen war. Es war wie ein fürchter­licher Traum eine gräßliche Unwirklichkeit! Was war es? Was bedeutete dieser scharfe plötzliche Knall? Warum lag er da so still und regungslos?

Sie beugte sich nieder und sprach zu ihm, keine Ant- w ort erfolgte, Sie richtete ihm den Kopf halb auf und sah

im nächtlichen Dämmerlicht ein Totengesicht, gräßlich entstellt in seiner Todesqual.

Mit einem Schrei sprang sie empor und floh, floh davon durch die Lindenallee und den Rosengarten zurück in das Haus, in die sichere Zuflucht ihres eigenen Zimmers.

Sie verschloß die Tür und blieb dann, nach Atem keuchend, inmitten des Zinuners stehen, wilde Blicke umher­werfend, wie ein gehetztes Tier.

Tiefe Stille herrschte im Hause, nur einmal unterbrochen durch ein lautes Gelächter aus Lord Waynes Arbeitszimmer. Sie hörte es und von neuem überfiel sie tötlicher Schrecken.

Sie sank erschöpft zu Boden.

Gott, mein Gott," stöhnte sie,hilf mir, ober ich muß sterben I"

Alle Kräfte des Willens und der Entschließung schienen sie verlassen zu haben und sie war wie gelähmt. Nach und nach löste sich aus dem wir en, fassungslosen Schrecken der Gedanke, daß sie vor allem jegliche Spur der Blutflecken ent­fernen müsse.

Sie erhob sich mit zitternden Gliedern, legte den kost­baren Schmuck ab; dann ihr blutiges Oberkleid, das von perlgrauer Seide war. Hastig rollte sie es zusammen und verbarg es in der entferntesten Ecke des Kleiderschrankes; dann versuchte sie ihre Hände zu waschen, doch das Wasser war kalt, und die Flecken gingen nur langsam und unvoll­kommen ab.

Sie schellte einem der Mädchen, um sich warmes Wasser bringen zu lassen.

Das Dienstmädchen sah erstaunt auf das blasse, starre Gesicht und das lange, goldbraune Haar, das vollständig auf­gelöst herniederflutete.

Wollen Sie mir etwas heißes Wasser bringen, aber schnell!"

Während sie sprach, war sie aufs ängstlichste bemüht, die blutbefleckten Hände vor den Augen des Mädchens zu verbergen.

Als das Mädchen zurückkehrte, sagte sie:Setzen Sie das Wasser Sahin und gehen Sie!" Sie wagte nicht, die Hand danach auszustrecken.

Das Mädchen gehorchte; aber als sie das Zimmer ver­ließ, trug ihr Gesicht einen sonderbaren Ausdruck.

Sie goß das heiße Wasser schnell ins Waschbecken und legte die Hände hinein. Beinahe wäre sie .wieder ohnmächtig geworden, als sie sah, wie das Wasser allmählich eine dunkel- blutige Färbung annahm. Nach einer Weile zog sie die Hände wieder heraus; sie waren weiß wie zuvor; sie hielt sie ans Licht sie waren rein. Dann goß sie das blutige Wasser hastig fort ins Bassin.

Die ganze Zeit über schien es ihr, als ob sie kaum atme. Ein leises Stöhnen, ein trocknes Schluchzen war alles, was über ihre Lippen kam. Stets sah sie die stille stumme Gestalt vor sich, die da draußen auf dem Gesicht im hohen Grase lag.

Plötzlich gaben die überreizten Nerven nach, und Lady Wayne sank, blaß und besinnunglos, neben dem Bett auf den Teppich nieder.

(Fortsetzung folgt.)

Färben und Sterben der Blätter im Herbst.

Im Herbst vollzieht sich mit der Verminderung der Lebenskraft der Pflanze eine Wanderung aller Stoffe, bie der Pflanze für die Zukunft noch von Nutzen fern können, von den Blättern in den Stamm. Die in den Blättern zurückbleibenden Stoffe, denen die bunten Herbstfarben hauptsächlich zuzuschreiben sind, haben eben keinen weiteren Nutzen für die Pflanze, es ist im Gegenteil ein Vorteil für sie, sich ihrer zu entledigen, doch ist noch ein anderer Grund, warum die Pflanze die Blätter schließlich ganz abwirft. Würden die Bäume auch bei uns ihre Blätter den Winter über behalten, so könnte ein starker Schnee-, fall sie in die Gefahr bringen, durch die aufliegende Last, ganze Aeste zu verlreren. Vielleicht haben auch aus diesem Grunde die immergrünenden Bäume ganz, glatte, unbe­haarte Blätter, damit deren Gewicht möglichst wenig ver-